Sind Sie erwachsen?

Woran man das merkt.
Tingler

Ist es ein Zeichen von Infantilität, mit 50 noch auf dem Skateboard herumzuhüpfen? Tony Hawk stellt sich solche Fragen wohl nicht. Foto: Don Arnold (Getty)

Auch wenn Philosophen wie Robert Pfaller konstatieren, dass wir uns auf die selbst infantilisierte Gesellschaft zubewegen, die «Erwachsenheit» nicht mehr selbstverständlich erwartet, meine Damen und Herren, schliesst das ja individuelle Erfahrungen dieses Zustands nicht aus. Des Zustands der Erwachsenheit, meine ich. Für Pfaller bedeutet dieser Zustand: Erstens Selbst- und Weltdistanz, zweitens Toleranz für Ambiguität und Ambivalenz sowie drittens Widerstandskraft, oder, psychologisch: Resilienz. Stimmt alles.

Und dann gibt es noch diese kleineren und grösseren Signalmomente, in denen man seine Erwachsenheit gewissermassen feststellt. Sie wissen, was ich meine, oder? Ich meine beispielsweise jenen Moment, in dem Sie feststellen, dass Sie aufgehört haben, Ihre Eltern für alles verantwortlich zu machen. Und hier kommen noch fünf weitere solcher Augenblicke der Erkenntnis:

  1. Sie diskutieren mit Ihrer besseren Hälfte vor dem laufenden Fernseher ausführlich darüber, wie man am schnellsten per Fernbedienung Buchstaben in die Suchmaske Ihres interaktiven TV-Geräts eintippt.

  2. Was früher Freudsche Versprecher waren, sind heute für Sie Autokorrekturausrutscher.

  3. Sie bezeichnen Popkultur als «den dynamischen Raum zwischen Kunst und Alltagsverstand».

  4. Sie empfinden es als peinlich, wenn jemand Ihrer Alterskohorte in irgendeiner Variation den Ausdruck «heisser Scheiss» benutzt.

  5. Sie stellen fest, dass Sie zu kalt angezogen sind.

10 Kommentare zu «Sind Sie erwachsen?»

  • Edi sagt:

    Zu 3 und 4: In der Buchhandlung meines Misstrauens entdeckte ich vor ein paar Tagen einen Stapel von Slavoj Žižek, Der Mut der Hoffnungslosigkeit, 2018. Zwanghaft kontrollierte ich das Inhaltsverzeichnis und stiess auf die Überschrift eines Unterkapitels: „Die öffentliche Defäkation als eine schöne Kunst betrachtet“. Žižek beginnt dort, etwas über Trump zu schreiben. Geiler Scheiss!

  • Reto Müller sagt:

    6: Sie wippen mit zur Fahrstuhlmusik..

  • Kristina sagt:

    Das Silberbesteck in den Garten werfen und sich im Fruehjahr an gefundenen Schätze erfreuen?

  • Martin Thalmann sagt:

    In die gleiche Kategorie gehört: Plötzlich gefällt einem Radio SRF1. Weit entfernte In-Places locken nicht mehr wirklich, denn erstens nicht nachhaltig zweitens zu stressig.

  • Daniel sagt:

    Um es offen zu sagen, lieber Herr Tingler, die Frage nach dem Erwachsenwerden, insbesondere die Frage, ob man wirklich erwachsen geworden ist, wenigstens, nachdem man sonst kaum erreicht hat, was man zu erreichen hoffte, ist eine typische Frage von Mitvierzigern, getroffen von der Wucht der Midlifecrisis. Der Verlust der Jugend wird da gerne als Aktiva verbucht, als Grundstock an Lebenserfahrung, die sich mit dem Erwachsengewordensein unverkennbar als kohortengerechtes Stilbewusstsein, Erwachsenensprache, zynischem Humor als vermeintliche Weltgewandtheit, Utilitarismus, Selbstgenügsamkeit und einer als Resilienz getarnten Trägheit manifestiert. Dergestalt uniformiert, kann man sich dann wunderbar von der Jugend abgrenzen, welche doch so naiv, so unselbständig, so unerwachsen daherkommt.

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