Der Rote-Teppich-Komplex

Oder: Geld gegen Gewissen.

Von wegen Stil-Ikonen: An den Oscars sehen wir eine professionell inszenierte Produktwelt. (Foto: iStock)

Kleider sprechen, meine Damen und Herren. Manchmal schreien sie auch. Neuerdings hat sich die Vielzahl möglicher Signale noch erweitert, denn wir leben im Zeitalter eines Phänomens, das ich gerne als «Hashtag Dresscodes» bezeichnen möchte. Um den Hashtag MeToo zu unterstützen, trugen bei den Golden Globes alle Schwarz, dann bei den Grammys alle weisse Rosen, und jetzt, bei den bevorstehenden Oscars … wieder Schwarz? Gar nicht so einfach. Fest hingegen steht: Wenn Kate, Herzogin von Cambridge, heftig kritisiert wird dafür, dass sie unlängst bei der Verleihung der britischen Filmpreise nicht, wie zur Unterstützung der Kampagnen MeToo und «Time’s up» gefordert, Schwarz trug, sondern ein dunkelgrünes Empirekleid mit schwarzem Gürtel (Mitglieder des Königshauses tragen nur bei Trauer Schwarz) – dann wird die Frau wieder einmal nur auf das reduziert, was sie anhat.

Professionell stilisiertes Oscar-Paket

Die wahre Kleiderprobe jedoch steht unmittelbar bevor: die Oscars. Der rote Teppich bei den Oscars ist in den letzten zwei Dekaden zu einer eigenen Industrie geworden, die, wie viele spätmodernen Industrien, auf einer Illusion basiert: dass sich die Stars, vor allem die weiblichen, ihre Kleider selbst aussuchten, ihrem persönlichen Stil gemäss. Tatsache ist, dass uns auf dem roten Teppich an Körpern wie dem von Jennifer Lawrence (Dior) oder Michelle Williams (Louis Vuitton) oder Keira Knightley (Chanel) ein professionell stilisiertes Marken-Paket vorgeführt wird, eine professionell inszenierte Produktwelt, die von den betroffenen Schauspielerinnen gegen ordentliches Entgelt als sogenannte Botschafterinnen repräsentiert wird. Mit besagtem Entgelt lassen sich durchaus gute Dinge tun, zum Beispiel Indie-Film-Auftritte quersubventionieren oder Wohltätigkeit unterstützen; dies liegt im Ermessen der einzelnen Darstellerin.

Die Monroe kaufte ihr Jean-Louis-Kleid selbst

Was weniger in ihrem Ermessen liegt, sondern zum Pflichtenpaket der Botschafterin gehört, ist: die Marke zu promoten. Für diesen Deal ist wichtig, dass die Schauspielerinnen nach ihren Kleidern befragt werden, also genau jener Vorgang stattfindet, in dem manche Schauspielerin-Schrägstrich-Aktivistin eine sexistische Reduktion auf Oberflächen und Äusserlichkeiten erkennt. Hier sei daran erinnert, dass es bis Ende des letzten Jahrhunderts bei den Oscars völlig unüblich war, sich bei den ankommenden Stars zu erkundigen, welches Label sie trugen, ja, überhaupt aus dem Ankommen selbst bereits einen eigentlichen Anlass mit eigener Berichterstattung zu machen. Bis die legendäre Joan Rivers 1994 damit anfing. Mit der ebenso legendären Frage: «Who are you wearing?»

Und diese Frage wird nun zur Gretchenfrage: Geld oder Gewissen? Übrigens: Marilyn Monroe hat 1962 jenes mit 2500 Swarovski-Kieseln besetzte Jean-Louis-Kleid, in welches eingenäht sie für JFK «Happy Birthday» sang (und das unlängst für knapp 5 Millionen Dollar versteigert wurde), selbst bezahlt. Das scheint heute schwer vorstellbar. Aber zu selbstständigen Frauen gehört eben auch, dass sie sich ihre Kleider selber kaufen.