Der ironische Schnurrbart

Was ist das Gegenteil von Ironie? Instagram.

Was ironisch daher kommt, ist nicht zwingend ironisch. Montage: Laura Kaufmann

Der Schriftsteller Robert Gernhardt hat einmal geschrieben, dass es keinen ironischen Orgasmus gebe, meine Damen und Herren. Dieser Linie folgend, könnte man feststellen: Es gibt keine Ironie auf Instagram. Natürlich gibt es jenen kindischen Unernst, den ich als «Schnurrbart-Ironie» bezeichnen möchte, eine Haltung, mit der Instagram-Existenzen das Sichselbstschönfinden verbrämen. Weil eben Eitelkeit und Selbstfixierung in unserer Benimmkultur immer noch für unsympathisch gelten, und wer will schon unsympathisch sein? Und so werden den Instagram-Posen Häschenohren angeklebt oder andere popkulturelle Versatzstücke zitiert oder neben hochbearbeitete Bilder Selbstzeugnisse gestellt wie: «Wieder ein schlechter Tag für meine Haare».

Da ist kein Mehr

Diese Art von Pseudo-Ironie ist wie ein Hipster-Tattoo oder der letzte Roman von Christian Kracht: Sie bedeutet nichts ausser den Zeichen, die man sieht. Philosophisch gesprochen: Sie erschöpft sich in Immanenz. Wahre Ironie, also Ironie nicht als Zitat, sondern als Geisteshaltung, als Haltung der nüchternen Distanz und skeptischen Reserve, des kritischen Pragmatismus, ist aber ihrem Wesen nach transzendent, das heisst über sich hinausgehend. Das ist Instagram selten. Der konsumistische Umgang mit dem objektivierten Selbst, das sich in Instagram spiegelt, ist regelmässig vollkommen unironisch; wie ja übrigens auch die sogenannte «Body Positivity», die vermeintliche körperliche Makel umarmen will und dabei in der distanzlosen Fixierung auf den Körper hängen bleibt.

Bekanntes Phänomen

Das Phänomen der (abwesenden) Selbst-Ironie auf Instagram kam auch zur Sprache, als ich vor ein paar Tagen an einer Podiumsdiskussion im Rahmen des «Zürcher Philosophie Festivals» teilnahm. Thema der überausverkauften Veranstaltung: «Me, my selfie and I – Selbstinszenierung über alles?» Das klingt sehr zeitgenössisch, nach einer nachtmahrhaften Gegenwart, nach aufwärtsmobilen Zerowaster-Millennials mit Fintech-Geschäften und nach digitalen Nomaden in Coworking Spaces, die ihr Herzalter und ihren Lifestyle Score optimieren.

Doch bereits vor über einem halben Jahrhundert, als von den neuzeitlichen Technologien der Selbstdarstellung noch keine Spur war, beschrieb der Philosoph Hans Blumenberg eine spirituelle Vakanz im Dasein des modernen Menschen (ungefähr das, was der Philosoph Georg Lukács nochmals gut 50 Jahre zuvor die «transzendentale Obdachlosigkeit» genannt hatte): «ein ganz ursprüngliches und tief eingewurzeltes Bewusstsein des Absoluten, dem die Erfüllung […] nicht gelungen ist».

Aus einer inneren Notwendigkeit heraus, schreibt Blumenberg, sei die Vakanz dieser gottlosen Religiosität zu besetzen. Und so wird dann beispielsweise der Körper zum Kultobjekt. Respektive die wechselnden und doch immer gleichen Bilder seiner Inszenierung. Das Ganze ist todernst, leider. Offenbar kann sich der spätmoderne Mensch Spiritualität in Verbindung mit echter, sokratischer Ironie nur noch schwer vorstellen. Obschon wir vielleicht genau das brauchten.

6 Kommentare zu «Der ironische Schnurrbart»

  • J. W. Goethe sagt:

    Sehr geehrter Herr Tingler
    Eigentlich war ich bis anhin der Meinung das ich der deutschen Sprache mehr oder weniger mächtig bin.
    Wenn ich aber Ihren Text lese, frage ich mich ernsthaft ob ich nicht doch lieber in germanistik ein Doktor gemacht hätte statt einer gutschweizerischen Lehre.
    Machen Sie uns und sich selbst doch einen Gefallen, und versuchen es mal mit etwas weniger Wichtigkeit.
    Denn die Botschaft welche Sie mit dem Text verbreiten möchten, bleibt auch bei einer etwas weniger wülstigen Wortwahl die selbe.
    PS Wer die Rechtschreibefehler findet, darf sie gerne behalten.

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Inzwischen ist mir bekannt, was sokratische Ironie ist. Aber es ist mir ein Rätsel, was dabei „echt“ (mit folgendem Komma) bedeuten soll. In einem ersten Schritt würde man meinen, das sei ungekünstelt, unverfälscht. Aber im zweiten Schritt frägt man sich, wer denn Solches bezeugt, bescheinigt. Nun, wir erkennen uns inzwischen als unabhängig denkende, autonome Singularitäten. Aber damit ist die Meta-Ebene zwischen dem Ironiker und dem Angesprochenen noch nicht (zwingend) geschlossen. Ist denn der gewünschte Effekt nur das angekommene schmunzelnde „Verständnis“? Nein, nur das kann es nicht sein. Vermutlich hängt die Ironie von einem kontingenten „Verständnis“ ab, das völlig unterschiedlich ausfallen kann. Da geht aber ein grosser Fächer auf! Und – oh! – wieder die Autonomie.

    • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

      Aber die Kontingenz steht doch gegen den Indeterminismus, denn nur der Zufall lässt uns auch keinen freien Willen. Nun, nach Dewey kann man durchaus einem „weichen“ Determinismus folgen, vielleicht dem, was Sie, Herr Tingler, Schicksal und ich die Summe der Freiheit der Anderen (ist nicht von mir, aber ich kenne die Quelle nicht mehr) nenne. Die Lösung ist der (sehr) „weiche“ Versuch der Bestimmung (ungleich Machtausübung!) durch die Ironie. Solchem auf freiwillige, selbstdenkende und hermeneutische Art zu folgen, ist jedem Einzelnen überlassen. Das wäre eine Art des freiwilligen Aktes, einem Determinismus zu folgen oder eben nicht – ein formaler Widerspruch. Das liegt eben an den unglücklichen Abstrakta selbst, die nicht existieren. Aber das heisst nicht, dass diese keine Stütze sind.

    • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

      Zwei Gedanken fehlen noch. (1) Wenn der Angesprochene die vorerst verhüllte Ironie erkannt hat, nenne ich das persönlich: Transzendenz, eine Brücke zu lebenden Menschen, aber auch zu verstorbenen Künstlern, namentlich Literaten. Das ist keine Offenbarung (welche die Psyche belasten könnte), sondern ein ganz weltlich Ding. Obwohl die Neukantianer Verstand und Vernunft zusammenbasteln wollen, besteht doch ein immenser Unterschied. Damit bringe ich Vernunft in Zusammenhang mit dem Transzendenten, da reiner Verstand nichts Transzendentes an sich hat, was wir genau der Ironie zu verdanken haben. Diese kreiert sozusagen Gedankenparallelen oder sogar -übereinstimmungen, die leicht bestimmt sind oder waren, aber vernünftig, aber doch kontingent sind. Erst das macht den weiterführenden Anreiz aus.

    • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

      (2) Die Selbstironie. Man verhüllt einen Gedanken vor sich selbst, in der leichten Bestimmung, dass man diesen selbst enthüllen kann. Das klingt unsinnig. Aber in Kombination mit der (Selbst-)Transzendenz ergibt sich ein neuer Blick. Das hat nichts mit Schizophrenie zu tun, sondern die Aufgabe ist, das sich mehr oder weniger biologisch bedingte Verhüllen gegenüber sich selbst zu enthüllen und – wiederum anhand der Vernunft – neu, ehrlich und klar handzuhaben, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern selbst gegen aussen. Das Aussen schafft eine zusätzliche Brücke, die durchaus Freundlichkeit oder sogar Spass generieren kann, was befrieden und befriedigen kann. Beidseits. Das tönt zwar nicht nach Kant, aber ein Teii ist von diesem, unter Wahrung der Autonomie, der Kritik, des Urteils

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