Ich brauche nichts, und zwar dringend

Das Verkaufsfernsehen als Kulturstandsanzeiger.

Genau das habe ich gebraucht! Auch wenn ich es bis zur Teleshopping-Sendung gar nicht wusste. (Montage: Laura Kaufmann)

Eine typisch spätmoderne Erscheinungsform des Konsums ist: Teleshopping. Das Verkaufsfernsehen ist eine eigene Welt, meine Damen und Herren. Der Komiker Jerry Seinfeld hat unlängst als Gast in der «Tonight Show» mit Jimmy Fallon über einen Verkaufsfernsehmoderator (sofern man hier von «Moderation» sprechen kann) gesagt: «Er hat Gewichtsprobleme, also ist er glaubwürdig und sympathisch.» (Dies war wohl auch eine Erwiderung darauf, dass einige Stimmen in der amerikanischen Öffentlichkeit Jerry Seinfeld, der seinerseits keine sichtbaren Gewichtsprobleme hat, für eitel, selbstgefällig und überhaupt nicht sympathisch halten.) Doch das trifft die Wahrheit nur zum Teil.

Das Verkaufspersonal im Verkaufsfernsehen sieht in der Tat recht unterschiedlich aus, je nachdem, welche Produkte feilgeboten werden. Die Anpreiser von Haushaltsartikeln etwa wirken tatsächlich regelmässig wesentlich robuster als jene glatten, wulstlippigen, acrylnägeligen Erscheinungen unbestimmten Alters und bisweilen schwer bestimmbaren Geschlechts, die Mittel zur Schönheitspflege feilbieten. Was all diesen Protagonisten gemein ist, ist die Einstimmung in den grossen Konsensus des Teleshopping: Jedes Problem ist lösbar, auch solche, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie hatte.

Vom Topfset zur Sixtinischen Kapelle

Wenn die Historikerin Ute Frevert in ihrem jüngst erschienenen, lesenswerten Buch «Die Politik der Demütigung» mit Bezug auf Casting-Show-Formate feststellt, dass hier medial «konsensuale Blossstellungen» inszeniert würden (ausser bei «The Voice» natürlich, wie ich ergänzen möchte), könnte man im Falle des Verkaufsfernsehens von einem medial vermittelten «konsensualen Materialismus» sprechen. Materialismus in seiner trivialsten Variante: Eine Welt, in der alle Probleme lösbar sind, und zwar mit dem richtigen Ding.

Beim Casting-Fernsehen gehe es (inzwischen) weniger um Spass als vielmehr darum, anderen beim Scheitern zuzusehen, sagt Frevert, beispielsweise den Kandidatinnen fürs nächste Top-Model. Beim sozialethisch nicht weniger desorientierten Verkaufsfernsehen hingegen geht es ums Gewinnen, den Triumph der Machbarkeit: Jedes Problem hat eine Lösung, wenn man nur das richtige Mittel einsetzt. Das man vorher kaufen muss.

Dahinter steht eine klassische anthropologische Anschauung: der Mensch als Mängelwesen, endlich und anfällig, antriebsüberschüssig und handlungsorientiert, anderen Geschöpfen in Gestalt und Instinktausstattung unterlegen. Der Mensch als ein Wesen, das zeitgleich und komplementär zu seiner relativen Instinktarmut eine ungeheure Plastizität und Weltoffenheit, eine Formbarkeit, Lernfähigkeit und Erfindungsgabe besitzt und sich als Prometheus die Kultur als Ersatz-Natur oder zweite Natur erschafft. Aus dem Mängelwesen kann also die Sixtinische Kapelle entstehen oder das Topfset zum Aktionspreis von 346.95. Das bringt mich auf jene Pointe, mit der ich heute schliessen will: Was wäre, wenn Michelangelo heterosexuell gewesen wäre? Antwort: Er hätte die Sixtinische Kapelle schlicht weiss ausgemalt.

3 Kommentare zu «Ich brauche nichts, und zwar dringend»

  • Kristina sagt:

    Das was wir dort heute sehen, ist die überarbeitete, züchtige Version, Herr Tingler. Tatsache ist, dass der spirituelle Michelangelo die Figuren der Fresken kleiderlos gemalt hatte. Das mit dem Weiss, das kam erst nach dem Bildersturm.

  • Sebastian sagt:

    I. Zur Erschaffung des Adam von Michelangelo eine weitere jener Pointen: Warum hat Adam einen Bauchnabel?

    II. Zu Seinfelds Schluss von Gewichtsproblemen auf Glaubwürdigkeit und Sympathie aus der Hymne an die Schönheit von Baudelaire:

    Kommst du vom Himmel herab, entsteigst du den Schlünden? / Aus deines teuflischen, göttlichen Blickes Schein / Strömen in dunkler Verwirrung Tugend und Sünden, / Schönheit, und darin gleichst du berauschendem Wein.

  • Hans sagt:

    Zitat:
    *Rita Mae Brown

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