5 Irrtümer der Küchentisch-Philosophie

Nein, nicht alles geschieht aus einem Grund: Gemeinplätze, die uns in die Irre führen.

Eben doch: Schlimmer geht immer! (Foto: iStock)

Ich lese eben im grossartigen Werk «Das Gespenst des Kapitals» des Literaturwissenschaftlers und Philosophen Joseph Vogl: «Die Welt ist unlesbar, der Weltzusammenhang undeutlich und der Lauf der Dinge richtungslos geworden, die Serie der Notierungen und Zahlungsereignisse fügt sich zu keinem erkennbaren Muster und verliert ihren motivierenden Gang.» – Und was machen wir, meine Damen und Herren, wenn das Leben unübersichtlich wird? Wir retten uns in Gemeinplätze. So wie neulich nachts auf der Autobahn. Falsche Spur. Die mit dem Stau wegen einer Baustelle. Und man konnte nicht wechseln, weil so eine kleine provisorische Wand den Fahrstreifen begrenzte. Dann blieb der Verkehr gänzlich stehen. «Schlimmer gehts nimmer», bemerkte ich zu Richie, dem besten Ehemann von allen. Worauf es zu regnen begann. Schlimmer gehts nämlich immer. – Und hier sind noch ein paar weitere Gemeinplätze, die sich hartnäckig halten, obschon sie grundfalsch und millionenfach widerlegt sind:

  1. «Man bereut nur die Sachen, die man nicht getan hat.»

    Total falsch. Ich bereue beispielsweise, dass ich die Pilot-Episode von «Walk of Shame Shuttle» gesehen habe. Okay, nur sieben Minuten davon. Aber die gibt mir keiner zurück!

  2. «Alles passiert aus einem Grund.»

    Nein. Tut es nicht. Es sei denn, man verwechselt Chronologie mit Kausalität.

  3. «Man sieht sich immer zweimal im Leben.»

    Schön wärs. Oder schrecklich. Sehr viele Leute allerdings sieht man nur ein einziges Mal. Und auch dann oft bloss schemenhaft.

  4. «Gute Dinge kommen zu dem, der wartet.»

    Manchmal kommt auch: gar nichts. Oder nur das Tram. Oder auch nicht. Siehe oben: Es kann immer noch schlimmer kommen.

  5. Um nicht defätistisch zu erscheinen, wollen wir hier nach all den Irrtümern auch noch zwei Weisheiten zitieren, die tatsächlich helfen, wenn die Kohärenz der erzählten Welt und die Vernünftigkeit des Daseins gleichermassen flöten zu gehen drohen, nämlich:
    – Die Leute bemerken Ihre Fehler in geringerem Ausmass, als Sie denken
    – Die meisten Entscheidungen benötigen keinen riesigen Informationsaufwand

7 Kommentare zu «5 Irrtümer der Küchentisch-Philosophie»

  • Daniel sagt:

    Ein Bonmot ist immer im Kontext zu betrachten, auf den es anspielt:
    Liebesglück: «Man bereut nur die Sachen, die man nicht getan hat.»
    => Bescheidenheit mag eine Tugend sein, aber Schüchternheit…
    Sozialpsychologie: «Alles passiert aus einem Grund.»
    => Wie man in den Wald ruft…
    Sozialpsychologie: «Man sieht sich immer zweimal im Leben.»
    => Rache ist eine Speise….
    Liebesglück: «Gute Dinge kommen zu dem, der wartet.»
    => Wenn man es am wenigsten erwartet…

Kommentar

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