Was ist Kitsch?

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Ich begrüsse Sie im neuen Jahr, meine Damen und Herren! Und zwar mit einem Schnappschuss, den ich vor einiger Zeit im Duty Free Shop am Flughafen Zürich-Kloten aufgenommen habe. Das dargestellte Arrangement lässt sich am besten als Kitsch ansprechen. Aber warum? Beziehungsweise: Was ist Kitsch? Die kurze Antwort lautet: Konvention. Kitsch ist Konvention. Und damit wäre auch schon klar: Mode ist nicht das Gegenteil von Kitsch. Wir haben es in diesem Magazin bereits an anderer Stelle definiert: Mode ist die Gesamtheit an Sachen, Äusserungen und Verhaltensweisen, die dem Zeitgeist gerecht werden. Und dieser Zeitgeist nun kann durchaus auch auf das längst Vorgeprägte und Verbrauchte zurückgreifen, mit einem sturen Ernst und ohne nennenswerten Geist – und wäre damit kitschig.

Es gibt Artefakte, die eine Epoche definieren. Der Toyota Prius zum Beispiel inkarnierte die bisweilen traurige Epoche der nun noch deutlicher hinter uns liegenden Nullerjahre, und die unsterbliche Hymne «Boys – Boys – Boys» (kurz: «Boys») von Sabrina Salerno definierte vor einem guten Vierteljahrhundert die Hochphase der überhaupt nicht traurigen Epoche von Italo Disco. Ich zitiere dieses Beispiel, weil ich irgendwie sofort an Italo Disco denken musste, als ich im Duty Free das oben abgebildete Arrangement sah. Assoziationen sind ’ne komische Sache und das Alter kann einem grausame Streiche spielen. Doch werfen Sie einen Blick auf das Video und Sie werden verstehen, was ich meine.

Italo Disco – das waren ursprünglich ein paar flache, eingängige, lebensbejahende Synthesizer-Akkorde, simple synthetische Basslinien und Handclaps, zu denen in Rimini dünne Jungs mit Muscle Shirts tanzten, und zwar mit Mädchen, die Sonnenbrillen trugen wie Pia Zadora im Video von «When The Rain Begins To Fall». Womit wir bereits einige essentielle Requisiten des klassischen Italo-Style aufgelistet hätten. Dazu kommen noch jede Menge enger Hosen, jedes beliebige Stück von Fiorucci, weisse Socken und Slip-ons, entweder von Gucci oder als Tasseled Loafers. Ausserdem massenhaft Tanning Lines, Leberflecken und Testosteron sowie auf einer übergeordneten theoretischen Ebene vor allem eines: die Abwesenheit von Ironie. Das ist übrigens auch immer ein Hinweis auf Kitsch. Italienische Männer sind die einzigen der westlichen Welt, die sich noch die Haare föhnen (abgesehen von Cristiano Ronaldo). In fast allen Epochen und Gesellschaften dienen Haare zur Unterscheidung von Geschlecht und sozialem Status – nur nicht in Italien. Hier denkt man von hinten, es sei Gianna Nannini, und dann ist es von vorne: Emanuele Filiberto von Savoyen.

Beach und Disco

Der Italo Chic erlebte als Exportmuster seinen Höhepunkt in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre, wo er sogar das stilprägende Leitbild in «Bravo» wurde, mit figurbetonten, karottenförmigen Beinkleidern und weitaufgeknöpften flamboyanten Hemden, die ihre Träger aussehen lassen wie Statisten aus «Riverdance». Auch später lebte in Versatzstücken die Italianità jenseits der Apenninen immer wieder auf, wie vor ungefähr drei Jahren, als es plötzlich im westlichen Kontinentaleuropa kürzere Zeit schick wurde, sich das T-Shirt vorne hinter die massive Gürtelschnalle in die Hose zu stopfen. Oder letzten Sommer, als plötzlich alle Jungs auf der Zürcher Bahnhofstrasse so kurze, enge Hosen trugen, als würden sie in einem Benny-Hill-Sketch auftreten. In Italien selbst hingegen ist dieses körpernahe, poseurhafte, kosmetisch aufwendige und sexuell anspielungsreiche Beach-and-Disco-Stilbild keine Mode, sondern Mentalität. «Beach» und «Disco» sind in der Tat die beiden Pole dieser Lebenseinstellung, meisterlich eingefangen in den Monumentalbildern des Fotografen Massimo Vitali, der diesen Ausschnitt der italienischen Normalität seziert hat wie wenige seiner Landsleute: die italienische Gelassenheit und Lebenslust, aber auch die Eitelkeit, den kommerzialisierten Spass und rigiden Konformismus des Italo Machismo, das Festhalten an der Illusion von Spass, selbst wenn der längst flöten ging, wie es uns Herr Berlusconi auf tragische Weise vormacht.

Nein, Mode ist nicht das Gegenteil von Kitsch. Das Gegenteil von Kitsch sind Klassiker und Rebellion, Echtheit und Anspruch, Ironie und Authentizität. Und dennoch – ist man in einer Welt, in der Ironie von vielen versucht und von wenigen beherrscht wird, bisweilen für etwas aufrichtigen Kitsch und Melodram ganz dankbar. Das melodramatische Showing-off, diese besondere Art von Warenfetischismus und italienische Spezialität, geht aber nur, wenn man (sehr) jung ist – dafür gehen andererseits bestimmte Sachen nur in Italien. Zum Beispiel Farben und Goldapplikationen auf Brust oder Rücken, so dass der Betrachter fast blind wird. Für Männer. Weil italienische Männer die Angst vor der Blamage nicht kennen. Sonst würden sie jenseits der Vierzig nicht mit so vielen Haaren in den Ohren rumlaufen. Mit anderen, milderen Worten: die italienische Wesensart hat folgende Weisheit verinnerlicht: «Mode weiss nichts von Bequemlichkeit. Alles, was zählt, ist der Auftritt.» Das ist allerdings nicht aus «La Piovra» von RAI Uno, sondern aus «Gossip Girl» – einem anderen epochalen Artefakt.