Bitte keine Geschenke?

Endlich die Antwort auf die Frage: Wie soll ich damit umgehen?

Manch vermeintlich bescheidene Wunschäusserung stellt selbst Santa vor grosse Herausforderungen. (iStock)

In der Vorweihnachtszeit verzeichnet die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt deutlich mehr Schnittverletzungen als während des restlichen Jahres, meine Damen und Herren. Das habe ich kürzlich in den Radionachrichten gehört – ein deutlicher Beweis, dass wir immer noch auf einer Insel der Seligen leben. Nicht die Schnittverletzungen. Sondern, dass es eine solche Meldung in die öffentlich-rechtlichen Nachrichten schafft.

Apropos: Letzten Samstag war «Panic Saturday». Das ist die offizielle Bezeichnung für den letzten Verkaufssamstag vor Weihnachten. Sie kennen die Stimmung: Die Läden sind hübsch dekoriert, überall rieseln der Kunstschnee und sanfte Harfenklänge, überall laufen fröhliche rotwangige Weihnachtsmänner rum, die in Wirklichkeit deprimierte geschminkte Studenten und schwer vermittelbare Arbeitslose sind und 22 Franken pro Stunde verdienen. Das Verkaufspersonal ist besonders gut gelaunt, freundliche junge Menschen, die ebenfalls 22 Franken pro Stunde verdienen, packen einem die Taschen ein, man läuft mit Tüten beladen durch die liebliche Weihnachtslandschaft, zum Beispiel die Zürcher Bahnhofstrasse, und schlagartig wird einem so blümerant zumute. Denn man gewahrt die Panik in den Gesichtern seiner Mitgeschöpfe. Böse funkeln die Lichter, der Himmel senkt sich düster auf die Erde, und ein übler phantasmagorischer Hauch weht einen an: Was? Was nur? Was soll man nur Tante Regula und Onkel Felix schenken?

Was alle Kinderlein wollen

Ich wäre wieder im Vorschulalter, wenn ich all die Zeit zurückkriegte, die ich dafür verbraucht habe, passende, persönliche, einfühlsame Weihnachtsgeschenke zu finden. Kinder sind dabei nie ein Problem. Kinder schreiben Wunschzettel. Jedes Jahr gibt es ein Geschenk, das alle Kinderlein wollen und das deshalb im Oktober ausverkauft ist; unbestätigten Berichten zufolge handelt es sich dabei dieses Jahr um das Kristallkönigreich von «My Little Pony». Es bleibt eine offene Frage, ob darinnen eine adäquate Vorbereitung fürs Leben liege; es sei denn, man wird Beyoncé und regiert später selbst ein Kristallkönigreich.

Die allergrösste Herausforderung aber sind jene Zeitgenossen und -genossinnen, die erklären, bitte keine Geschenke zu wollen. Kinder würden so was nie sagen. Der Hinweis «Bitte keine Geschenke» hat, wie manche Geste vermeintlicher Bescheidung, eine passiv-aggressive Note: Geschenke sind nämlich nicht nur für die Beschenkten da, sondern auch für den Schenkenden. Sie bringen Freude und Wertschätzung und eine symbolische Gegenleistung zum Ausdruck. – Was also tun? Zunächst: «Keine Geschenke» bedeutet nicht, dass man den Betreffenden keine Weihnachtskarte schicken und keine Blumen mitbringen könnte. Denn Blumen zerstören sich schliesslich selbst: Sie verwelken. Nach dem Kriterium der Ephemerität wären auch andere Geschenke mit Verfallsdatum zulässig. Guetsli, zum Beispiel. Oder quasi-immaterielle Geschenke, zum Beispiel eine Einladung zu einem Ausflug oder eine Spende an eine Organisation, die dem Beschenkten am Herzen liegt. Oder Sie verhalten sich genauso passiv-aggressiv und ignorieren das Geschenkverbot. Wie all die panischen Menschen am Panic Saturday. Viel Glück!

6 Kommentare zu «Bitte keine Geschenke?»

  • Peter sagt:

    Ich habe kein Problem mit dem Geschenk einer Spende an eine Organisation, welche mir am Herzen liegt, aber wenn ich keine Geschenke sage, dann meine ich keine Geschenke. Wir haben mehr als genug Dinge, wir sind in der glücklichen Position uns vieles (nicht alles!) leisten zu können was wir brauchen. Also was tun wir? Wir „schenken“ unserem Haus etwas was repariert oder renoviert werden muss. Letztes Jahr gabs eine längst überfällige Veranda weil die alte komplett verrottet war, dieses Jahr gibts nur etwas Farbe für die Wände weil letztes Jahr ein grosses „Geschenk“ war. Damit kaufen wir keinen unnötigen Zivilisationsabfall, welcher dann nur irgendwo rumliegt oder entsorgt werden muss. Und Guetsli etc haben wir schon genug, schliesslich ist Weihnachten die „Völlereisaison“.

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