Sind uralte Eltern widernatürlich?

Mick Jaggers neuerliche Vaterschaft, philosophisch betrachtet.
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Alter ist eine Frage der Finanzen: Mick Jagger jedenfalls ist noch gut im Schuss. Foto: Pablo Porciuncula (AFP)

Sir Mick Jagger, 72, wird Vater, meine Damen und Herren. Nicht zum ersten Mal. Zum achten Mal. Diese nunmehr offiziell bestätigte Nachricht erreicht uns zwei Monate nach der erneuten Vaterschaft von Rolling-Stones-Gitarrist Ronnie Wood, 68. Sir Mick ist nicht nur Vater, sondern auch Grossvater und Urgrossvater. Und, wie finden Sie das? Denken Sie spontan «Och nee, der ist dann 80, wenn das Kind in die Schule kommt, sofern er das erlebt – das arme Kind» oder was in diese Richtung?

Stimmt alles. Stimmt aber auch, dass das arme Kind wohl gar nicht so arm sein wird und ohne Mick Jagger gar nicht auf der Welt wäre, was ja wohl die implizite Alternative ist. Die Mutter, die Ballerina Melanie Hamrick, ist 29. Nächste Frage: Würden Sie die Sache anders beurteilen, wenn die Mutter zum Beispiel 59 wäre? Also: Wenn für eine Schwangerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit reproduktionsmedizinische Interventionen nötig gewesen wären? Im Jahre 2010 posierte die sich selbst als «polysexuell» bezeichnende Rocksängerin Gianna Nannini mit 56 Jahren hochschwanger für das Cover der italienischen Ausgabe von «Vanity Fair». In einem T-Shirt mit der Aufschrift «Gott ist eine Frau». Ob nun künstliche Befruchtung im Spiel war oder nicht, ob der Vater bekannt wird oder nicht, eines dürfte sicher sein: Mit Gott hatte diese Schwangerschaft gewiss nichts zu tun. Eine Schwangerschaft jenseits der 50 ist im Grunde das Gleiche wie ein Facelifting. Es wird ein Zustand hergestellt, der dem biologischen Alter nicht gemäss ist.

Die Tücken der Moral

Das kann man widernatürlich nennen, in einem faktischen Sinne. Bloss sollte man sich dafür hüten, jener unguten Tradition zu folgen, nach der «widernatürlich» als eine moralische Vokabel gilt, also von irgendeinem (vermuteten) Sein auf ein Sollen geschlossen wird (in der Philosophiegeschichte als naturalistischer Fehlschluss bekannt). In Mick Jaggers Fall kann man zwar argumentieren, dem auf die Welt kommenden Kind sei aller biologischen Wahrscheinlichkeit nach das Recht auf eine Jugend mit dem leiblichen Vater genommen. Die Alternative aber wäre, wie gesagt: Mick Jagger zeugt kein Kind. Dann würde das Kind gar nicht existieren. Ist dies moralisch besser?

Auch die moralische Beurteilung aufgrund einer unterstellten narzisstischen Motivation zur Vaterschaft ist nicht zulässig. Wir leben in einer Zeit, in der Alter immer mehr zu einer Lebensstiloption und Einkommensfrage wird, oder, wie mein Idol Jack Donaghy in «30 Rock» es ausdrückt: «Rich 50 is middle-class 38.» Das heisst: Wer es sich leisten kann, kann seine Adoleszenz quasi bis ins Greisenalter verlängern. Man muss nur regelmässig die Implantate erneuern und die Injektionen auffrischen lassen. Und wie sieht es überhaupt mit der Motivation der 29-jährigen Mutter aus? Liegt bei ihr moralisch gesehen quasi das Äquivalent eines Gangs zur Samenbank vor? Alles irrelevant.

«Plötzlich haben alle vergessen, dass jeder die Freiheit und das Recht hat, das zu tun, was er will, mit wem er will», empörte sich damals Gianna Nannini. Genau. Wir leben glücklicherweise im freien Teil der Welt. Zu dieser Freiheit gehört aber schliesslich auch, dass man kritisch anmerken kann, wenn vor lauter Selbstoptimierung und Verfügungsmacht eine klassische philosophische Maxime vergessen wird: in Würde altern. Dies scheint mir in der Tat die einzig legitime Kritik: Man kann einen frischgebackenen 72-jährigen Vater ein wenig – inadäquat finden. So wie Lederhosen an einem 72-Jährigen. Was Mick Jagger nicht davon abhält, dieselben zu tragen. Das ist sein gutes Recht.