Süchtig nach Erlebnissen

People are enjoying attractions of the Luna Park, an attraction park which stays at the border of the Geneva lake in Lausanne from May 15th to June14th,  Switzerland, late Sunday, May 31, 2009. (KEYSTONE/Dominic Favre)

Man könnte sagen – und wir haben dies an dieser Stelle gelegentlich getan, meine Damen und Herren – dass in unserer Gesellschaft die Kategorie des Schicksalhaften drastisch im Schrumpfen begriffen ist. Das vermeintlich autonome Subjekt trägt in unseren spätmodernen Zeiten allein die Last des Projekts einer prinzipiell stets unvollendeten Selbstverbesserung und Optimierung. Es ist quasi selbst für seine Erschaffung verantwortlich.

Was aber steht hinter der Suspendierung des Schicksals? Meines Erachtens ist dies vor allem ein spezifischer Zug der Spätmoderne: die Erlebnisorientierung. Denn schlimmer als der Tod erscheint inzwischen: das Versäumnis. Die Angst, etwas zu verpassen, ist die Lebensangst der Spätmoderne.

Ob man nun an einen gütigen Gott oder an ein karmisches Gesetz oder an ein darwinistisches Universum oder eine eklektizistische Mischung davon glaubt: Das Erlebnis wird zum Gegenteil des Schicksals. Denn dass man etwas erlebt, ist kein Zufall mehr, also kein «Schicksal». Der deutsche Soziologe Gerhard Schulze, dem wir den Begriff der «Erlebnisgesellschaft» verdanken, ist der Auffassung, dass der Mensch der Gegenwart ganz gezielt Situationen schafft oder aufsucht, die ihn aufwühlen, ansprechen, involvieren; ein Verhalten, was Schulze «Erlebnisrationalität» nennt. In seinem Werk «Die Erlebnisgesellschaft» schreibt er: «Das Subjekt wird sich selbst zum Objekt, indem es Situationen zu Erlebniszwecken instrumentalisiert. Erlebnisrationalität ist der Versuch, durch Beeinflussung äusserer Bedingungen gewünschte subjektive Prozesse auszulösen. Der Mensch wird zum Manager seiner eigenen Subjektivität, zum Manipulator seines Innenlebens.»

Die Erlebnisrationalität tritt an die Stelle des Schicksals. Das Erlebnis sucht den Menschen nicht mehr heim, er sucht es vielmehr gezielt auf, und ein florierender Erlebnismarkt bedient jeden Geschmack: Produkte, Aufführungen, Reisen, Begegnungen – müssen nicht mehr nur Nutzen, sondern «Erlebnisse» versprechen. Dieses ökonomistische Modell eines gelingenden Lebens lässt sich sehr schön verbinden mit den Diagnosen eines anderen deutschen Soziologen, nämlich Hartmut Rosa, dem wir den Begriff der «Beschleunigungsgesellschaft» verdanken. Rosa unterscheidet nämlich implizit zwischen «Erlebnis» und «Erfahrung», indem er von «erfahrungsarmen Erlebnissen» spricht; eine Kategorie, die wohl den einen Grossteil der vermarkteten Pseudo-Erlebnisse der digitalen Wellness-Gesellschaft darstellen dürfte, wo selbst Klopapier als «Erlebnis» verkauft wird. Eine vermeintliche Erlebnisqualität sagt also noch lange nichts über die Qualität des Erlebnisses aus.

Nun sind es aber Erfahrungen, nicht Erlebnisse, die den Menschen bilden, seine Welt- und Wertbeziehungen prägen, seine Normorientierung bestimmen und so zu einem gelingenden Leben beitragen. Das heisst überhaupt nicht, dass Konsum mit einem gelingenden Leben im Widerspruch steht. Aber doch, dass das gute Leben nicht automatisch vermittels des richtigen Klopapiers erstanden werden kann. Das ist schade. Aber wahr.

Bild oben: Mehr Erlebnisse, weniger Erfahrungen: Lunapark in Lausanne. Foto: Dominic Favre (Keystone)