Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Verliebt sich in ein Betriebssystem: Joaquin Phoenix in Her. (Annapurna Pictures)

Was ist wirklich, meine Damen und Herren? Eine alte Frage der Philosophie. Die Ontologie ist jene philosophische Disziplin, die sich mit dem Aufbau und der Struktur der Welt beschäftigt. Das heisst: Sie befasst sich mit einer Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit und der Möglichkeit. Ontologische Fragen sind zum Beispiel: «Was ist der Mensch?» Oder: «Was ist ein Ding?» Oder eben: «Was ist real?»

Spätestens seit Ludwig Wittgenstein lautet die Antwort auf letztere Frage: Gar nichts. Vielleicht bis auf die Sprache. Die Wirklichkeit wird aus Sprachspielen konstruiert. «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Das ist gewiss das berühmteste Zitat Wittgensteins. Das heisst aber auch: Es gibt keine Tatsachen, von denen man ausgehen könnte. In diesem Sinne ist Wittgenstein: das Ende der Ontologie. Mit Wittgensteins postmoderner Anschauung, für die es ausserhalb der Sprache keine erkennbare Welt gibt, endet der Versuch und die philosophische Versuchung, sich die Welt oder das menschliche Selbst im Besitz einer immanenten Natur, eines Wesens zu denken. Denn Sprache, darauf hat Richard Rorty hingewiesen, ist zwar real, aber kontingent – und eine Geschichte von Metaphern.

Damit könnten wir gleich wieder aufhören. Doch wir leben nicht mehr in der Post-, sondern in der Spätmoderne. Der spätmoderne Mensch kann in mehr Rollen schlüpfen als sein postmoderner Vorgänger, er kann also, gleichsam, mehr Sprachen sprechen (wenigstens scheinbar), seine Persönlichkeit ist aus Versatzstücken konstruiert, denn die spätmoderne Welt scheint nicht mehr konsenspflichtig, sondern, wie es der Medienwissenschaftler Norbert Bolz ausdrückt: «individuell anschneidbar».

Der spätmoderne Mensch konstruiert sich und seine Welt selbst. Sogenannte Reality-TV-Shows, in denen die Wirklichkeit manipuliert wird, heissen «Scripted Reality», ein typisches Genre spätmoderner Unterhaltung. Heute existiert jeder in seiner eigenen Scripted Reality. Auch das ist im Prinzip nichts Neues; die Rede von der Erfindung der eigenen Biografie kennen wir spätestens seit Max Frisch. Aber heute verfügt der Einzelne über ganz andere Mittel für die dramaturgische Inszenierung, also: Vortäuschung von Authentizität.

Der Preis für diese (vermeintliche) Souveränität in der Selbstgestaltung und im Eigenentwurf des Realen ist der Verlust von metaphysischen Instanzen: Schicksal und Jenseits sind flöten gegangen. Das (diesseitige) Heilsversprechen der Identitätsbildung und -gewissheit bestimmt das spätmoderne Welterleben: statt der Tröstungen des Glaubens ist die Diesseitshoffnung des Individuums die Freiheit der Selbstverwirklichung. Das heisst aber auch: Jeder hat seine eigene Wirklichkeit. Auch das ist schon angelegt in der Moderne, in dem Wertsphärenmodell des Max Weber, feststellend, dass Wirtschaft, Politik, Kunst und Religion jeweils autonom operierten und einer eigenen Logik folgten (woraus später die Luhmannschen Systemlogiken wurden). Bloss werden die Sphären immer kleiner. Heute ist das Ich eine Sphäre.

Im Bild oben: Verliebt sich in ein Betriebssystem: Joaquin Phoenix in «Her». (Annapurna Pictures)