Gesellschafts­mathematik

Jules

Der Frühling ist in vollem Schwunge, meine Damen und Herren, die Saison geht wieder los: Premieren, Vernissagen, Hundebeerdigungen; überall zeigt sich, in wechselnden Ausschnitten und Zusammensetzungen, jenes faszinierende Phänomen, das wir «Gesellschaft» nennen. Was ist das überhaupt? Nun, den Begriff der «Szene» beispielsweise charakterisiert der deutsche Soziologe Ronald Hitzler als ein informelles Milieu, in dem sich hochgradig individualisierte Menschen auf Basis gemeinsamer basaler Lebenseinstellungen zusammenfinden und ein Repertoire an materiellen und immateriellen Symbolen und Codes teilen. Zur Sphäre des Immateriellen gehören etwa Umgangsformen. Mit Blick auf Manieren kann man sich den Grundmechanismen der Gesellschaft ein wenig pragmatischer auch formelmässig nähern. Denn wie jede Art gesetzmässiger Bewegungsvorgänge, so lassen sich auch soziale Dynamiken auf diese zeitlose Art erfassen. Es folgen ein paar grundlegende Zusammenhänge:

 

  1. Drei sind einer zu viel

    Weitherum bekannt. Bezeichnet das Phänomen, dass in Gesellschaft eine Neigung zur Paarbildung besteht. Variante: das fünfte Rad am Wagen.

  2. Kein Ja plus Zeit heisst nein

    Hilfreich für die Interpretation von Schweigen. Zum Beispiel nach Aufforderungen wie: «Melde dich, wenn du zurück bist!» Oder: «Wir müssen mal was zusammen machen!» Der Grundsatz, dass eine fehlende Zusage mit dem Verstreichen von Zeit als Absage aufzufassen ist, gilt auch im Geschäftsleben und in der Politik – was durchaus nicht heisst, dass diese Formel ohne weiteres immer richtig verstanden würde (besonders im deutschen Sprachraum).

  3. Gegensätze ziehen sich an

    Das kommt drauf an. Worin die Gegensätze bestehen. Unterschiedliche Temperamentstypen können in der Tat anziehend aufeinander wirken. Hinsichtlich etwa des Humors allerdings gilt eher: Gleich zu gleich gesellt sich gern.

  4. Tragödie plus Zeit wird Komödie

    Diese Formel bezeichnet den Umstand, dass man auch über die fürchterlichsten Peinlichkeiten später lachen kann. Wenn Zeit verstrichen ist. Allerdings sagt sie nicht, wie viel Zeit. Mitunter kann das dauern.

  5. Man erntet, was man sät

    Ob man nun an einen gütigen Gott oder an ein karmisches Gesetz oder an ein darwinistisches Universum glaubt: Man bezahlt immer für schlechtes Benehmen, früher oder später. Genau wie für billige Schuhe.

Bild oben: Funktioniert nicht mal im Kino: Dreierkiste. («Jules et Jim», François Truffaut, 1962). Foto: PD