Beziehungs­frühling

hail

Es ist Frühling, das verheissungsvollste Kapitel im Jahresmärchen! Die Natur ist dabei, ihre freundlichen Schätze zu entfalten. Wer jetzt allein ist, wird es nicht lange bleiben. Blüten knospen, Drosseln schluchzen, Kinder jauchzen, Greise stehen aus Rollstühlen auf. Und man fühlt sich herrlich! Und man spürt, wie einem die Sonne auf den Scheitel scheint, und man blickt zum Himmelszelt empor, und endlich sieht man ein, dass wir alle eine grosse Sippe bilden, duldende, strebende, handelnde Kreaturen, die wir sind und immer waren und sein werden, verbunden durch dies Erdenleben, unter uns und mit allem, was da kreucht und fleucht und knospt und keimt. Und hustet und rülpst, wie dieser nette Clochard da drüben. Ach, man möchte ihn umarmen! Jetzt spuckt er auch noch aus! Umarmen möchte man ihn!

Denn herrlich fühlt man sich; ergriffen von der Kraft des Wortes und der Regsamkeit der Liebe, es ist Frühling, die Herzen schwärmen aus, aber vielleicht merken Sie das gar nicht, meine Damen und Herren, weil Ihr Herz solide und fest in einer langjährigen Beziehung verpackt ist. Vielleicht sind Sie seit soundsoviel Jahren verheiratet, mit Kindern, Hypothek, Schwiegereltern. Und dann sitzen Sie sich beim Essen gegenüber, vielleicht sind Sie sogar ausgegangen, mit Ihrer besseren Hälfte, und dann starren Sie sich an und vermissen plötzlich Ihr Mobiltelefon. Dabei wollten Sie doch nie dieses Martin-Parr-Pärchen werden, das schweigend seine Mahlzeit einnimmt. Das muss nicht sein. Bringen Sie ein wenig Schwung in die Sache. Hier sind fünf Gesprächsanfänge. Mindestens.

  1. «Ich habe eine Schwäche für meinen Personal Trainer.»

  2. «Ach, lassen wir das mit dem Essen – lassen wir uns tätowieren!»

  3. «Sollen wir uns einen Falken zulegen?»

  4. «Wie wäre es mit einem Vierer?»

  5. «Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick? Oder soll ich noch mal rausgehen?»

Da fehlt nicht nur ein Gesprächsanfang: Szene aus dem Film «Hail, Caesar!» der Gebrüder Coen.

«Tinglers Fünf» erscheint immer sonntags im Blog Mag und gleichzeitig in der «SonntagsZeitung».