Zur Philosophie des Verbots

renfe

Gelegentlich, meine Damen und Herren, widmen wir uns ja an dieser Stelle dem kulturübergreifenden Vergleich von Bildersprachen und Symbolen, und aus dieser quasi kulturanthropologischen Sicht ist wieder zu bestätigen, dass die Piktogrammatik im hispanischen Raum, wie die öffentliche Kommunikation überhaupt, etwas ausführlicher ausfällt. Siehe oben.

Apropos Verbote und Gebote: Diesen liegt bekanntlich, philosophisch gesprochen, ein Sollen zugrunde; und interessant ist, wie dieses Sollen nun mit der sogenannten Wirklichkeit, also dem Sein verbunden wird. Deskriptive Aussagen (zum Beispiel: «Menschen auf Krücken sind weniger sicher zu Fuss») kann man als wahr oder gültig annehmen. Wenn man dagegen ein normatives Argument akzeptiert, impliziert dies, dass man nach einem bestimmten (moralischen) Gebot oder Verbot handeln will. Der sogenannte naturalistische Fehlschluss besagt nun, dass man aus deskriptiven Aussagen (also aus einem Sein) nicht in sinnvoller Weise auf normative (also auf ein Sollen) schliessen kann. Wie beispielsweise in dem Satz: «Menschen auf Krücken sind weniger sicher zu Fuss, also sollst du für sie deinen Platz frei machen.»

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14 Kommentare zu «Zur Philosophie des Verbots»

  • barbara sagt:

    Ich gehe seit geraumer zeit an krücken, und mir wird im oev auch ohne piktogramm sehr oft ein sitzplatz angeboten, was ich dankbar annehme. das problem ist nicht primär die unsicherheit zu fuss, sondern das nicht-belasten-dürfen von bein und fuss. Diese einseitige belastung verursacht rückenschmerzen, weshalb ich den rücken gern sitzenderweise entlaste. Ich bin ü60, und es sind auffallend oft junge männer, die aufstehen und platz machen, während die jungen damen sich und ihr schlechtes gewissen gern hinter ihren smartphones verstecken und sitzen bleiben…

  • Dominique Kim sagt:

    Ich bin ja eigentlich nicht schwach auf der sprachlichen Seite, aber das hier übersteigt mein Vermögen.

  • Kristina sagt:

    Deskriptiv kann also alles Mögliche bedeuten. Ich glaube ein wesentlicher Punkt von deskriptiv zu normativ ist die Willensäusserung. Übereinkunft. Im Grossen also die Demokratie, im Kleinen das Individuum. Stimmt das so? Wäre da nicht dieses Wort: auf Krücken. Ehrlich gesagt habe ich mich gerade in Myon hineinversetzt. Jetzt sehe ich einen Fussballspieler der auf der Barre rausgetragen wird. Wo soll ich da Platz machen?

  • Eos sagt:

    Das ist eine Frage der Rechtsphilosophie. Nach dieser gibt es keinen formalen Grund, generell etwas zu verbieten oder zu gebieten. Das Recht hängt in der Luft und nicht an der Natur des Menschen oder an der Vernunft. Aber psychologisch und soziologisch ist die Frage „Woher kommt das Gebot oder Verbot?“ legitim und nicht mit dem naturalistischen Fehlschluss zu verwechseln. Um den Frageprozess zu verallgemeinern, wird das in den Rechtsstaaten in der Verfassung positiv gesetzte Verfahren in Gang gebracht. Dessen Ergebnis ist eine (oder keine) Norm.

    • Anh Toàn sagt:

      @Eos

      Mit Ihrem positivistischen Ansatz (Recht ist, was im Gesetz steht), kommen Sie so weit, dass die Apartheid in SA Recht war, die Nürnberger Prozesse Unrecht (Was die Nazis machten, war vom Gesetz gedeckt, also Recht) und verneinen die unentzieh- und unverzichtbaren Menschenrechte:

      Es gibt, philosophisch betrachtet, dem Gesetz übergeordnetes Recht, der Gesetzgeber kann nicht beschliessen, alle Blonden zu erschiessen, ohne Unrecht zu begehen. Schwierig ist die Definition dieses Rechtes, Gesetze benötigen Worte, Naturrecht (Menschenrechte) gab es schon seit es Menschen gibt, vor…

    • Eos sagt:

      «Die Ehe ist die […] Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.» Dieser Satz aus der aktuellen CVP-Initiative ist Naturrecht par excellence, so schon bei Iustinian und Thomas von Aquin. Warum dürfen wir darüber abstimmen, wenn es sich um übergeordnetes Recht handelt? Homosexualität war für Thomas «wider die Natur». Im Gegenteil: Die Homosexualität ist auch «in der Natur» eines Teils der Menschen, woraus sich ein Naturrecht auf die Homo-Ehe ergäbe. Und auch das Vorrecht des Stärkeren ist Naturrecht (Kallikles, Nietzsche). Naturrecht ist ein zirkuläres Kunterbunt.

  • Peter sagt:

    Nicht nur Krückenbesitzer. Mein Onkel ist 71. Er benötigt keine Krücken. Aber im Alter lässt der Gleichgewichtssinn nach. Im Bus wird er von den starken Bremsen wie auch im Tram bei Kurven hin und her geschleudert wenn er nicht sitzt. Er kann sich an den Haltestangen ungenügend halten weil seine Finger durch Arthrose stark geschwächt sind.

    • ClBr sagt:

      Ihr Onkel sollte vielleicht mit einem Stock rumlaufen, dann sehen die Leute, dass er gebrechlich ist. Die Schilder sind ja so plakativ, dass „normale“ Altersgebrechlichkeit nicht mehr erkannt wird. Und vom Bild mit Stock zu schliessen, dass auch andere schwache Leute vielleicht Anspruch auf einen Platz haben, ist schon fast eine Überforderung. Auch ist mir schon passiert, dass die älteren Herren ein bisschen beleidigt waren, wenn ich ihnen einen Platz anbot, da überlegt man es sich das nächste Mal etwas länger. Inzwischen bin ich selber auf einen Sitzplatz angewiesen.

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