Ein ideologisch vergiftetes Klima

bushomat

Vielleicht hat es begonnen mit der sich öffnenden Einkommensschere. Vielleicht mit den Abstiegsängsten der Mittelschicht oder dem Web 2.0. Aber seit jeder seine Meinung mit Reichweite auf Facebook und in den Kommentarspalten ausbreiten kann, haben sich die Diskussionen verändert. Und dabei geht es nicht um die Neigung zu Kraftausdrücken oder offenen Rassismus. Auch jene, die sich für zivilisiert halten, wollen keine Grautöne mehr sehen, sondern ziehen Schwarzweiss vor. Heute wird ein Grossteil der öffentlichen Diskussionen von Leuten mit ideologischem Brett vor dem Kopf geführt. Kein Wunder, sind Perspektiven so selten geworden.

In Facebook-Diskussionen bestätigt man sich entweder gegenseitig – oder man prügelt aufeinander ein. Dabei macht sich kaum einer die Mühe, dem anderen zuzuhören. Viel bequemer ist es, die eigenen Vorurteile auf andere zu projizieren, weshalb jeder schon von Anfang an zu wissen meint, wer der andere ist, was er denkt und zu sagen hat. Probleme und mögliche Lösungen sind sekundär, stattdessen will sich jeder als der profilieren, der recht hat und moralisch im Vorteil ist. Diese Neigung beschränkt sich nicht auf ein politisches Lager, es ist bei Linken wie bei Rechten verbreitet.

Ein Beispiel? Neulich analysierte einer unserer Korrespondenten den Erfolg von Donald Trump. Er breche das in den USA starr gewordene Korsett politisch korrekter Sprache auf, was bei einer breiten Schicht gut ankomme. Ein Kollege spöttelte daraufhin, besagter Korrespondent habe sich als Trumps Waffenbruder geoutet. Ich verstehe diese Logik nicht: Muss, wer Donald Trump nicht verurteilt, sondern zu verstehen sucht, warum er ankommt, gleich ein Anhänger sein? Ähnlich geht es in der Flüchtlingsdiskussion: Wer anzumerken wagt, dass ein solcher Ansturm die Gesellschaft tatsächlich vor ernste Probleme stellt, für die erst eine Lösung gefunden werden muss, wird schnell als Neonazi gebrandmarkt. Und wer wie ich über Genderthemen nachdenkt, kann nichts anderes als eine linke Kampfemanze sein. Viele Diskussionen tönen heute wie ein Nachhall auf George W. Bushs Maxime: «With us or against us». Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Die Rechten verschweigen, dass ihre herzlosen Rezepte Menschen zu Tieren degradieren. Die Linken hingegen tun so, als gebe es gar kein Problem ausser den Rechten.

Dieses Verhalten ist evolutionspsychologisch erklärbar. Der Mensch ist zu 90 Prozent Schimpanse, aber zu 10 Prozent Biene, schreibt der Moralpsychologe Jonathan Haidt. Wir sind hauptsächlich selbstsüchtige Individualisten, haben aber auch das starke Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören, die gegen andere Gruppen konkurriert. Nur sind diese «Gruppen» heute vermehrt virtueller Natur und auch die Diskussionen, die sie führen. Die schriftliche Form, mit der wir uns heute mehrheitlich austauschen, verstärkt die Tendenz zur Vergiftung des geistigen Klimas: Mit dem ideologischen Brett vor dem Kopf reagiert man gern schnell beleidigt, weil die anderen ja eh blöd sind. Verschärfend kommt hinzu, dass sich die meisten in den sozialen Medien in einer Blase von Gleichgesinnten bewegen und sich in ihren Weltanschauungen bestätigt sehen.

Positiv kann man herausstreichen, dass anscheinend eine grosse Lust existiert, sich über drängende Probleme auszutauschen. Das ist ein urdemokratisches Anliegen und stand am Anfang der griechischen Polis: Die Leute gingen auf den Marktplatz und begannen die Themen, die alle etwas angingen, in der Öffentlichkeit zu besprechen. Doch die Tendenz zur Gehässigkeit vertieft die Gräben. Und die ideologischen Scheuklappen verhindern, die Probleme als das anzusehen, was sie sind: Aufgaben, die wir gemeinsam lösen müssen. Und auch wenn wir alle unsere Meinung haben: Ideologie verstellt die Sicht auf Lösungen.

Bild oben: Pissoir-Installation «Down the Drain: The Legacy of George W. Bush» von Clark Sorensen in einer Galerie in San Francisco, 2009.

28 Kommentare zu «Ein ideologisch vergiftetes Klima»

  • Peter sagt:

    Vielen Dank für diesen treffenden und wichtigen Beitrag, und vielen Dank auch für die herrliche Installation „Flush the brain.“ Sehr passend. Als G.W. Bush sogar ein zweites Mal gewählt wurde, dachte ich, das sei der Anfang vom Ende der westlichen Zivilisation. Aber wir müssen nicht nach Amerika schweifen, es gibt auch bei uns gewichtige Parteien und Politiker, die weder Anstand noch Vernunft haben, sondern einfach nur von Selbstsucht besessen sind. Doch ganz offensichtlich kommt das derbe Gepolter auch in der ach so wahnsinnig hoch entwickelten und gebildeten Schweiz sehr gut an.

    • Karl Knaus sagt:

      Wer poltert? Wer poltert nicht? Wer geifert nicht? Etwa die Intellektuellen? Und die Hochgebildeten?
      Und etwa Anstand und etwa Vernunft, einseitig gepachtet? Ich gebe Ihnen den guten Rat, etwas mehr zu lesen und zu bewerten!

  • El Schnee sagt:

    (kein Beitrag, sondern ein technisches ? Problem) Eigenart: Ich kann hier problemlos einen Kommentar schreiben, beim Artikel über die Lustpille nicht (mehr). Bereits die Kommentarbox taucht dort nicht auf, also ist es wahrscheinlich kein redaktionelles sondern ein technisches Problem speziell auf diesen Artikel bezogenes. Können Sie mir weiterhelfen? oder das erklären?

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