Sind wir heute uncool?

Für immer jung, für immer cool: Pressekonferenz zu James Deans 50. Jahrestag. Foto: Marsaili McGrath (Getty Images)


Es gibt ewige Ikonen der Coolness, meine Damen und Herren: James Dean, Jack Kerouac, Steve McQueen, Debbie Harry – und «ewig» bedeutet hier keine hundert Jahre, aber das ist immerhin in popkulturellen Dimensionen eine Ewigkeit. Coolness ist schliesslich ein popkultureller Wert. Aber gibt es heute noch coole Leute? Was ist Coolness, was macht sie aus? Man kann sich dem Phänomen nähern, indem man zunächst umreisst, was Coolness nicht ist, nämlich: Gelassenheit. «Gelassenheit» wird zwar im Duden in der Tat als ein Synonym für «Coolness» gelistet, aber da werden auch noch ganz andere Worte als sinnverwandt aufgeführt, etwa «Bedächtigkeit» oder «Besinnlichkeit» oder «Gemächlichkeit» oder «Gemütlichkeit» oder «Langsamkeit» oder «Mässigung» – und die stimmen nun allesamt mitnichten. Gelassene Menschen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Coole Menschen unter Umständen schon. Rebellen sind nicht gelassen, aber bisweilen ziemlich cool.

Damit kommen wir zu den positiven Eigenschaften der Coolness. Es sind dies vor allem drei:

 

 

  1. Unnahbarkeit

    Coolness heisst auch: Distanz. Distanz zur Welt und ihren Erscheinungen. Coolness ist unbekümmert um die Meinungen der Welt; sie ist Freiheit, also Autonomie, das eigene Ich. Dabei ist die Coolness auch immer ein bisschen entrückt, sogar wenn sie sich anfassen lässt; das ist Teil der Faszination, die von ihr ausgeht.

  2. Andersartigkeit

    Coolness weiss um ihre Differenz zum Rest der Welt und ist stolz darauf. Das Stichwort lautet: Athaumasie. Damit wird in der praktischen Philosophie der Antike die «Verwunderungslosigkeit» bezeichnet, also jene Eigenschaft eines Menschen, über nichts zu staunen, was seine Mitgeschöpfe vielleicht die Fassung verlieren lässt; sich über nichts zu wundern, was den anderen imponiert und sie verblüfft oder bange macht, seien es Reichtum, Ehre oder Macht. Keine Gier, kein Neid. Das will man gar nicht. Das Sich-nicht-Wundern ist die notwendige Bedingung der Seelenruhe (Ataraxie) und Glückseligkeit (Eudämonie). Nun, jedenfalls in der Auffassung mancher Philosophen.

  3. Selbstdistanz

    Distanz heisst auch: Selbstdistanz. Selbsttranszendenz. Hier sind die Angelsachsen meisterhaft, die ja auch die Coolness erfunden haben: Cool as a cucumber. Selbstironie gehört zu ihrem kulturellen Erbe. Die Einwohner des keinesfalls sturmfreien britischen Eilands haben eine Aversion gegen das, was der Engländer «blowing your own trumpet» nennt, eine tiefe Abneigung gegen pompöse Verstiegenheit, Bitterernst und Selbstherrlichkeit. Dies sind zufällig auch samt und sonders Eigenschaften, die überhaupt nicht cool sind. Cool hingegen sind die britischen Tugenden des Understatements und jener Ungerührtheit der «stiff upper lip»; also diese typisch britische Unerschütterlichkeit, die sich am besten wie folgt umschreiben lässt: You lose a limb – pfft!

Der distanzierte Unernst, vor allem in der Selbstbetrachtung, ist der englische Wert schlechthin – und die Essenz von Coolness. Coolness ist also Selbstironie in höchster Vollendung. Denn wer sich bitterernst nimmt, kann nicht cool sein. Obschon sie keine Kunst-, sondern eine Lebensform ist, kann man sich Coolness nicht selbst zuschreiben (so wenig wie Ironie oder Spontaneität). Hingegen könnte man durchaus das Argument vertreten, dass die spätmoderne digitale Gesellschaft mit ihrem Tsunami an indiskreten Technologien und ihrer vulgärnarzisstischen Fixierung auf Bilder und Körper dem Einzelnen die Selbstdistanz erschwere. Aber Coolness war schliesslich noch nie eine leichte Aufgabe. Sonst könnte das ja jeder. Deshalb hier zum Schluss noch ein Trost: Man kann auch berühmt werden, wenn einem jede Coolness abgeht. Denken Sie an Freddie Mercury.