Tabus für Dummies: Squirten

wet-katy-perry-19_663

Tabus sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dauernd will wieder jemand eins brechen, immer findet sich eine überdrehte Tante oder ein eingebildeter Gockel und gibt Einblicke in Intimsphären, die uns lieber verborgen geblieben wären: von Frauen mit erheblich jüngeren Liebhabern bis zu den Freuden von Analsex. Dann kommen sie sich verwegen vor, dabei sind sie einfach nur doof. Mich erinnert das immer ein bisschen daran, wie ich als Kind im Garten spielte und wissen wollte, was unter den Steinen und Holzstücken liegt – nur um sie dann angeekelt vom bleichen Gewürm da unten kleinlaut wieder zurückzulegen. Wobei man zwischen privat und öffentlich unterscheiden muss. Wenn im Privaten Themen tabuisiert werden, ist das fast immer ein Anzeichen dafür, dass man wahrscheinlich darüber sprechen sollte. Öffentlich sieht die Sache anders aus. Dass gewisse Dinge tabu sind, hat vielleicht einen bestimmten Grund.

Neulich etwa fragte mich meine Tochter: «Was ist ein Squirter?» Ahem.

Ich bin diesbezüglich nicht ganz unschuldig. Vielleicht hätte sie nicht reagiert, wenn ich nicht gelacht hätte, weil es eine Pointe war. Und ich hätte ihr vielleicht nicht erlauben sollen, mit mir «Orange Is the New Black» zu schauen, meine neue Serie. Es geht da um eine bisexuelle Frau, die wegen einer Jugendsünde ein Jahr im Knast verbringen muss und dort in eine Welt voller Lesben- und anderer Lebensdramen eintaucht. Eine gute Mutter hätte sich wohl erst über die FSK-Freigabe orientiert. Aber da es bis zum fraglichen Zeitpunkt weder besonders gewalttätig noch besonders nackt zu- und hergegangen war, hielt ich es für unbedenklich. Zudem wartet die Serie mit einer Reihe aussergewöhnlicher Frauenfiguren auf, was allemal besser ist als «Germanys Next Topmodel». Auch wenn man dort nicht erklären muss, was squirten ist.

Als Sprössling einer Ärztefamilie weiss ich, wie man da vorgeht. Man muss bloss alles so medizinisch-sachlich erklären, bis das Gegenüber wegdämmert. Ein Körper ist schliesslich ein Körper mit Funktionen, die man einfach beschreiben kann. Aber diesmal war auch ich ein wenig in Verlegenheit. Muss denn wirklich alles immer öffentlich verhandelt werden?

Ich sagte also: «Squirten, hm, das ist etwas Perverses.» Damit wollte ich ihr andeuten, dass wir uns aufs dünne Eis der Sexualität begeben, da in ihrer Clique «pervers» synonym für sexuell verwendet wird. Vor allem wollte ich ihr die Möglichkeit zum Rückzug lassen, da «sexuell» für sie momentan synonym für peinlich ist – zumindest wenn ich als Mutter involviert bin.

Sie sagte nichts.

«Willst du es wissen?», fragte ich und kratzte in meinem Hirn nach medizinischen Umschreibungen für weibliche Ejakulation. Glücklicherweise verändern Kinder im Laufe des Heranwachsens ihre Strategien bezüglich ihres Wissenserwerbs. Vor ein paar Jahren noch wäre mir ein stundenlanges Warum-Verhör bevorgestanden, das beim Urknall geendet hätte. Heute dachte sie kurz nach und sagte: «Nein, ich glaube, lieber nicht.» Kluges Kind. Nicht squirten ist hier das Tabu, sondern die Mutter unnötig in Verlegenheit zu bringen.

Bild oben: «I kissed a girl…»: Popstar Katy Perry bei Wasserspielen. Foto: PD

32 Kommentare zu «Tabus für Dummies: Squirten»

  • Bruno Froehlich sagt:

    Erfreulich, dass Kinder noch immer die Eltern fragen und nicht alles ueber Google erfahren wollen um es moeglicherweise nicht zu verstehen. Mit meinen 80 Jahren schmunzle ich ueber die Themen, viele meiner Generation haben ihre Eltern nie nackt gesehen, kein stoehnen vernommen, geschweige etwas erklaert bekommen oder so Umschreibungen wie die beruehmte von Cesar Keiser beim Versuch der Aufklaerung seines Sohne, man kann es noch immer ueber YT geniessen wie sich wundern, das war die Realitaet vieler Eltern und Kindern vor 70 Jahren, gar nicht so lange her . . .

    • Serge de la Rey sagt:

      Vielen Dank für den Tipp! Habe mir CK soeben angehört. Köstlich!!!
      .
      Ich kenne das Problem übrigens nicht. Meine Söhne hatten wohl ihren Aufklärungsunterricht bei Freunden und im Internet. Jedenfalls kamen nie solche Fragen wie ‚was ist ein squirter?‘. Besser so: ich hätte die Antwort nicht gewußt und danke hiermit den Kommentatoren in diesem Forum für meine Aufklärung…
      Jetzt wüsste ich noch gerne, wie man den Unterschied zwischen Porno, Sex und Liebe erklärt?

  • Chris Fogg sagt:

    Habe ich es überlesen oder steht nicht wie alt die Tochter ist die gefragt hat? Das wäre ein wichtiger Hinweis gewesen! Ich Vater von 3 Töchter versuche immer alles sehr sachlich und direkt zu erklären. Es gibt doch kleine Peinlichkeiten wenn man es sachlich erklärt.

  • Stephan sagt:

    Meine 9-jährige Tochter wollte kürzlich wissen, was ein Wixer ist. X hat dem Y so gesagt. Schluck…lange Pause….Papa studiert……erwartungsvoller Blick der Tochter.
    „Männer können am Zipfel herum machen, bis der Samen raus kommt, dem sagt man wixen“…. „Ist das den was Schlimmes?“ „Nein“ „Warum sagt er ihm dann so wenn er ihn beschimpfen möchte?“ Papa zuckt die Schultern. Tochter ist zufrieden.

  • Hans Hintermeier sagt:

    Liebe Michèle: sind jetzt harte lesbische Knastfrauen die neuen Vorbilder für die feministische Mädchenerziehung? Kunststück gibt es eine Verrohung der Sitten! In Zürich schlagen die Mädchen schon öfters die Jungs als umgekehrt (http://bazonline.ch/zuerich/region/Maedchen-die-ihren-Freund-schlagen/story/31532839) Das nenne ich echten feministischen Fortschritt! Ich würde meiner Tochter im Fernsehen nicht so sinnentleerten amerikanischen Müll zeigen. Da kommt man/frau sonst nur auf Ideen, die man sonst nie hätte und auf einmal denkt man/frau, dass man das unbedingt auch noch braucht….

  • Ylene sagt:

    Wäre es zu viel verlangt gewesen, einfach die Dinge sachlich beim Namen zu nennen? Sie müssen das ja nicht unbedingt (bitte nicht) mit Ihren ganz persönlichen Erfahrungen ausschmücken. Nun ja, muss halt Google aufklären – wahrscheinlich mit freundlicher Unterstützung von Bonnie Rotten.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.