Tabus für Dummies: Squirten

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Tabus sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dauernd will wieder jemand eins brechen, immer findet sich eine überdrehte Tante oder ein eingebildeter Gockel und gibt Einblicke in Intimsphären, die uns lieber verborgen geblieben wären: von Frauen mit erheblich jüngeren Liebhabern bis zu den Freuden von Analsex. Dann kommen sie sich verwegen vor, dabei sind sie einfach nur doof. Mich erinnert das immer ein bisschen daran, wie ich als Kind im Garten spielte und wissen wollte, was unter den Steinen und Holzstücken liegt – nur um sie dann angeekelt vom bleichen Gewürm da unten kleinlaut wieder zurückzulegen. Wobei man zwischen privat und öffentlich unterscheiden muss. Wenn im Privaten Themen tabuisiert werden, ist das fast immer ein Anzeichen dafür, dass man wahrscheinlich darüber sprechen sollte. Öffentlich sieht die Sache anders aus. Dass gewisse Dinge tabu sind, hat vielleicht einen bestimmten Grund.

Neulich etwa fragte mich meine Tochter: «Was ist ein Squirter?» Ahem.

Ich bin diesbezüglich nicht ganz unschuldig. Vielleicht hätte sie nicht reagiert, wenn ich nicht gelacht hätte, weil es eine Pointe war. Und ich hätte ihr vielleicht nicht erlauben sollen, mit mir «Orange Is the New Black» zu schauen, meine neue Serie. Es geht da um eine bisexuelle Frau, die wegen einer Jugendsünde ein Jahr im Knast verbringen muss und dort in eine Welt voller Lesben- und anderer Lebensdramen eintaucht. Eine gute Mutter hätte sich wohl erst über die FSK-Freigabe orientiert. Aber da es bis zum fraglichen Zeitpunkt weder besonders gewalttätig noch besonders nackt zu- und hergegangen war, hielt ich es für unbedenklich. Zudem wartet die Serie mit einer Reihe aussergewöhnlicher Frauenfiguren auf, was allemal besser ist als «Germanys Next Topmodel». Auch wenn man dort nicht erklären muss, was squirten ist.

Als Sprössling einer Ärztefamilie weiss ich, wie man da vorgeht. Man muss bloss alles so medizinisch-sachlich erklären, bis das Gegenüber wegdämmert. Ein Körper ist schliesslich ein Körper mit Funktionen, die man einfach beschreiben kann. Aber diesmal war auch ich ein wenig in Verlegenheit. Muss denn wirklich alles immer öffentlich verhandelt werden?

Ich sagte also: «Squirten, hm, das ist etwas Perverses.» Damit wollte ich ihr andeuten, dass wir uns aufs dünne Eis der Sexualität begeben, da in ihrer Clique «pervers» synonym für sexuell verwendet wird. Vor allem wollte ich ihr die Möglichkeit zum Rückzug lassen, da «sexuell» für sie momentan synonym für peinlich ist – zumindest wenn ich als Mutter involviert bin.

Sie sagte nichts.

«Willst du es wissen?», fragte ich und kratzte in meinem Hirn nach medizinischen Umschreibungen für weibliche Ejakulation. Glücklicherweise verändern Kinder im Laufe des Heranwachsens ihre Strategien bezüglich ihres Wissenserwerbs. Vor ein paar Jahren noch wäre mir ein stundenlanges Warum-Verhör bevorgestanden, das beim Urknall geendet hätte. Heute dachte sie kurz nach und sagte: «Nein, ich glaube, lieber nicht.» Kluges Kind. Nicht squirten ist hier das Tabu, sondern die Mutter unnötig in Verlegenheit zu bringen.

Bild oben: «I kissed a girl…»: Popstar Katy Perry bei Wasserspielen. Foto: PD

32 Kommentare zu «Tabus für Dummies: Squirten»

  • Peter sagt:

    also die oben geschilterte geschichte macht mich stutzig..die tochter ist offenbar genug alt dass sie schon so eine serie anschauen kann…da würde ich mal mindestens auf 13-14 schätzen..in dem alter wïrd man dies wohl eher googeln als die mutter fragen…hier könnte man einwenden, aber nicht wenn mutter und tochter ein super offenes verhältnis haben..dagegen spricht, dass MB squirten als pervers hinstellt und ihr die frage offensichtlich unangenehm ist, da sie ja irgendwelche medizinsichen begriffe suchen muss damit es die tochter nicht genauer wissen will..ist wohl am ehsten einfach erfunden

  • Imauge sagt:

    Die wenigen Gelegenheiten die ich hatte , über diese Thema zu sprechen, meinte ich bei Frauen, die
    „Squirten nicht können“ …eine „vielleicht wäre dies der ultime Orgasmus “ Haltung zu entdecken .
    Frauen hingegen, die Squirten, finden dies meistens „gênant“…

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