Das Mutter-Teenietochter-Paradox

Dylan's Candy Bar Candy Girl Collection LA Launch Event

Bis heute habe ich noch keine gute Antwort gefunden auf die Frage, ob es das Älterwerden einfacher macht, wenn man Kinder hat, oder schwieriger. Aber eines weiss ich mit Sicherheit: Sie sorgen dafür, dass man stets herausgefordert wird.

Zum Beispiel Mode. Stilexpertinnen dozieren gern über Mütter, die sich in ihrer Kleiderwahl kaum von der Tochter unterscheiden. Sie unterstellen ihnen Jugendwahn, fehlende Abgrenzung und überhaupt eine gestörte Selbstwahrnehmung. Meistens sind diese Stilexpertinnen selber kinderlos, weshalb man ihnen verzeihen muss, dass sie keine Ahnung haben. Denn gerade was Mode betrifft, ist die Sachlage ziemlich kompliziert.

Mir war Mode relativ lange relativ egal. In meiner Jugend begriff ich sie als Mittel der Provokation, später sollte sie mich vor allem nicht stören. Erst der Einstieg ins Berufsleben weckte mein Interesse. Nicht umsonst haben Journalisten den Ruf, sich spektakulär schlecht zu kleiden, was meine alte Provokationslust weckte. Ich beschloss, einen Kontrapunkt zu setzen, und stieg jeden Morgen in High Heels, Röcke und Blusen, um mich von ihnen abzuheben. Heute würde ich meinen Stil als Mischung zwischen Business, Extravaganz und Casual bezeichnen.

Meine Tochter sieht das mit der Mode aber ganz anders. Mit etwa zwölf Jahren unternahm sie erste Raubritterzüge durch meinen Kleiderschrank. Ich war darauf vorbereitet, dass sie sich die Haare blau färbt und in viel zu kurzen Röckchen zur Schule gehen will. Stattdessen legt sie es darauf an, sich wie ich zu kleiden – nur besser. Und sie lässt keine Gelegenheit aus, mich darauf hinzuweisen, dass sie die Sache auch besser versteht als ich.

Als ich jüngst mit neu erworbenen Turnschuhen nach Hause kam, rief sie: Mama, wirklich? Diese Turnschuhe sind gerade bei Mädchen in meinem Alter angesagt – bist du dafür nicht schon etwas alt? Ich behauptete, für Turnschuhe sei man nie zu alt. Dann verbrachte ich den Nachmittag darüber sinnierend, ob «altersgerecht» ein Attribut ist, das tatsächlich auch auf Turnschuhe anwendbar ist.

Genau genommen habe ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich mache selber einen auf pubertierendes Mädchen, um mich von meiner Tochter zu unterscheiden. Oder ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, den Stil meiner Tochter zu kopieren.

Ein paar Stunden später kam die Tochter nach Hause und erzählte begeistert, wie toll die Mutter ihrer Freundin sei. Nicht nur habe sie ein schönes Haus mit Garten, sondern sie ziehe auch dieselben Kleider an wie die Tochter. «Ist das nicht wahnsinnig cool?»

Ich beschloss, in Zukunft weder auf meine Tochter noch auf Stilexpertinnen zu hören, sondern einfach anzuziehen, was mir gefällt. Egal, wer es sonst auch noch trägt.

 

Bild oben: Die Mutter als Stilikone. Cindy Crawford mit ihrer Tochter Kaia. (Getty)

8 Kommentare zu «Das Mutter-Teenietochter-Paradox»

  • Rémy sagt:

    „Bis heute habe ich noch keine gute Antwort gefunden auf die Frage, ob es das Älterwerden einfacher macht, wenn man Kinder hat, oder schwieriger.“
    Ist doch per Definition eine Frage die nicht beantwortet werden kann: entweder man hat Kinder odere man hat keine, somit ist es doch unmöglich zu sagen wie die Entwicklung wäre wenn man in der anderen Situation wäre.
    Deshalb finde ich es auch immer anmassend wenn Leute mit Kinder behaupten es sei viel besser mit Kinder…wie wollen die den das wissen, sie sind ja nicht in der Situation und können es gar nicht beurteilen (stimmt auch andersrum)

    • Leserin sagt:

      @Rémy
      Klar können Leute mit Kindern beurteilen, was besser gefällt, die kinderlose Zeit hatten sie ja vorher bereits…

    • Hotel Papa sagt:

      „Kinder sind nicht nur ein Trost für das Alter, sondern auch ein Mittel, es schnell zu erreichen.“
      Roberto Benigni

    • Rémy sagt:

      Liebe Leserin, das zentrale Wort im Satz war „Älterwerden“. Sobald man Kinder hat kann man nicht mehr beurteilen, wie das Älterwerden ohne Kinder wäre.

  • Marie sagt:

    Nicht nur hier, auch sonst: Die Tipps und Meinungen von Kinderlosen sind meistens die unpraktikabelsten. Deshalb: Nicken, lächeln, weitergehen.

  • Irene feldmann sagt:

    Nach meiner Erfahrung nehmen die teenagetöchter die Mutter zum Vorbild, oft nicht nur in der Bekleidung. Dann ab einem gewissen Punkt kommt die GLEICH-GLEICH Phase. Erst dann Splittern sich die 2 Personen als individuelle wieder ab, und wenn dies nur in der Bekleidung geschieht, dann ist das wirklich ein Klacks und kein persönlichkeits erschütternder Vorgang….:)

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.