Einmal Grossraum, bitte!

zug663

Ich war unlängst ziemlich viel in Deutschland unterwegs, meine Damen und Herren, und zwar, um die grösste Druckmaschine der Welt zu besichtigen. Keine Sorge, von diesem Ding wird hier nicht weiter die Rede sein. Stattdessen möchte ich gerne übers Bahnfahren sprechen, denn ich war mit der Bahn unterwegs, der Deutschen Bahn, weil ich Orte wie Osnabrück, Heidelberg oder Ulm besuchen musste. Wobei sich mir folgende Frage stellte: Warum gibt es in Deutschland ausser im ICE offenbar keine Grossraumwagen erster Klasse? – Oder, bevor mir jetzt scharenweise Bahnexperten schreiben, stelle ich die Frage anders, nämlich grundsätzlicher: Wieso schafft man Abteilwagen nicht einfach ab? Das Abteil ist eine überholte Form des Reisens; es stammt aus jenen Zeiten, als es in der Bahn noch drei Klassen gab und es undenkbar war, sich mit ungefähr fünfzig oder hundert oder soundso viel anderen Personen in einen Grossraumwagen zu setzen. Damals war die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit viel stärker ausgeprägt, und nur dann sind übrigens Abteile überhaupt möglich. Das ist heute anders. Vor allem gibt es zwei gefährliche Abteiltypen: A) die Person, die Sie unentwegt anredet; sowie B) die Person, die unentwegt in ihr Mobiltelefon redet.

Mit Kategorie A hatte ich es zu tun, als ich von Ulm nach Heidelberg fuhr. Im Abteil sass ausser mir eine alte Dame, deren Sympathie ich mir erwarb, indem ich eine herumrollende Bierflasche vom Boden auflas, worauf die Dame ihrerseits anhob, mir auseinanderzusetzen, dass also die erste Klasse bei weitem auch nicht mehr das sei, was sie einst gewesen, was übrigens auch für Deutschland insgesamt gelte, alles nicht mehr so schön wie früher, berichtete mir die Seniorin, letztes Jahr habe ihr zum Beispiel einmal im Abteil ein ganz dicker Mann gegenübergesessen, da sei ihr fast das Weihnachtsessen wieder hochgekommen (es muss also um den Heiligen Abend gewesen sein, schloss ich daraus), und später sei dieser dicke Mann dann auch noch im Speisewagen aufgetaucht, wohin sie sich geflüchtet hatte, und zwar habe der, das schwöre sie, gleich zwei Portionen auf einmal bestellt, also da könne sie nur sagen: armes Deutschland! «Wieso», erwiderte ich, «so arm ist das doch gar nicht – gleich zwei Portionen auf einmal!»

Auf der nächsten Strecke, von Mannheim nach Osnabrück, sass mir eine drogerieblonde Matrone gegenüber, die die ganze Zeit mit einer gewissen Petra telefonierte. Ich weiss nicht, wieso man das als störender empfindet, als wenn Petra neben ihr sässe, aber es ist so. Vielleicht weil man Petras Antworten so dazuraten muss. Eventuell hatte Petra aber auch schon längst aufgelegt; jedenfalls kam sie nicht oft zu Wort. Sie würde sich immer dabei ertappen, zu hohe Ansprüche an sich selbst zu stellen, erklärte das Hünenweib und vertilgte dazu eine Handvoll Nüsse, bevor sie fortfuhr: «Ich hab mir heute gegönnt, dass ich einfach erster Klasse fahre. Und ich hab was gemacht, Petra, was ich noch nie gemacht habe: Ich hab mein Auto stehen lassen und bin die 40 Minuten zum Bahnhof gelaufen!» Dies Letztere fand ich begrüssenswert, auch wenn ich schon jetzt entschieden mehr über die Matrone wusste, als mir lieb und nötig war. Und dabei waren wir erst in Mannheim-Nord. Oder so. Ich verwechsle diese ganzen deutschen Städte immer.

Aber dann schliesslich, endlich, sitze ich im ICE von Mannheim nach Berlin, dieser unverwechselbaren Stadt, von der der gleichfalls unverwechselbare Kurt Tucholsky, dessen 125. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, einst gesagt hat: «Berlin wird nicht von Engeln bewohnt. Aber es gibt nur diese Stadt, in der man leben möchte.» So weit würde ich zwar nicht gehen, ich lebe entschieden lieber in Züritown, da ist auch die Kehrichtabfuhr zuverlässiger, aber ich liebe Berlin, wie man eben nur ein altes Monster lieben kann. So also sitze ich endlich im Grossraum – doch im Grunde, realisiere ich plötzlich, ist das auch nicht viel besser, denn schräg gegenüber von mir erklärt ein abgetakelter Geschäftsmann zwei weiblichen Reisebekanntschaften, die nebeneinander aussehen wie die Zahl 10, erst das Tarifsystem der Deutschen Bahn und seine Kniffe zur Bewältigung desselben, anschliessend die Finanzkrise und daraufhin überhaupt den Zustand unserer Zeit, die, da sind sich die drei einig, kurz vor dem Untergang stehe. Woher kommt eigentlich diese Untergangsstimmung in der ersten Klasse der Deutschen Bahn? Beinahe vermisse ich die drogerieblonde Matrone. «Meine Frau hat gesagt, schreib ein Buch», behauptet nun der Handlungsreisende. Und fügt an: «Da hab ich ihr gesagt, nee, hab ich keine Zeit zu.» Und ich denke: «Halleluja.»

Im Bild oben: Caroline (Anke Engelke) und Kalle (Olli Dietrich) treffen im Improvisationsstück «Blind Date» im Zugabteil aufeinander. (ZDF/NDF Entertainment)