Lesen bildet

LEIPZIGER BUCHMESSE,

Der Literaturbetrieb versammelt sich in wenigen Tagen in Leipzig zur Buchmesse, meine Damen und Herren. Jedes Jahr aufs Neue. Aber der soziale Mikrokosmos ist jedes Jahr der gleiche und wird im Wesentlichen von folgenden fünf Typen geprägt:

  1. Die Verlagspressekraft

    Ungefähr Mitte Dreissig, trägt gern Unisex-Kurzhaarschnitt (womit sie ihrem Zwilling, der literarischen Nachwuchshoffung, zum Verwechseln ähnlich sieht) und ist vor kurzem von Mannheim oder Gütersloh nach Berlin-Friedrichshain gezogen.
    Standardsatz: «Ich bin in Halle 4.»
    Leidet an: schlechter Bezahlung

  2. Der Arty-Farty-Softie

    Wiegt um die siebzig Kilo, arbeitet vorzugsweise bei Kunstverlagen, aber manchmal auch als Lektor, trägt gerne längeres Haar und schwarzgerahmte Brillen (weil die anderen das auch tragen) und findet heimlich Eva Herman sexy.
    Standardsatz: «Leipzig gefällt mir besser als Frankfurt, hier kann man noch reden.»
    Leidet an: sexueller Frustration

  3. Der Veteran

    Seit Jahren dabei, von jedem erkannt und seinerseits mit allen anderen Veteranen bekannt, hat mindestens einen (erfolglosen) Nikotinentzug und eine rebellische Phase im letzten Jahrhundert hinter sich, und seine letzten verbliebenen Haare schreien so laut nach einer Kurspülung, dass man darüber den Titel seines neuesten Buches vergisst.
    Standardsatz: «Gehst du heute Abend zu Dings?»
    Leidet an: Leberzirrhose

  4. Der Agent

    War früher mal Lektor (oder erfolgloser Schriftsteller); die männliche Variante trägt gern hellblaue Oberhemden und einen kleinen Bauch, die weibliche Variante liebt Kunstdrucke und klassische Musik und sieht ansonsten entweder aus wie eine Religionslehrerin aus Münster, Westfalen, oder wie Gertrud Höhler.
    Standardsatz: «Ich habe da was für Sie.»
    Leidet an: steigender Konkurrenz und Wahrnehmungsverzerrungen

  5. Der Feuilletonist

    Trägt auch mit Mitte Fünfzig noch Jeans sowie gerne einen kleinen Schal und hat stets etwas feuchte, gerötete Augen über konsiderablen Tränensäcken; gibt vor, Mobiltelefone und Arte zu hassen, und zieht, sofern er eine Frau ist, auf der Rückfahrt in der zweiten Klasse des ICE sofort die Schuhe aus.
    Standardsatz: «Ist das ein Presse-Exemplar?
    Leidet angeblich an: dem allgemeinen kulturellen Niedergang
    Leidet in Wahrheit an: sexueller Frustration, einem knappen Spesenbudget und anderen Feuilletonisten

Bild oben: Was sind das für Typen? Sogenannte Cosplayer an der Leipziger Buchmesse 2014. Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

Tinglers Fünf erscheint neu immer sonntags im Blog Mag und gleichzeitig auch in der «SonntagsZeitung».

6 Kommentare zu «Lesen bildet»

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Zu 5 kommt mir Goethes vermeintliche Kenntnis des Frankfurter Bahnhofs in den Sinn. Aber: De mortuis nil nisi bene.

    • Henry sagt:

      Der Herr Dr. hatte sich schon früher mit diesem Herrn befaßt. Ich habe ihn schon aufgefordert einen Nachruf über ihn zu schreiben. Werden die Kursbücher aus der Goethe-Zeit eigentlich noch posthum verlegt ?

    • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

      Lieber Kurs- als Tagebücher. 😉

  • sibune gaber sagt:

    das Bild ist übrigens vom Anime „Attack on Titan“.

  • Gloria Ghiringhelli sagt:

    Wieder einmal bestens auf den Punkt gebracht. Was habe ich vorhin gelacht… und das am Montag früh. Besten Dank, Herr Dr. Tingler, you made my day!

  • tststs sagt:

    Made my day 🙂

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