Sprachfasten

shutup

Die Fastenzeit hat begonnen, meine Damen und Herren, und vielerorts hören wir Empfehlungen und Ratschläge, worauf der spätmoderne Mensch wenigstens bis Ostern verzichten könnte, um wieder zu sich zu kommen. Die Vorschläge zur Entsagung kommen von allen Seiten, viele Stimmen äussern sich, darunter so verdienstvolle Organe wie die deutsche Illustrierte «Bunte», die ihrer Leserschaft als Alternativvorschläge zu Fleisch und Alkohol gleich fünf Enthaltsamkeitsübungen nahelegt, nämlich den Verzicht auf das Auto, Smartphone, Make-up, Lieblingsprogramm im Fernsehen und Shoppen.

Nun ist das einerseits nichts Neues. Die Propagierung von Konsumfasten, Fernsehfasten oder digitalem Fasten ist so alt wie die jeweilige Versuchung, auf die sie sich bezieht. Andererseits möchte ich zum Beispiel von Make-up-Fasten dringend abraten, und wenn die «Bunte» dazu feststellt: «ein natürlicher Look gefällt den meisten Männern auch sehr viel besser», so kann ich darauf nur erwidern: Wrong on so many levels, «Bunte»! (Vorderhand beginnend damit, dass heutzutage ein «natürlicher Look» absolut nichts mit der Abwesenheit von Make-up zu tun hat, im Gegenteil.)

Also, was stattdessen? Ich schlage vor: Sprachfasten. Die Pflege und Reinheit der Sprache ist ja, wie Sie wissen, eines meiner Herzensanliegen; es gibt zu viel schlimme Wörter und Phrasen, und vielleicht ist dies nun wirklich die Zeit im Jahr, wo man überprüfen sollte, was einem so über die Lippen kommt (also nicht rein, sondern raus, if you catch my drift). Das würde übrigens der «Bunten» auch ganz gut tun. Denn «Shoppen» ist wirklich ein schlimmes Wort. Noch schlimmer ist nur der Satz: «Shoppen ist DAS Laster der Frauen.» Und wo lesen wir den? Sie können sichs denken. Hier kommen noch ein paar weitere Worte und Wendungen, denen mit Vorteil zu entsagen ist. Und zwar am besten für immer.

  1. «Auszeit»

    ... damit man mit Wonne in die innere Achse atmen kann und so. Danke für Backobst.

  2. «Aha-Erlebnis»

    Leute, die Aha-Erlebnisse haben, kommen gern auch auf den Trichter. Aber nicht bei mir.

  3. «Achtsamkeit»

    Dazu möchte ich gern Folgendes bemerken: Bleurgh! Bleurgh! Bleurgh!

  4. «Fit wie ein Turnschuh»

    Wer sind Sie – eine Ausbilderin der Sparkasse Singen-Radolfzell im Jahr 1987?

  5. «Zum Bleistift»

    Statt «zum Beispiel». Allen Ernstes. Painful. Wer sind Sie – eine Ausbilderin der Sparkasse Singen-Radolfzell im Jahr 1985?

Tinglers Fünf erscheint neu immer sonntags im Blog Mag und gleichzeitig auch in der «SonntagsZeitung».

25 Kommentare zu «Sprachfasten»

  • Charlie Roth sagt:

    Ich komme mit der heutigen, modernen Zeit eigentlich ganz gut zurecht. Ich mag auch Technik. Auch wenn gewisse Begriffe (wie erwähnt) – auf Ursprünge von Clowns hindeuten könnten. Aber Clowns sind zeitlos; sie tragen heute nur andere Kleider. Trotzdem verfalle ich manchmal in eine tiefe Melancholie. Die ‚Maderln‘ sind einfach nicht mehr so fesch. Frech schon noch, aber eben zu wenig fesch! Aber – ich komme immer wieder hoch – schon der Joseph selig beklagte sich darüber

  • Hans Dampf sagt:

    „Sounding board“. Das Gegenüber darf freundlicher Weise auch noch was dazu sagen, wenn alles schon festgelegt und beschlossen ist. Aber ganz übergehen wäre ja zu auffällig und würde beweisen, dass man ein verbohrter Ignorant ist.

  • Hans sagt:

    Work-life-balance. Weg mit diesem Wort, bitte! Leben ist Arbeit, Arbeit ist Leben, Leben und Arbeit sind keine Gegensätze, also gibt es keine Balance von Leben und Arbeit.

  • Marina Blau sagt:

    Lifestyle, das übelste „In- Wort“ ever…

  • Kerstin sagt:

    Meine Hasswörter/sätze
    wie geil ist das denn
    Kids, die Kids
    klasse, peppig, sauber
    schaun wir mal

    …und der Klodeckel wird zugemacht!!

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