Betrunken im Flugzeug

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Unlängst flog ich mit einer kleinen Propellermaschine an den Rand der kanadischen Arktis, meine Damen und Herren, um Eisbären in ihrem natürlichen Lebensraum zu besuchen. Die Maschine war schätzungsweise ein halbes Jahrhundert alt, verfügte über eine Art Plumpsklo und vereiste leicht im Inneren – doch dies alles beschäftigte mich weniger als die Karte in der Sitztasche vor mir, die ich oben für Sie fotografiert habe. Sehr eindrücklich wird hier gewarnt vor den Folgen ungebührlichen Verhaltens (fachsprachlich: unruly passenger behaviour), strafbewehrt mit bis zu 5000 Dollar oder Gefängnis. Beispiele solchen Verhaltens werden ebenfalls gelistet: harassment, verbal abuse, physical assault, intimidating behaviour, intoxicated and disorderly conduct und so weiter.

Das Ganze eindrücklich illustriert durch eine Szene, die mich daran erinnerte, wie vor einigen Jahren auf einem Kurzstreckenflug ein stark alkoholisierter Passagier begann, grölend gegen meine Sitzlehne zu treten. Von hinten. Sie wissen ja: Normalerweise sitzt auf der Kurzstrecke im Flugzeug jemand neben mir, der aussieht wie Shrek und die Armlehne blockiert (egal, wie breit die Armlehne ist). Das war auch auf besagtem Flug so. Der Trunkenbold hingegen sass hinter mir, was die Situation verschärfte, weil ich ihn nicht sehen konnte. Ich hörte ihn nur. Er war schon betrunken, als er einstieg. Aus unbegreiflichen Gründen wurde ihm während des Fluges auf sein Verlangen trotzdem noch Bier serviert, worauf er dann also begann, gegen meine Sitzlehne zu treten. Es ist allgemein bekannt, dass Alkohol im Flugzeug stärker und schneller wirkt als am Boden, was wiederum mit dem niedrigeren Luftdruck zu tun hat, der beim Menschen zu einer Gefässerweiterung und damit erhöhten Blutzirkulation führt. Worauf ich damals auf den Flight-Attendant-Rufknopf drückte und der alsbald erscheinenden Purserette erklärte, der Herr hinter mir sei womöglich ein klein wenig unruly und ich würde mich nun woanders hinsetzen.

Ich sagte Shrek auf Wiedersehen und platzierte mich weiter vorne, und nach kurzer Zeit hörte ich aus der Gegend meines alten Sitzplatzes aufbrandendes Geschrei. Danach erschien die Purserette, die übrigens sehr freundlich war, mit den Resten meines Handgepäcks an meinem neuen Platz und sagte: «Okay. Also Sie steigen nachher am besten ganz zuerst aus.»

«Alrighty», erwiderte ich.

Nach der Landung wurde die Krawallnudel von zwei Sicherheitskräften abgeführt. Weiterhin erfuhr ich von Shrek, den ich am Gepäckband wiedertraf, dass der Mensch nach meinem Platzwechsel einem anderen Mitreisenden, der ihn zur Ruhe ermahnt hatte, Schläge angedroht hatte, worauf der kleine Tumult entstanden war. So viel dazu. Ein ganz anderes Phänomen wiederum sind betrunkene Flugbegleiter, die ebenfalls gelegentlich vorkommen. Und auch dies lässt sich noch steigern: Vor ein paar Jahren wurde die Bedeutung sogenannter kultureller Faktoren beim Fliegen wieder ins Bewusstsein gerückt – jedenfalls mal sicher ins Bewusstsein der 300 Passagiere an Bord jener Aeroflot-Maschine von Moskau nach New York, die nach einer ziemlich lallenden Begrüssung durch den Piloten dessen Auswechslung wegen mutmasslicher Trunkenheit forderten, und zwar so lange, bis schliesslich ein paar Vertreter von Aeroflot an Bord kamen, von denen einer die Fluggäste dadurch zu beruhigen suchte, dass er erklärte, es sei keine grosse Sache, ob der Pilot betrunken wäre oder nicht, denn das Flugzeug flöge sich quasi von selbst. Nastrowje!