Öffentliche Verkehrserziehung

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Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich, meine Damen und Herren, engagieren sich einmal mehr volkspädagogisch, zu Nutz und Frommen des teilnahmsvollen Publikums. In allen möglichen Trams unserer schönen Limmatstadt sind letzthin wieder jene Sicherheitskarten verteilt und aufgehängt worden, die wir in diesem Magazin ja angelegentlich einer früheren Aktion schon gewürdigt haben: Man soll sich festhalten, stabil stehen, hinsetzen und sitzen bleiben und so weiter.

Einige Kommentatoren haben sich daraufhin darüber aufgeregt, dass hier der mündige Fahrgast bevormundet werde, indem man ihm Selbstverständlichkeiten auseinandersetze. Doch ich sehe hier was anderes Interessantes, und deshalb habe ich einen Ausschnitt der VBZ-Sicherheitskarte für Sie fotografiert. Sehen Sie die Oma oben? Das bin ich. Ich identifiziere mich mit dieser Oma. Now, don’t get me wrong: Ich habe gar nichts gegen Punks, im Gegenteil, ich hätte gerne mehr Punks in dieser Stadt; wenn Zürich irgendwas braucht, dann das. Nein, es geht mir um das Bild als Metapher: «Warum setzen sich eigentlich im Tram immer die schrecklichsten Monster direkt in meine Nähe?», so textete ich kürzlich an Richie, den besten Ehemann von allen, unter dem frischen Eindruck einer Dame, die aussah wie die Tochter von Jabba the Hutt und Elena Ceaușescu und sich ohne Pause in Fuhrmannsausdrücken darüber erging, wie mies gerade eine andere Dame zu ihr gewesen sei, die sie beim Einsteigen behindert habe. So sprach dieses Geschöpf, mit jenem breiten Behagen der Unfeinheit, dem nach Fontane unwandelbar viele Hundert gescheiterte Versuche vorausgehen, sich auf dem Parkett des Lebens zu bewegen.

Sie wissen vielleicht, was ich meine. Oder vielleicht auch nicht. Es ist so eine wunderbare Vorstellung (und ein popkulturelles Klischee), einmal in einem öffentlichen Verkehrsmittel über die tosenden Massen hinweg Kontakt zu einem wundervollen Geschöpf aufzunehmen, sagen wir, jemand der aussieht wie Trevor Donovan und den Humor von Jennifer Saunders hat. Aber in meiner Nähe landen immer die, die aussehen wie Jabba the Hutt und den Humor von Elena Ceaușescu haben. Die, die sich die Fussnägel schneiden und aggressiv vom Weltuntergang faseln. Der in Kneipenroheit verkommene Abhub, wie Fontane sagen würde. Und: Man gewahrt dies nicht ohne ein Gefühl der Beschämung, wie Fontane sagen würde.

Und deshalb, liebes Publikum, wenn wir schon Handzettel für Selbstverständlichkeiten ausgeben, möchte ich auf diesem Wege anregen, dem Volkserziehungsprogramm der VBZ vielleicht noch einen Anhang mitzugeben. Ich denke da an eine auf den Flyern enthaltene und eventuell dank Perforation abtrennbare Sonderrubrik, zum Mitnehmen und Aufbewahren, gerne schematisch illustriert, und der Text ginge ungefähr so:

Bevor Sie öffentliche Verkehrsmittel betreten:

1. Vergewissern Sie sich, dass Sie ein Körperpflege-Basisprogramm erledigt haben.

2. Stellen Sie sicher, dass Sie Ihren Husten mit hüttenkäseartigem Auswurf unter Kontrolle haben.

3. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Mitgeschöpfe unfreiwillig hören, was Sie von sich geben, und sehen, was Sie auf Ihrem Mobiltelefon anschauen.

So weit dazu. Und dann sass ich neulich in der S-Bahn, unterwegs ins Training, und neben mich setzte sich: ein Punk. Und ich dachte: «Yay, endlich ein Punk!» Und dann stand der Punk wieder auf, und aus seiner Hosentasche fiel: ein glitzerndes Smartphone. Das ist typisch für diese Stadt, meine Damen und Herren.

«Vergiss dein Telefon nicht», sagte ich.

Worauf er es wortlos einsteckte.

«Gern geschehen!», sagte ich. Da war ich wieder wie diese Oma. Nee wirklich. Auch Punks können Danke sagen!

In diesem Sinne: thank you. Good Luck, and Godspeed!

16 Kommentare zu «Öffentliche Verkehrserziehung»

  • Philipp Rittermann sagt:

    öffentliche verkehrsmittel sind bakterienherde par exzellence. ich betrete diese „proletenschleudern“ höchst ungern. daheim empfiehlt sich dann eine gründliche handwäsche im chirurgen-stil.

    • Sven sagt:

      Schon klar wird man dann alle paar Wochen, bzw. bei jeder zweiten Benutzung des ÖV’s krank, wenn man sich danach Hände oder ganzkörperlich wäscht.
      Selbstverständlich ist es korrekt sich nach der Heimkehr als erstes die Hände zu waschen, aber man kann auch alles übertreiben.

    • Henry sagt:

      Das Tragen von Handschuhen, und hier sollte man darauf achten, daß diese zur Farbe der übrigen zur Schau gestellten Ledersachen passen, nimmt einem den Ekel, sich beispielsweise an einer Haltestange in der Pariser Metro festzuhalten oder irgendwo die Tür zu öffnen. Wenn nun nicht gerade Hochsommer ist, kann man immer Handschuhe tragen wie der von Tony Curtis wunderbar dargestellte Charakter des Playboys Daniel Wilde in „The Persuaders“. In der allerhöchsten Not nimmt man den Ärmel, hier wiederum kann man sich Melvin Udall zum Vorbild nehmen, ohne dessen übrige Eigenarten sich anzueignen.

    • Philipp Rittermann sagt:

      nicht zu vergessen „sheldon cooper“ der sich im besitz einer „bushose“ befindet.

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Im st. gallerbus – das ist die lustige Marke der Verkehrsbetriebe der Stadt St. Gallen – gibt es zwei herausragende Unsitten bei den Fahrgästen: (1) Das Nicht-Aufschliessen der stehenden Leute im Bus, selbst wenn die zuletzt zugestiegenen Leute nur noch (innen) an der Wagentüre kleben. (2) Die martialische Inanspruchnahme des Sitzes am Gang, wenn der Zweiersitz noch frei ist, obwohl immer mehr Leute stehen müssen. (2) mag gerade noch angehen, wenn jemand einen Laserprinter und eine Grosspackung Playmobil eingekauft hat, auch wenn für Leute mir solcher Bagage ein Stehplatz prädestiniert wäre.

  • Heidi sagt:

    Wie ich aus internen VBZ Quellen weiss, geht es bei dieser Sicherheitskampagne u.a. darum, älteren Menschen klar zu machen dass sie sich während der Fahrt setzen und sich festhalten sollen (und eben nicht während der Fahrt den Platz wechseln).

    Warum? Wegen der lieben Versicherung. Verletzt sich eine ältere Person in einem Tram oder Bus und man kann nachweisen, dass sie stand oder nicht richtig sass, zahlt die Versicherung nichts, die VBZ ist fein raus und die ältere Person hat den Schaden doppelt.

  • Frank sagt:

    Und wenn keine Käsefüsse bzw. Füsse ohne Schuhe auf die Tram- und S-Bahn Polster gelegt werden, wäre das auch „gutekinderstubemässig“ flott! Gilt insbesondere auch für die 1.Klasse. Danke.

  • Wintimoni sagt:

    Bitte bitte verteilt diese Flyer auch in den Winti-Bussen!! Und stellt gleich einige gute Geister an, die dies wagemutig und unter Lebensgefahr kontrollieren. Leider gehöre auch ich zu den täglich-noch-Hoffenden und werde ebenso täglich aufs Gröbste enttäuscht…! Von wegen Proletenschleuder… Güsel- und Grüseltransporter!

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