Können Sie Wege beschreiben?

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Zuerst dies, meine Damen und Herren: Ich weiss, ich habs schon mal empfohlen, aber jetzt läuft bereits die zweite Staffel von «Drifters», und die ist noch besser als die erste. Und viel besser als «Girls». So weit dazu. Dann habe ich gedacht, oben abgebildetes Vignetten-Entfernungsset ist vielleicht interessant für Sie, wenn Sie ein Weihnachtsgeschenk für jemanden brauchen, dem Sie nur so mittelnahe stehen. Gerade diese Kategorie von Geschenken ist ja oft die schwierigste. Und offensichtlich ist ja Benzin augenblicklich wieder etwas billiger, also fahren die Leute wieder mehr Auto, doch offen gestanden weiss ich das nicht so genau, was den Benzinpreis angeht, denn ich tanke nie. Ich fahre gerne Auto, aber ich tanke nicht gerne.

Und ich gebe zu: Ich bin ein schlechter Beifahrer. Nicht in dem Sinne, dass ich andauernd den Lenker korrigiere und zurechtweise. Höchstens rege ich mich auch als Beifahrer manchmal auf über Parklücken, die leer scheinen, wo aber in der Tat so ganz kleine Autos drin stehen, oder über Leute, bei denen man aufs Ausparken wartet und die dann im Auto sitzend erstmal anfangen, eine Butterstulle zu essen. Und, OK, manchmal schreie ich auch andere Verkehrsteilnehmer an oder drücke vom Beifahrersitz aus kräftig auf die Hupe.

Aber das mache ich wieder wett, als Beifahrer, indem ich während der Fahrt Kaffee ausschenke und das Unterhaltungsprogramm anhand von mir selbst zusammengestellten Playlists gestalte, und natürlich toleriere ich es auch, wenn Richie, der beste Ehemann von allen, beim Fahren die Pooh Sticks oder The Pastels hören will. Ich toleriere sogar die Butthole Surfers. Ausserdem sorge ich für leichte, doch anspruchsvolle Gesprächsthemen, als Beifahrer, und wehrte unlängst auf diesem katalanischen Autobahnparkplatz eine reichlich hartnäckige Dame ab, die Ringe aus Katzengold feilbot, während Richie versuchte, mittels einer LKW-Glühbirne den linken Scheinwerfer unseres 34 Jahre alten SL zu reparieren.

Wenn ich also sage: Ich bin ein schlechter Beifahrer – dann meine ich eigentlich: Ich bin ein schlechter Kartenleser. Das wurde mir jüngst auf besagter Katalonienreise wieder deutlich, als Richie und ich mit besagtem Mercedes SL durch Barcelona jagten, einem fabelhaften Wagen, der zu einer Zeit gebaut wurde, als jene Wissenschaftler, die später die Satelliten konstruierten, mit denen heute die modernen Navigationssysteme arbeiten, noch in die Vorschule gingen. Damit will ich sagen: dies wundervolle und robuste Auto kennt kein Navigationssystem. So jagten wir durch Barcelona. Genauer gesagt jagten wir um den Kreisverkehr der Plaça d’Espanya. Zum vierten Mal. «Kannst du mir mal bitte sagen, wann ich abbiegen soll?», schrie Richie, obschon ich ja direkt neben ihm sass. «Wer bin ich», schrie ich zurück, drei aufgefaltete Karten auf den Knien und zwei Stadtpläne in der Hand, « – Herr Baedeker?»

Nein, Herr Baedeker bin ich nicht. Aber ich war schon mal in Barcelona mit dem Auto unterwegs, und zwar sogar selbst am Steuer, vor ungefähr eintausend Jahren, als ich als Fotomodell für das Bedienungsbüchlein eines bekannten zweisitzigen Kleinwagens arbeitete. Deshalb hatte ich den Weg zu unserem Ziel, dem Hotel Grand Marina direkt am Hafen, aus der Erinnerung aufgeschrieben. Stolz übergab ich meinem Ehemann den Zettel, der ihn auf dem Lenkrad entfaltete und vorlas: «Die Avinguda Diagonal hinunter, vorbei an diesem komischen Ding, bei dem hässlichen Haus rechts abbiegen, dann geradeaus bis zu dem Laden, wo ich damals das Pacha-Kirschen-T-Shirt gekauft habe, – und von da aus immer den Schildern nach.»

Was solls! Dann könnte ich eben nicht als Co-Pilot auf der «Endeavour» arbeiten! Wir sprechen ja hier schliesslich vom Autofahren, und erstens kann man sich heutzutage jede Wegbeschreibung über irgendeinen Routenplaner im Internet besorgen, auch wenn man kein Navigationssystem im Wagen hat, und zweitens besteht ein guter Teil des Charmes der Autoreise immer noch darin, romantische Umwege einzuschlagen, das Lokalkolorit zu geniessen und spontane Bekanntschaft mit Land und Leuten zu schliessen. Wie ich damals mit dieser buckligen Katalanin, die noch drei Zähne im Mund hatte und kichernd gen Himmel zeigte, nachdem ich sie nach dem Weg zum Hafen gefragt hatte. Zum Dank schenkte ich ihr einen Ring aus Katzengold.