Benehmen in Zeiten der Krise

bm

Unsere Zeit pflegt aus Gründen, die zum Teil nachvollziehbar sind, eine mittelschwere Obsession mit Sicherheit, meine Damen und Herren. Alles soll sicher sein: Flughäfen, Kinderspielzeug, Tiefkühlmenüs – und vor allem bitte auch das Benehmen. Der Mensch, die Durchschnittsseele, an sich ist aber durchaus nicht sicher. Der Mensch ist ein orientierungsbedürftiges Hascherl, irritiert durch die kategorischen Ideale der materialistischen Wellnessgesellschaft, in der wir glücklicherweise leben – oder, halt: lebten. Die haben wir auch schon hinter uns gelassen. Heute existieren wir in einer herrlich spätmodernen und postmaterialistischen Welt, in einer polyvalenten, hochfragmentierten Multiminoritätengesellschaft, die nicht mehr viele universell bindende Normen kennt … und hochgradig verunsichert ist, weil wir ausserdem in Zeiten leben, die allgemein als «krisenhaft» apostrophiert werden.

Die gefühlte Krise wandelt die Manieren; man könnte von «Krisensitten» sprechen. Zum Beispiel gibt es ganz neue Tabuthemen: Früher sprach man in Gesellschaft nicht über Sex und Politik, heute verschweigt man, dass man ein Hedgefonds-Manager ist oder mit Rohstoffen handelt. Auf der anderen Seite steht die sogenannte Sharing Economy mit ihrem relativ rigiden Wertekanon der «Collaborative Consumption». Bei dieser spezifischen Form des Geltungskonsums wird Wohlstand vor allem darinnen gesehen, sich in vermeintlich engen sozialen Beziehungen zu bewegen, wie das zum Beispiel die Anhänger der mutmasslich wachstumskritischen De-Growth-Bewegung tun. Dass dieses ganze Sharing-Caring-Gedöns – nebst seiner geizigen und piefigen Komponente – im Ergebnis auf die totale Durchkommerzialisierung menschlicher Beziehungen hinausläuft, wird bisher nur am Rande vermerkt. So wie jetzt hier von mir.

Stereotype sind der Tod der Gesellschaft

Nach Hegel realisieren wir unsere Freiheit im Rahmen sozialer Praktiken, in denen wir auf ein Gegenüber treffen. Das heisst: Gesellschaften sind stets Momentaufnahmen sozialer Übereinkunft. Umso wichtiger ist es, Stereotype zu vermeiden. Stereotype sind immer der Tod der Gesellschaft. Ein vermeintlich «sicheres» Benehmen basiert aber – im Unterschied zu wirklich gutem Benehmen – notwendigerweise auf Stereotypen. Und je mehr die Verunsicherung über Umgangsformen zunimmt, desto stärker wird die Nachfrage nach eineindeutigen Regeln des Betragens. (Die es, wohlgemerkt, niemals gegeben hat.) Das äussert sich alltagskulturell in einer exponentiellen Wucherung mutmasslicher Expertenangebote zum richtigen Benehmen: After-Work-Seminare für Manieren, zum Beispiel, sowie Benimmratgeber jedweden Ursprungs und Formats bedienen dieses kollektive Bedürfnis nach Sicherheit im Umgang.

Das Ideal und Ziel dieser Angebote ist: sicheres Benehmen. Dies ist, um es gleich vorwegzunehmen, ein Phantom, eine Chimäre. Dahinter steht ein falsches Verständnis von Sicherheit. Denn «sicher» wird hier wie folgt verstanden: Benehmen, das sicher zum Erfolg führt; Benehmen, das also so konventionell und stereotyp wie möglich ausfallen soll. Dahinter wiederum steht die Auffassung von Manieren als Mittel zum Zweck, zum Zwecke der Karriereförderung und -sicherung, des sozialen Aufstiegs, der gesellschaftlichen Geltung. Wirklich gutes Benehmen jedoch ist, wie jede Tugend, zweckfrei – jedenfalls quasi im kantischen Sinne, also mit Blick auf Zwecke, welche die eigene Person betreffen.

Zweck und Ziel von Umgangsformen ist es vielmehr, mögliche Unannehmlichkeiten und Peinlichkeiten für die Mitgeschöpfe auf jenes absolute Minimum zu reduzieren, das einfach davon herrührt, dass der Mensch nicht alleine auf der Welt ist. «Sicherheit» gewinnt man hier nicht durch das sklavische Befolgen irgendwelcher Regeln. Denn es geht bei der guten Umgangsform immer mehr um gebildete Intuition als um Regelwissen und -anwendung, deshalb gibt es streng genommen auch kein «richtiges» und «falsches» Benehmen, sondern nur gutes und schlechtes (sowie mittelgutes, was, wie jede mittlere Kategorie, am langweiligsten ist). Es geht mithin beim versierten Auftreten um die drei grossen G: Gelassenheit, Grazie und Grosszügigkeit, und in diesem Zusammenhang bedeutet «Sicherheit» nicht: «garantierter Erfolg», sondern: Sicherheit seiner selbst, also Souveränität und Authentizität der Person. Oder, wie es Oscar de la Renta einst in schlagender Prägnanz formulierte: «To be well dressed you must be well naked.» Mit anderen Worten: Um Garderobe, welcher Art auch immer, angemessen tragen zu können, muss man sich erst mal in der eigenen Haut wohlfühlen.

Die Umgangsformen als ein Kleid

Diese Analogie ist in der Tat hilfreich: Man kann die Umgangsformen als ein Kleid verstehen, und dies tat bereits vor 400 Jahren Francis Bacon, der berühmte englische Staatsmann und Wegbereiter des Empirismus. Wer «Debrett’s Guide to Etiquette & Modern Manners» aufschlägt, dieses verbindliche Benimmdossier aus England, dem Mutterland der guten Form, findet darinnen zum Geleit folgendes Wort von Bacon: «Die Umgangsform ist die Kleidung des Gemüts und sollte die Ansprüche an angemessene Bekleidung erfüllen. Zunächst muss sie zeitgemäss sein, nicht zu geziert oder aufwendig. Und schliesslich und wichtigstens sollte jede Form des Auftretens nicht so starr und steif sein, dass der Geist und seine Freiheit eingeengt werden.»

Sture Regeln aber wirken immer einengend. Und deshalb möchte ich dafür plädieren, in Fragen des Betragens die totsicheren Optionen (Wetter beim Small Talk, weisses Dinnerjacket auf Kreuzfahrtschiffen) ein bisschen hintanzustellen und stattdessen sicheres als authentisches Benehmen zu verstehen. Das macht das Gesellschaftsleben interessanter. Das nähert sich dem ebenfalls englischen Ideal einer «stylish effrontery», also dem stilsicheren Anecken – Unverschämtheit im besten Sinne, für die Winston Churchill als Paradebeispiel durchgehen kann. Nicht im Sinne von Impertinenz, sondern eben als elegante Un-Verschämtheit und Widersetzigkeit gegen hohlen Materialismus, das peinliche Festklammern an der Konvention, die falsche Scham der Mittelklasse (Sie wissen ja: die mittlere Kategorie …) mit ihren Style-Blogs und ihrer Label-Hörigkeit, ihrer Verhunzung der Sprache und ihrem behämmerten Bedürfnis, alle fünfzehn Minuten ihren Facebook-Status zu ändern.

Und wie das manchmal so geht, gewinnt hier Sicherheit, wer auf sie verzichtet. Unsere Welt ist eben widersinnig. Deal with it.

Bild oben: Der Churchill-Imitator Derek Herbert.