Müssen Wirtschaftskapitäne jung sein?

Mike

«Bruce Jenner’s Hair Gets Even Weirder», habe ich eben im Interweb gelesen, meine Damen und Herren (ja, so verbringe ich den Vormittag; sofern ich überhaupt wach bin), und das bringt mich gleich zum Thema: Mike Jeffries. Sie erinnern sich an Michael Jeffries? Wir haben ihn hier schon erwähnt. Jeffries ist der langjährige CEO von Abercrombie & Fitch, einem Bekleidungsunternehmen, das sich weit von seinen Wurzeln entfernt hat und heute den Inbegriff von Geschmacklosigkeit verkörpert, jedenfalls für mich. Doch ich schweife ab. Die Sache ist die, dass Abercrombie & Fitch jüngst ins Gerede kam, weil das Unternehmen nicht nur für seine Angestellten Attraktivitätsnormen postulierte (das machen schliesslich viele Unternehmen), sondern auch für die Kundschaft. Einige Kritiker sprechen von «Lookism», was im Grunde nichts anderes meint als eine Stereotypisierung bzw. Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Aussehens. Also das, was die Menschheit seit ihren Anfängen praktiziert.

Ich für meinen Teil finde, wie gesagt, das Zeug von Abercrombie & Fitch hochgradig fies, aber ich halte gar nichts von der Anprangerung von Wahrnehmungsmechanismen, die zur Conditio humana, zur ontologischen Mitgift des Menschen gehören: Man beurteilt Leute zunächst mal nach dem, was man sieht. Anders gehts nicht und das wird sich nie ändern. Doch man kann und soll die Handlungsfolgen dieser Beurteilung zivilisatorisch begrenzen. Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf besagten Herrn Jeffries, der übrigens als Vorstandsvorsitzender wegen anhaltend schlechter Zahlen jüngst entlassen wurde (aber als CEO im Amt blieb). Er sieht seltsam aus. Er wirkt gestrafft, gefärbt und gebleicht. Wesentliche Teile seines Gesichtes scheinen irgendwann in den Abfallsäcken plastischer Chirurgen gelandet zu sein. Mike Jeffries ist 70. Ist das alt? Für einen Geschäftsmann? Früher schon. Früher, als ich 18 war, war 70 alt. Und da galt: ja. Man konnte Geschäftsmann und alt sein. Das ging sogar fast notwendig zusammen. Das öffentliche, plakatierte Bild des Geschäftsmanns war das eines Herrn, der sich wenigstens in den sogenannten besten Jahren befand.

Wie ein Werbespot für Erektionspillen

Die gibt es heute gar nicht mehr. Die besten Jahre, meine ich. Die entsprechende Kohorte heisst jetzt «best agers» und umfasst agil wirkende Herren mit grauen Schläfen, die in ihrer Freizeit einer Ausdauersportart nachgehen und dazu einen pastellfarbenen Pullover um ihren Nacken knoten, in der Ikonografie eines Werbespots für Mittel gegen erektile Dysfunktion. In der Trendforschersprache ist von «Down-Aging» die Rede. Damit ist eine Verjüngung des Sozialverhaltens bei gleichzeitiger Hebung des Durchschnittsalters in der westlichen Welt gemeint. Das heisst: Während sich die statistische Lebensspanne ausdehnt, hat der postindustrielle Mensch in beinahe jedem Lebensalter das Gefühl, jünger zu sein, als er ist. Das hat Konsequenzen für Selbstbilder, Rollenerwartungen und Generationsverhalten. 60-Jährige klemmen sich das Snowboard unter den Arm, 40-Jährige werden zum ersten Mal Eltern, und Teenager gründen in der grossen Pause nebenbei Start-ups – aber dies Letztere ist wieder ein anderes Phänomen, was allerdings ebenfalls die These stützt, dass die biografischen Optionen im Wissenszeitalter exponentiell zuzunehmen scheinen.

Das wiederum bedeutet nicht, dass Geschäftsleute im Durchschnitt tatsächlich jünger wurden (denn die meisten Start-ups gehen relativ schnell wieder unter) – aber dass sie sich, im Durchschnitt, bemühen, jünger auszusehen. Früher brauchte man als erfolgreicher Geschäftsmann die metaphorischen Ellenbogen; heute braucht man … gefärbte Haare? Haare wie Bruce Jenner? Eek. Fest steht: immer mehr Geschäftsleute entscheiden sich für minimalinvasive Verjüngungsmittel wie Botox oder Hyaluronsäure, weil sie sich von weniger Falten einen Wettbewerbsvorteil versprechen. Dahinter steht ein interessantes kulturmorphologisches Phänomen unserer Tage: Immer mehr geht es nicht nur darum, dass man für irgendeine Aufgabe, Arbeit, Position, kurz: Rolle qualifiziert ist – man muss auch qualifiziert aussehen. Schon wieder Lookism, also. Und zu den äusseren Rollenassoziationen des Typus «Erfolgreicher Geschäftsmann» scheint «jugendlich» zu gehören. Egal, ob diese Jugend nur die grauenhafte Maskerade eines übertakelten Lebegreises ist, der das alternde Haus mit flitternden Girlanden behängt. Eek.

Echtheit und Glaubwürdigkeit

Damit hiesse die Antwort auf unsere Titelfrage: ja. Oder: Wenigstens darf man anscheinend als Geschäftsmann nicht mehr alt aussehen. Aber das wäre ja grauenvoll. Und wir geben bekanntlich in diesem Magazin die Hoffnung nicht auf. Denn eigentlich ist die spätmoderne Gesellschaft, die dauernd und gerne an sich selbst etwelche Pathologien und Normsetzungen diagnostiziert, gar nicht so schlimm. Beispielsweise besteht schon lange nicht mehr die Norm oder das Dispositiv, dass man sich durch Leistung auch moralisch verbessere, zum besseren Menschen würde. Im Gegenteil, fast keine Gesellschaft ist so leistungskritisch wie die aufgeklärte spätkapitalistische, darin liegt ein Teil ihres Zaubers. Das Gleiche gilt für den Diskurs von Alters- und Körpernormen. Die unausgesetzte Hinterfragung vermeintlicher Normativitätskonzepte ist Teil unserer diskursiven Routine.

Deshalb schliessen wir mit einem anderen Faktum der Conditio humana: Charaktere empfinden wir als authentisch, wenn sie aufrichtig und selbstbestimmt erscheinen. Authentizität ist wichtig für Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist wichtig für den Erfolg des Geschäftsmanns, jedenfalls im Idealtyp des freien Marktes, den wir hier so hartnäckig verfechten. Und auch wenn heute für den Einzelnen die Auswahl aus den Modulen der Subjektkonstruktion im Spiel von Identitäten und Rollen frei und nahezu unendlich scheint und Selbstfindung scheinbar zur Massenware wurde, so setzt diese Selbstfindung doch stets Autonomie voraus; unser wahres Selbst finden wir nicht, wir erschaffen es. Ein authentischer Mensch aber wird immer altersgerecht auftreten. Dies gilt auch für den Geschäftsmann. Weiterhin gilt: Ein ordentlicher Mann färbt sich nicht die Haare. Basta.

Da war Michael Jeffries auch schon 65 und wenigstens noch Vorstandsvorsitzender von Abercrombie & Fitch. Heute ist er 70, wegen schlechter Zahlen nur noch CEO, aber sein Gesicht wirkt immer noch seltsam gestrafft und gebleicht. Foto: Mark Lennihan/AP

22 Kommentare zu «Müssen Wirtschaftskapitäne jung sein?»

  • Philipp Rittermann sagt:

    heute sind i.d.r. nachhaltigkeit, fairness, ehrlichkeit und firmen-loyalität keinen penny mehr wert. man kauft sich jung für tchf 30 ein mba, (wird heute jedem zuteil, der zahlt), und darf dann innerhalb der 2-jahres-strategie beim konzern wüten. ist logischerweise erfolglos und wird mit dem goldenen fallschirm am markt entsorgt. ich kenne einen äh-ceo, der so nun schon munter dran ist, seinen 3. beschäftigungsort zu vernichten. man kann sie rauchen, die schönwetter-mänätscher – aber sie kommen immer wieder irgendwo unter, da man sich meist nicht der regulären rekrutierung stellen muss.

    • Mutu Kabar sagt:

      mba = master of bullshit administration

    • Enzo Corriere sagt:

      In wenigen Worten haben Sie treffend die bedenkliche Vorgehensweise mittlerweile auch unzähliger Schweizer Unternehmen geschildert. Beizufügen wäre vielleicht noch, dass es für diese in der Regel nicht zu Selbstunterschätzung neigenden juvenilen Theoretiker nicht von Nachteil ist, wenn sie der in Eigenlob erstickenden Kaderschmiede in St. Gallen entstammen.

  • Jeanclaude sagt:

    Autsch, lieber Herr Tingler. Der letzte Satz dürfte Roger Schawinski gar nicht gefallen!

    • Zähmer sagt:

      Und Brad Pitt ebenfalls nicht …

    • Jacques sagt:

      Cher Jeanclaude,
      Die Kernkompetenz von Roger Schawinski ist nicht – zuzuhören; sondern zu sprechen. Wie sollte ein Monokausalist das auch mitbekommen? Und unterwegs ist er immer (zu) schnell – dank „Tesla-Technik“, obwohl er nicht viel von NTW versteht…

    • Joerg Hanspeter sagt:

      @Jeanclaude: Das gilt selbstverständlich nicht für Rogeeeer, der ja schliesslich das Radio erfunden hat, oder war es das Piratenradio? Nein, Roger ist nun mal der Radio-/Fernseh-Papst und somit unfehlbar, auch wenn er heute beim einstig so verhassten Monopolisten eine Sendung macht. Roger hat immer Recht, auch wenn er sich die Haare färbt.

  • Vreni sagt:

    „Ein ordentlicher Mann färbt sich nicht die Haare“ ist als Einstellung genau so schlimm wie „nur wer jung aussieht taugt was“. Wir sollten andere nicht aufgrund Äusserlichkeiten aburteilen, Herr Tingler.

  • Gian Battista Raschèr sagt:

    Zitat aus dem Artikel: «Im Gegenteil, fast keine Gesellschaft ist so leistungskritisch wie die aufgeklärte spätkapitalistische, darin liegt ein Teil ihres Zaubers.» Mit Verlaub — diesen Satz verstehe ich nicht. Aber möglicherweise bin ich mit Jahrgang 1969 schon zu alt dafür.

  • Tom Müller sagt:

    Ganz schlimm sind Männer mit gefärbten Bärten. Die ganzen 50jährigen mit dichtem, schwarzem Bart sind mir suspekt…

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