Alles sauber

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Die Feriensaison nähert sich ihrem Höhepunkt, meine Damen und Herren, jedenfalls sofern Sie den werktätigen Massen angehörigen und nicht sowieso immer Ferien haben, oder nie, was auch nicht immer leicht zu unterscheiden ist, wie Karl Lagerfeld einst sagte, zu Recht, doch ich schweife ab. Die Feriensaison ist also im vollen Schwange, und auf der Post, die ja mehr und mehr zum Gemischtwarenladen wird, habe ich dazu passend obiges Wundermittel für Sie fotografiert: Zeug, mit dem man alles waschen kann: Körper, Kleidung, Geschirr. Sehr praktisch für unterwegs, falls man einem Nomadenstamm oder Hirtenvolk angehört oder zum Beispiel die Hälfte seiner Sachen auf halber Strecke verloren hat. Oder vergessen.

Vorgestern haben wir ja hier das Kofferpacken verhandelt, und jeder von uns kennt das: Man ist unterwegs, sitzt im Taxi oder Flugzeug oder Zeppelin, und jählings durchfährt einen dieses ziehende Gefühl in der Magengrube, wie wenn man unvermittelt vor einem tiefen Abgrund steht. Denn plötzlich ist einem eingefallen: Ich habe meine Zahnschiene vergessen! Oder dieses kleine Louis-Vuitton-Dings, das ich damals beim America’s Cup geschenkt bekommen habe, wo ich beim Ausgehen immer meine Kreditkarten reinstecke. Womit ich bereits die Sachen aufgezählt hätte, die ich am häufigsten vergesse. Wobei: Meistens hat man ja gar nichts vergessen. Aber es kann ja nicht schaden, nochmal die Taschen abzuklopfen. Achten Sie mal drauf: Flughäfen oder Bahnhöfe oder Anleger für Ocean Liner sind voller nervöser Nervenbündel, die ständig ihre Taschen abklopfen oder ihr Gepäck kontrollieren, um sich zu vergewissern, dass sie ja nichts vergessen haben. Und das ist nur das, was Sie sehen können. Sie können nicht sehen, wieviele Leute sich permanent fragen: Habe ich den Fernseher angelassen? Habe ich meinen Nageltrockner eingepackt? Habe ich die Post abbestellt? Wo ist eigentlich die Katze?

Sowas kann zur Besessenheit werden, und deshalb habe ich vor einiger Zeit begonnen, mir das abzutrainieren. Ich zwang mich, nicht zum vierten Mal nachzuschauen, ob ich meinen Pass oder Filofax auch wirklich dabei habe, indem ich mir sagte, ich habe bereits dreimal nach dem Pass geschaut, und wenn ich den Filofax unwahrscheinlicherweise tatsächlich vergessen haben sollte, bricht die Welt auch nicht zusammen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob sich diese Selbsttherapie gelohnt hat. Denn ich kann mir offen gestanden immer noch nicht vorstellen, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn ich meinen Filofax, den ich seit 23 Jahren mit mir herumschleppe, nicht dabei habe. Ich habe neulich mein iPhone in einem Taxi vergessen, und schon da brach die Welt fast zusammen und jedenfalls die Hölle los, riesige Umstände waren die Folge, Lösegeldforderungen des Taxifahrers und eine quasi-konspirative Übergabe, ungefähr so wie in Miss Congeniality; ich erspare Ihnen die Einzelheiten, aber jedenfalls war das nahe am Ende der Welt.

Allerdings immer noch nicht mit jenen Unannehmlichkeiten zu vergleichen, die mein Freund Stefan erlebte, nachdem seine Lebensgefährtin Céline neulich auf einem Kurzstreckenflug nach Zürich ihren Mantel in der Kabine vergass, was mit Notfallfunkrufen vom Flughafenfundbüro endete, weil besonders Kurzstreckenmaschinen in der Regel immer nur sehr geringe Standzeiten haben. Sie sehen: Es ist immerhin besser, Sachen zu Hause zu vergessen, als unterwegs. Oder auch nicht immer. Ich habe mal in Houston im Hotel einen Anzug hängen lassen, der mir dann sofort per FedEx hinterhergeschickt wurde … nach Dallas. Es ist also womöglich am besten, Sachen im Hotel zu vergessen. Sofern es sich um ein ordentliches Hotel handelt. Wo war ich? Richtig: Bei der Notwendigkeit, von weltlichen Dingen zu abstrahieren. Viel Glück dabei! Und bis übermorn.