La Petite Nation

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Nachdem wir letzte Woche an dieser Stelle die Vereinigten Staaten von Amerika gewürdigt haben, meine Damen und Herren, wenden wir uns heute anlässlich eines anderen bevorstehenden Nationalfeiertags einem anderen Lande zu, einem Nachbarland. Nein, nicht dem. Dem anderen. Links. Genau: Frankreich. Dort (und nicht nur dort) ist ja augenblicklich gerade mal wieder Monsieur Sarkozy im Gerede, wegen Bestechlichkeit und Korruption und Grossmannssucht, Hybris und Allüren. Dabei sind Pomp und Grössenwahn doch mit das Beste an Frankreich – ja, man möchte sagen, geradezu traditionelle französische Qualitäten! Ich habe, wie der treue Leser weiss, bereits an anderer Stelle erwähnt, dass ich es grossartig und so vollkommen richtig finde, dass 77 Prozent der Franzosen der Meinung sind, das Privatleben ihres Präsidenten sei – seine Privatsache. Wenn Sie mich fragen, ist diese Gelassenheit einer der charmantesten Züge unserer französischen Nachbarn.

Andererseits haftet dem amtierenden französischen Präsidenten Hollande etwas Skurriles und Karikaturhaftes an; er wirkt unbeholfen und ein bisschen lächerlich, ein Pinguin, wie die Franzosen sagen (oder jedenfalls Carla Bruni). Dies fand auch der bekannte britische Journalist AA Gill, der unlängst in «Vanity Fair» ein kontroverses Stück über Frankreich schrieb, unter dem Titel «Liberté! Egalité! Fatigué!» Nein, dort war nicht schon wieder die Rede vom reaktionären Frankreich, das keine Ausländer mag, keine Künstler und keine Homos. Es ging nicht um billige Empörung. Eher um Verstörung. Tenor des Essays: Frankreich ist viel schlimmer als sein Ruf. In dieser ständigen Selbststilisierung besteht eigentlich die grösste Leistung der Franzosen. Gill konstatiert unter anderem einen «tragic lack of chic» in den neueren Verwicklungen des Liebeslebens von Hollande: First, he was caught on a moped. Really, how pencil-dick is that? And it was a three-wheeled moped—a motorized tricycle. And he was sitting pillion, in the passenger seat. Not exactly Alain Delon, is it? Do you think he held on tight round his security driver’s waist? And then the helmet—the business suit with the terrible shoes and the giant helmet.

Was ist Frankreich zugestossen?

Die Leitfrage von Gills Essay lautet: «Was ist mit Frankreich passiert? Was ist Frankreich zugestossen?» Gill konstatiert kulturelle Ödnis, Standesdünkel und Elitismus, Bürokratie, mangelnde Mobilität, zu hohe Steuern, Zentralismus, Obrigkeitsstaatlichkeit. Diese Missstände haben zu tun mit einem Denken, das Gill veranschaulicht am Unterschied zwischen der französischen Vision von «liberté» und dem angelsächsischen Konzept von «freedom». «Freedom» ist eine Qualität, mit der der Mensch nach angelsächsischem Verständnis geboren wird, aber «liberté» ist ein Zustand, der verliehen wird, und zwar autoritär. So funktioniert der grosse französische Staat als ein gewaltiger Beschützungs- und Bewahrungsapparat. Und funktioniert eben nicht mehr. Während das angelsächsische Staatsverständnis dem diametral entgegengesetzt ist und davon ausgeht, dass die Freiheit eben in Freiheit am besten sich entfaltet, also wenn der Staat seine Bürger so weit wie möglich in Ruhe lässt. Gill zieht die Diagnose: Unable to change, terrified of innovation, France has become the Bourbons, who famously forgot nothing and learned nothing. (…) The pre-eminence of French culture has evaporated, before our very eyes, within a generation. (…) Instead of creating, they have dusting. Und schliesst mit: France is a short, unpopular man wearing a business suit and a giant helmet riding a tricycle in the dark.

Nun ist AA Gill Engländer, wie mein Ehemann, von dem ich lernte, dass die Abkömmlinge des keinesfalls sturmfreien britischen Eilands den Franzosen gegenüber seit jeher eine gewisse albionische Distanz gepflegt haben. Man muss sich nur mal anhören, wie die Queen (die fliessend Französisch spricht) die Worte «Entente cordiale» betont, um da so eine bestimmte Reservation festzustellen. Dies mag einerseits daran liegen, dass die Queen es den Franzosen immer noch nachträgt, dass die damals ihren nichtsnutzigen Onkel Edward aufgenommen haben, als der den Thron sausen liess, vorgeblich wegen einer dürren, vergnügungssüchtigen Amerikanerin, von der das Diktum überliefert ist: «Man kann niemals zu dünn und niemals zu reich sein.» Besonders erstere Qualität, «niemals zu dünn», klingt ziemlich pariserisch.

Andererseits sind die britischen Vorbehalte vielleicht dadurch zu erklären, dass es sich beim Vereinigten Königreich tatsächlich um eine Siegermacht des Zweiten Weltkrieges handelt, während die Franzosen diesen Titel für sich seit fast 70 Jahren einfach behaupten. Die Engländer reagierten darauf mit dem, was sie hervorragend können, nämlich mit einer Sitcom. Die hiess «Allo Allo!» und war einer der grössten Erfolge in der Geschichte der BBC. Die französische Selbsteinschätzung aber ist typisch. Die Franzosen behaupten ja zum Beispiel auch, dass Paris die Stadt der Liebe wäre. In der Tat ist Paris eine zauberhafte Stadt, und so alt wie Paris ist die Einsicht, die damals mutmasslich schon der allererste Paris-Besucher empfunden haben muss: dass Paris eine zauberhafte Stadt sei – und leider von Franzosen bewohnt werde, ruppigen kleinwüchsigen schwarzbehaarten Leuten mit Baskenmützen und Rotwein-Fahne, die einen andauernd anrempeln, und überall diese grauenvolle sentimentale Akkordeon-Musik und Tauben, wo man hinschaut… Truman Capote schreibt in «Answered Prayers»: Even the French can’t endure France. Or rather, they worship their country but despise their countrymen – unable, as they are, to forgive each other’s shared sins: suspicion, stinginess, envy, general meanness (diese Qualitäten zeichnen freilich auch den späten Capote und besonders «Answered Prayers» aus).

Pro und Kontra

Oder ist das alles gar nicht mehr so? Als ich das letzte Mal in Paris war, waren alle wahnsinnig freundlich. (Okay, ich war auch eigentlich weniger in Paris als vor seinen Toren, in Asnières, bei Louis Vuitton. Und jenseits von Paris ist sowieso alles anders, zum Beispiel in Le Mans, wo ich zum 24-Stunden-Rennen war, und wieder waren alle wahnsinnig freundlich.)

Wiederum andererseits, seien wir ehrlich: Nichts ist doch der Erotik abträglicher als so ein furchtbarer vernuschelter tuntiger französischer Akzent! Ich meine, nicht ohne Grund redet dieses leicht bekloppte und liebestolle Cartoon-Stinktier Pepé Le Pew, eine der unsterblichen Schöpfungen der Warner Studios, mit ebendiesem französischen Akzent.

Auf der gleichen Märchenstufe wie die französischen Verführungskünste steht diese Legende vom Pariser Chic. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Die französische Mode wird heutzutage (und schon lange) von Nichtfranzosen gemacht, vorgeführt und vor allem: gekauft.

Okay, Okay, ein paar Sachen können sie. Käse, zum Beispiel. Und sie haben ein paar hübsche Rugbyspieler. Und «Hasch mich, ich bin der Mörder», wo Louis de Funès eine einbetonierte Leiche verschwinden lassen muss, ist ein cineastisches Meisterwerk.

Die Liste der Unverdienste hingegen liesse sich ebenfalls fortsetzen: Die Franzosen haben eine lächerliche Vorliebe für grosse Gesten, Paraden und Uniformen, die ihre Träger aussehen lassen wie Inspektor Clouseau. Französische Autos sind voller Design-Gimmicks, haben viel zu weiche Sitze und rosten wie wild. Brigitte Bardot ist eine durchgedrehte Tierschutzfaschistin, die aussieht wie eine Schildkröte. Der Flughafen Paris-Charles de Gaulle ist auch voller Design-Gimmicks, aber keine Uhr funktioniert, und manchmal stürzt ein Terminal ein. Und alle Durchsagen erfolgen auf Französisch, einer Sprache, die auf der Welt nur von ganz wenigen Leuten gesprochen wird. Geschweige denn verstanden. Und Air France ist wohl die einzige europäische Airline, die in der Businessclass noch Foie gras serviert. (Und gegen Aufpreis neuerdings sogar in Economy.) Halt, da wären wir ja wieder auf der Pro-Seite.

Und es gibt noch andere grossartige Sachen an Frankreich, etwa den Süden, namentlich die Côte d’Azur, zum Beispiel Cannes. Man kann im Carlton Hotel wohnen, die Corniche im Convertible rauf- und die Croisette wieder runterfahren und sich des blauen Lichts aus Himmel und Meer erfreuen. Und womöglich geht es ja bei dieser ganzen vermeintlichen französischen Krise um nicht mehr und nicht weniger als um die übliche Geschichte der Zeitenablösung. Frankreich ist schliesslich nicht das einzige Land, das ein paar Illusionen über sich pflegt und von vergangener Grösse zehrt. Und leider auch nicht das einzige Land, dessen kultureller Elite irgendwann eine Eigenschaft abhandengekommen ist, die seine grossen, natürlich längst toten Dichter wie Balzac und Flaubert, die vor allem feine Beobachter der Gesellschaft waren, noch zelebriert hatten: Ironie. Diese exquisite französische Ironie ist, wahrscheinlich als mittelfristige Nachwirkung des Aufklärungsterrors der Revolution, leise untergegangen zwischen schweren Saucen, prätentiösen Kunstfilmchen und existenzialistischen Philosophen mit Silberblick, die ihrerseits abgelöst wurden von noch prätentiöseren Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten und Depoststrukturkonstruktivisten. Und, ich gebe es zu: Wahrscheinlich bin ich doch ein bisschen voreingenommen. Meine Eltern haben ein Ferienhaus in Frankreich, wo wir als Kinder ständig hinfahren mussten, und sie haben ausserdem versucht, meinen Bruder und mich für diese Monsieur-Hulot-Filme zu begeistern, während wir eigentlich Pepé, das Stinktier sehen wollten. Dann verlor ich mein Herz an einen Engländer, und das war’s dann. Happy Bastille Day!

Bild oben: Was sagt es über ein Land aus, wenn der Präsident mit einem viel zu grossen Helm auf dem Beifahrersitz eines Motorrollers hockt? Auf jeden Fall nichts Gutes. Foto: Fred Dufour/AFP