Kalifornien als Metapher

OLDTIMER, FAHRT, SONNENSCHEIN

Heute ist der amerikanische Unabhängigkeitstag, meine Damen und Herren, und ich persönlich bin, wie der treue Leser weiss, ein Freund der Vereinigten Staaten und ihrer Menschen; nicht nur, weil sie mich damals in West-Berlin vor den Russen beschützt haben, sondern auch wegen der Ideen von Freiheit und Emanzipation, für die dieses Land steht. Es ist mir völlig wurscht, was irgendwelche zeitgeistbeseelten Pseudoprotestler oder ewige Kommunisten und sonstige Fundamentalisten zu krähen haben; gerade für die Exemplare, die gegen Amerika krähen, gilt das zeitlose, Alexander von Humboldt zugeschriebene Diktum: Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, welche die Welt nie angeschaut haben.

Man sollte sich Amerika anschauen, von den Great Plains des Mittleren Westens über die Wüsten und Schluchten des Grand Canyon bis zu den Muscle Beaches von Miami, Santa Monica und Venice. Ich kann Ihnen diverse Sachen nur dringend ans Herz legen: Reiten Sie durch das texanische Hochland, füttern Sie Stingrays in Galveston, gehen Sie Schnorcheln auf Hawaii; besuchen Sie das Grand Ole Opry in Nashville und den Arch von St. Louis und ein Lokal namens «Berlin» in Chicago, wo ich das letzte Mal ein Künstlerin namens Trannika Rex auftreten sah, die diesem Namen alle Ehre machte. Reisen Sie nach Denver und Albuquerque, nach Kansas, Memphis, Houston, Dallas und Fort Worth. Sowie nach Phoenix, wo ich beim Besuch von Stacy’s BBQ den Chef so fasziniert ansah, dass dieser fragte: «What? You don’t have any black people in Switzerland?»

Aber so wundervoll all diese Orte waren und sind – einer der liebsten, seligen Flecken in Amerika bleibt mir doch: Kalifornien. «Every gay person likes California», hat der famose Künstler David Hockney, der selbst lange Zeit dort lebte, einst festgestellt, und da ist was dran. Oder, bevor jetzt die Jack-Wolfskin-Lesben ob dieser Generalisierung empörte Kommentare schreiben, drücken wir das anders aus: Kalifornien ist all the energy of the United States with the Mediterranean thrown in. Auch von Hockney.

In Kalifornien scheint fast immer die Sonne. Jedenfalls von April bis Dezember. Sollte es in dieser Zeit doch einmal regnen, dann ist das die erste Meldung in den Nachrichten und es kommt häufig zu Verkehrsunfällen, weil die Leute nicht wissen, wie sie bei Regen fahren sollen. Natürlich fahren trotzdem alle mit dem Auto. In Los Angeles zum Beispiel geht niemand jemals irgendwohin zu Fuss; das ist eines der Vorurteile, die man über die Stadt der Engel pflegt, und deren Einwohner bemühen sich, ihnen gerecht zu werden.

Auch San Diego oder San Francisco sind wundervoll, aber Los Angeles und Palm Springs sind mir am liebsten. Und in LA, diesem zauberhaften Moloch, wo man Hormone im Supermarkt kaufen kann und die Hälfte aller Lebensmittel mit einer Herzverfettungswarnung versehen werden müsste, aber dafür Jaywalking und Zigarettenrauchen als mittelschwere Vergehen betrachtet werden, liebe ich im Speziellen diese leicht magische Abteilung: das sogenannte Goldene Dreieck, gebildet durch die benachbarten Distrikte Beverly Hills, Holmby Hills und Bel Air. Das ist dort, wo die Häuser gross sind und die Hecken dicht, wo es überall Valet Parking gibt und private Sicherheitsdienste. Dafür keine Bürgersteige. Damit nicht einfach irgendwelche Leute rumlaufen. Es geht ja sowieso niemand zu Fuss. Und wenn doch mal was passiert, ruft man zuerst seinen Publizisten an und dann die Polizei. Vielleicht.

Apropos anrufen: «LA Talk» ist eine eigene Sprache, mit dem Englischen nur vage verwandt. «Amazing» heisst «akzeptabel», «fascinating» heisst «einigermassen interessant». «Really big» aber heisst «wirklich gross», sei es bei Autos, Steaks oder Häusern. Die Leute sind freundlich, entspannt, zugänglich und hilfsbereit. Das Verständnis von Service erreicht in der Regel für kontinentaleuropäische Verhältnisse ungeahnte Ausmasse. In Amerika ist «Convenience» ein sozialer Wert, und man versucht, sich gegenseitig das Leben zu erleichtern. Weil man hartnäckig daran glaubt, dass das eine gute Idee ist. Happy Independence Day!

Bild oben: Die Idee von Freiheit und Emanzipation: In Los Angeles scheint (fast) immer die Sonne, und alle fahren mit dem Auto. (Foto: Keystone)

14 Kommentare zu «Kalifornien als Metapher»

  • Eva sagt:

    Mag zwar LA nicht am liebsten, aber sonst unterschreibe ich das alles. Everything!! Happy Independence Day!!
    Eva

  • Wolfgang Imhof sagt:

    Dieser Artikel gefällt mir. Ich habe schon viele Orte gesehen und kehre gerne wieder dahin zurück. Und zu den ewigen USA-Nörglern: seit doch mal konsequent und verzichtet auf alles, was von dort kommt (Jeans, Reifen, EDV, Telefon, Glühbirnen, etc usw). Es gibt hüben wie drüben angenehme und unangehme Menschen, Einstellungen, Politker, etc. Also zuerst mal vor der eigenen Haustüre wischen ….

    • Adrian Wehrli sagt:

      Jeans kommen aus Mexiko oder Pakistan, die Reifen aus China, die EDV aus Indien, das Telegon aus Südkorea, Glühbirne gibts nicht mehr, aber das ETC. war schon immer sehr amerikanisch.
      Trotzdem, Happy Independence Day! Amerikanskis!

    • Wolfgang Imhof sagt:

      @ Adran Wehrli: Es ging mir nicht darum, woher die sicher nicht vollständige Aufzählung von Produkten heute herkommt, sondern „wer hat’s erfunden?“.

  • Urs Schmid sagt:

    Haben einiges von Ihrem Erlebten selbst erfahren dürfen während ein paar Jahren. Mein Kommentar: Fully agree with all your statements. Amerika ist und bleibt ein Bilderbuch und manch einer dieser ewigen „Nörglern“ wäre überrascht was dieses Land alles zu bieten hat. Aber das verlangt Offenheit, was diesen Leuten oft fehlt.
    Happy 4th of July
    Urs Schmid

    • Albert Fiechter sagt:

      Die „ewigen Noergler“ sind eben die, die noch nie dort gewesen sind.

    • Michel Berner sagt:

      Fully agree with you, US-Bashing scheint leider für viele Schweizer ein Sport geworden zu sein, obwohl sie nie über die Grenzen Europas gereist sind! Mühsam!

  • Franziska sagt:

    Lieber 1000x San Francisco als 1x LA. Diese Stadt hat Charme, was LA total abgeht. Und…, man kann sie zu Fuss erleben. Es gibt in ganz Amerika keine bessere Stadt!
    If you’re going to San Francisco, make sure to wear some flowers in your hair! 😉

  • Franka sagt:

    Irgendwann schaffe ich es auch noch in die USA. Ist bald zuoberst auf der Liste. Und ich freue mich riesig darauf. Vor allem darauf, mir möglichst viele europäischen Vorurteile austreiben zu lassen. 🙂

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.