Was macht ein wirklich gutes Hotel aus?

View of the Croisette in Cannes

Wissen Sie, meine Damen und Herren, was ich jemandem empfehle, der sich beklagt, dass das moderne Reisen, egal ob geschäftlich oder privat, immer mehr zum Stress verkomme? Dass sich der spätmoderne mobile Mensch statt des endlosen Rattenrennens endlich wieder besinnen müsse auf Sinn, Ruhe, Entschleunigung? Nein, ich empfehle dann nicht Landlust oder so was Verrücktes. Ich empfehle: ein ordentliches Fünf-Stern-Hotel. Dort nämlich ist Reisen immer noch das, was es zuallererst sein sollte: kulturelle Bewegung. Ein Fünf-Stern-Haus, das diesen Titel verdient, ist ein Zuhause in der Fremde. Und wenn man eine gewisse Erfahrung auf dem Buckel hat, wächst die Einsicht: Es ist nicht der Fernseher im Beschlagungs-resistenten Badezimmerspiegel oder die Auswahl an Kopfkissenfüllungen, die ein wirklich gutes Hotel ausmachen. Es sind andere Details und Signale, die jenseits von Ruhm und Reputation die tatsächliche Qualität eines Hotels bestimmen:

Der Service

Der Service ist das Allerwichtigste. Wenn der Service makellos ist, verzeihe ich ein angesprungenes Fenster oder eine nicht funktionierende Beleuchtung im begehbaren Kleiderschrank (alles schon vorgekommen). Selbstverständlich darf der Gast in einem Fünf-Stern-Haus ein exzeptionelles Serviceniveau erwarten; alles andere wäre ein Affront. Die Qualität des Aufenthalts jedoch erhöht sich spürbar, wenn noch der kleine Extraschritt getan wird; zum Beispiel wenn der Gast schon vor dem Einchecken mit Namen begrüsst wird, wie im Beverly Hills Hotel. Oder Housekeeping sich vom letzten Aufenthalt gemerkt hat, zu welcher Zeit man wünscht, dass das Bett gemacht werde. Oder das Zimmermädchen ein Lesezeichen ins Buch steckt. Oder wenn die Dame am Concierge Desk des Four Seasons Hualalai Hawaii nicht nur vorschlägt, dass es praktischer wäre, diese riesigen Holzschnitzereien mit Fedex nach Europa bringen zu lassen (statt im Gepäck), sondern das Ganze auch noch so perfekt organisiert, dass die Dinger zeitgleich mit einem selbst zu Hause eintreffen. Sie sehen, was ich meine: das kleine bisschen Mehr. Mitdenkend, leise, effizient. Und am Abreisetag wird einem bitte nicht in irgendeiner Form die Nachricht untergejubelt, dass das Einhalten der Check-out-Zeit erwartet werde.

Die Ausstattung

Im 21. Jahrhundert haben wir es mit dem aufgeklärten Luxuskonsumenten zu tun. Nicht Dinge, sondern Erlebnisse, Wissen und Kennerschaft sind die neuen Statussymbole. Auch Luxushotels reagieren darauf – zum Teil –, indem sie spezielle Nischen besetzen. Das ändert natürlich nichts daran, dass es immer noch einen gültigen Fünf-Stern-Grundstandard für die Ausstattung gibt: Alle Spiegel sind getönt, alle Uhren gehen ein bisschen vor, alle Waagen gehen ein bisschen nach. Und das Licht ist mild und angenehm. Ebenso der Geruch. Von allen mir bekannten globalen Fünf-Stern-Ketten haben die Shangri-La-Hotels die am stärksten bedufteten Lobbies. Bangkok, Hongkong, Abu Dhabi – wie eine Wolke. Mir gefällt das; für manchen ist es vielleicht zu viel.

Es gibt Modewellen, denen auch Fünf-Sterne-Häuser unterliegen: die vorletzte davon war die Spa-Welle, als wir alle unbedingt Wellness brauchten. Das führte in den Zimmern und Suiten zu Badewannen vor Panoramafenstern oder, wie beispielsweise im Fusion Maia Resort in Da Nang, Vietnam, zu WCs mit Glastür, und das, mit Verlaub, braucht kein Mensch. Ein anderes, aber verwandtes Phänomen sind die Fitness-Räume, die, let’s face it, gerade bei traditionsreichen Häusern wie etwa dem Raffles in Singapur allerhöchstens von den Models-Schrägstrich-Schauspielerinnen aufgesucht werden, mit denen die residierenden Geschäftsmänner in zweiter oder dritter Ehe verheiratet sind. Das traditionelle Fünf-Stern-Publikum ist oft nicht das Publikum fürs Gym, und deshalb sind die Fitness-Oasen gerade der klassischen Luxushotels oft etwas verwaist und verstaubt. Was wiederum nichts damit zu tun hat, dass Häuser wie das Raffles oder das Palace in Gstaad oder auch das Carlton in Cannes auch sonst hier und dort ganz leicht verstaubt und ein wenig aus der Zeit gefallen wirken; genau das macht ihre Aura aus. Nicht etwa ein Fitnessraum.

Das Carlton in Cannes verfügt übrigens über einen famosen Privatstrand, mit Bedienung am Liegestuhl. Allerdings müssen die Hotelgäste hierfür separat Eintritt bezahlen, und dies ist ungeschickt. Es ist überhaupt nicht Fünf-Stern-würdig, für jedes Extra extra zu kassieren. Als ich vor einiger Zeit aus dem Kempinski in St. Moritz auscheckte, war ich ziemlich irritiert, selbst noch die Papiertaschentücher aus meinem «Grand Deluxe Room» auf der Rechnung wiederzufinden. So stellt man sich Ryanair vor. Das Irritierendste aber ist es, wenn irgendein Luxushotel heutzutage auch noch für den Internetzugang extra kassieren will, wie zum Beispiel das Ritz Carlton in Santiago de Chile (ein ausgesprochenes Business-Hotel, übrigens). Und schliesslich noch dies, meine Damen und Herren: Egal, wie viel Kristall und Blattgold den Gast umgeben, die wahre Güte eines Hotel zeigt sich nicht zuletzt am – Klopapier. Unsere Elisabeth-Suite in Rosa und Weiss kostete im Hotel Imperial in Wien seinerzeit rund 1500 Euro pro Nacht, aber das WC-Papier erinnerte an eine osteuropäische Autobahnraststätte.

Die Besonderheiten

Der allerletzte Schrei hingegen heisst: CRT. Das steht für «Cause Related Travel», das rapide wachsende Segment von Erlebnisreisen. Erlebniskultur bietet im Fünf-Stern-Segment vor allem der Luxus-Ökotourismus, der sich als nachhaltig und verantwortungsbewusst und sozialverträglich regional verankert begreift und dem Gast vielfältige Exkursionen und Abenteuer offeriert, ungefähr nach der Maxime: Wenn das Spa nicht mehr reicht, geht man in den Regenwald.

Auch für diese besondere Nische lassen sich Standards ausfindig machen: kein Fernseher, zum Beispiel, ist typisch für Luxusökoresorts (Internet gibt es hingegen überall). Ferner eine gewisse Überdeklaration der sogenannten Philosophie, was einem, wie jedes Dogma, bisweilen auf die Nerven fallen kann: nicht invasiv, minimaler Fussabdruck, keine Plastikwasserflaschen usw. Trotzdem achten solche Anlagen wie zum Beispiel die Wilderness-Safari-Camps in Namibia, das Explora auf Rapa Nui oder die Mashpi Lodge im ecuadorianischen Hochland natürlich darauf, dem Reisenden das Land, seine Schätze und Geschichte als den wahren Gefühlsraum zu erschliessen und zu verkaufen, ohne dass man dafür die Fünf-Stern-Blase zu verlassen hätte. Das ist fabelhaft.

Natürlich gibt es auch Adressen, die stattdessen das Spa-Konzept weiterentwickelt haben, von ein paar heissen Steinen zur holistischen Sinnfindung: Im Como Shambhala Resort auf Bali erhält der Gast eine Konsultation beim Ayurveda-Arzt, persönliche Ernährungs- und Aktivitätspläne – und einen privaten Butler. Letzteren gibt es freilich auch in konventionellen Fünf-Stern-Häusern. Mir persönlich ist ein herausragender Concierge-Service, für den etwa die Four-Seasons-Gruppe bekannt ist, allemal lieber als ein persönlicher Butler – ob in Downtown Chicago oder im balinesischen Dschungel.

Und so liegt wohl die Zukunft auch der Luxushotellerie in der Besonderung, dem Bereitstellen individueller Erlebnisse für den verwöhnten und kundigen Gast. Apropos Gast: Jedes Fünf-Stern-Haus, das diesen Titel verdient, behandelt all seine Gäste (wenigstens dem perfekten Anschein nach) gleich. Und der Parkservice sollte keine Miene verziehen, wenn man in einem leicht zerbeulten, weissen, zwölf Jahre alten Toyota Camry vorfährt. Das ist der ultimative Test. Und da muss dieser eine Valet vom Beverly Hills Hotel dann doch noch ein bisschen üben.

Bild Oben: Das Carlton in Cannes ist ein wenig aus der Zeit gefallen; das macht seine Aura aus. Foto: Reuters