Tempo und Feenstaub

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Glamour – was ist das eigentlich, meine Damen und Herren? Das Wort wurde massenpopulär im angelsächsischen Sprachraum während der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts, doch zuerst benutzt vom schottischen Dichter Walter Scott im Jahre 1805; in der Tat entstammt es dem Schottischen und bezeichnete ursprünglich eine Art magischer Kraft, die dafür sorgte, dass jemand oder etwas besser aussehen konnte als in Wirklichkeit. Etwas Surreales, Bezauberndes, also. Etwas anderes als Schönheit, nicht zuletzt dadurch, dass es erworben, sogar gekauft werden konnte und kann.

Zum Beispiel durch einen fahrbaren Untersatz, der seinerseits glamourös ist. Auch in der Geschichte des Automobils gilt: Die Schönsten sind nicht unbedingt die Glamourösesten. Denn Glamour ist eben zugleich mehr und weniger als Schönheit: Glamour ist Stardust, Feenstaub, Make Believe, ungewöhnlich, atemberaubend, seltsam, verlockend. Bisweilen auch etwas Dubioses, was vorgibt, das Wahre zu sein – und durchgeht.

In diesem Sinne folgt jetzt hier, jeweils samt kurzer Laudatio, eine subjektive Listung der glamourösesten Automobile. Einige eher historisch, andere zeitgenössisch; einige ein kurzes Leuchten, andere ewig gebaut. Denn Glamour hat einerseits etwas Überzeitliches – und andererseits immer auch einen Bezug zum Alltäglichen, das es erhebt, zum Heute. Und wenigstens die Illusion der Erreichbarkeit. Deshalb geht es hier auch nicht um die Über-Karossen, von denen drei oder fünf Exemplare produziert werden, sondern um (mehr oder weniger) zahlreich gefahrene tatsächliche Autos. Und aus diesen Beispielen wird sich uns das Wesen des Glamours, dieser flüchtigen Sendung, weiter erschliessen. Here we go:

  1. Citroën Méhari

    Ein Nutzfahrzeug und offener Offroader aus gesicktem Kunststoff. Effizient und robust, wie das Wüstendromedar, nach dem er benannt ist. Rund 150'000 Méharis wurden zwischen 1968 und 1988 gebaut. «Effizient und robust» scheinen auf den ersten Blick keine typischen Glamour-Eigenschaften zu sein – auf den zweiten Blick illustrieren sie genau, was wir meinen: nicht unbedingt hübsch muss das Phänomen sein (siehe Diana Vreeland), sondern Zauber muss es haben, Allüre: der Méhari evoziert dieses 1968-Brigitte-Bardot-in-Saint-Tropez-Gefühl, dieses Gefühl von frühem Jet Set, dieser Mischung aus Unschuld und Verruchtheit, damals, als die Welt noch in Ordnung war (und die Bardot, bevor sie zur durchgedrehten Reaktionärin wurde). Die Franzosen waren überhaupt mal Meister des intellektuellen automobilen Massenglamours: 2CV oder DS, R4, R5. Heute fehlt das leider.

  2. Rolls-Royce Silver Shadow

    Der aus «Beyond the Valley of the Dolls». Wobei sowohl der Wagen wie der Film ein Hinweis auf folgenden wichtigen Umstand sind: Glamour kann immer leicht kippen. Dann wird er Kitsch. Dies übrigens im Gegensatz zu den aktuellen Rolls-Royce-Modellen Ghost und Phantom: die kippen nicht so leicht, sind aber ebenfalls glamourös.

  3. Lamborghini Countach

    Es gibt schlechterdings keinen unglamourösen Lamborghini, aber der Countach ist Kaiser: Schwer auszusprechen, nicht leicht zu fahren und unmöglich zu übertreffen; in Form und Kraft ein Musterbeispiel für den erotischen Subtext des Glamour, mal mehr, mal weniger subtil. Hier eher weniger: der hypostasierte Sex.

  4. Jeep Grand Wagoneer

    Langlebig, zeitlos und ein Pionier seiner Klasse: ein Luxus-SUV, bevor man diese Kategorie überhaupt kannte. Glamour hat oft mit Vorreitertum zu tun, mit Repräsentation von Sehnsüchten und Hoffnungen auf einen Lebensstil. Davon abgesehen stellen die klaren Linien des Wagoneer einen Archetyp dar; ein Muster für kommende Generationen. Auch das ist Glamour.

  5. Mercedes-Benz R107

    Mercedes war früher, von den Fünfzigerjahren bis Ende der Achtziger des letzten Jahrhunderts, die glamouröseste deutsche Automarke. Das ist heute nicht mehr so. Was aber nichts daran ändert, dass Mercedes ein paar unverrückbare Marksteine automobilen Glamours hinterlassen hat. Ein Denkmal der Vollendung ist zweifellos die Baureihe R107. Dieser SL wird für immer verbunden sein mit einem Epizentrum des Glamours: Hollywood zu seiner zweiten Hochphase 1975 bis 1985. Der R107 ist ein famoses Fahrzeug von zeitloser Schönheit (und mit der Robustheit eines Traktors). Er wird von so unterschiedlichen Idolen gesteuert wie Julie Andrews in «10» (1979) und Bette Midler in «Down and Out in Beverly Hills» (1986). Sowie von Richard Gere in «American Gigolo» (1980) und William Holden in «S.O.B» (1981). Der Convertible ist glamouröser als das Coupé. (Dies ist übrigens meistens der Fall.)

  6. Jaguar XJ

    Der Jaguar E-Type wird gern und zu Recht unter den schönsten Autos der Geschichte gelistet, doch der glamouröseste Jaguar ist der XJ, jene Limousinenreihe, von der keiner weiss, dass sie «XJ» heisst, weshalb sie für viele Menschen zum Synonym für «Jaguar» schlechthin wurde. Der Wagen verfügt über einen gleichsam fliessenden Körper, eigenartig androgyn, muskulös und kurvenreich, männlich und weiblich zugleich (ein Effekt, der sich noch verstärkte, wenn Margaret Thatcher daraus entstieg). Das Androgyne, allseits Verführerische kann ziemlich glamourös sein – wie bei Marlene Dietrich in «Morocco».

  7. Cadillac Fleetwood Brougham

    Grösse wirkt nicht immer glamourös, aber ganz sicher beim Cadillac Fleetwood Brougham, einem Schlachtschiff aus der grossen Ära der sogenannten «Landyachts». Damit bezeichneten die Amerikaner diese riesigen Limousinen ihrer heimischen Hersteller, in einer seligen Epoche, bevor Verbrauch und Verkehrsinfarkt seriös diskutiert wurden: gewaltige Ausmasse, Wohnzimmerkomfort im Inneren und eine gewisse schwebend-schwimmende Fahrweise, die der Amerikaner «spongy» oder «floaty» nennt, verbunden mit einer weichen, vagen Art der Lenkung. Formell werden mit der Kategorie «Landyacht» eigentlich Automobile aus den Fünfziger- bis Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts tituliert, doch ich möchte hier gern eine zusätzliche Eingrenzung vornehmen, denn für mich liegt der Kern der Landyachts, das, was sozusagen ihr Ideal, ihre platonische Idee und auch ihren Glamour ausmacht, in den zwei Dekaden von 1968 bis 88. Landyachts verkörpern einen Triumph der Form über die Funktion und damit einen wichtigen Wesenszug des Glamours. Cadillac ist bis heute die glamouröseste US-amerikanische Automarke, und wenngleich man sich über die Formgebung mancher Modelle spätestens seit 1986 gewiss streiten kann (einige sehen in der Tat aus wie plastic surgery gone wrong – and there is absolutely nothing glamorous about that), so bleibt es doch so: Man erkennt Cadillacs immer sofort. Und das ist ziemlich glamourös.

  8. Ferrari 250 GT

    Unlängst hat ein Ferrari 250 GTO von 1963 für 52 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt und wurde damit zum teuersten Auto der Geschichte. Bis der nächste 250 GTO ihn ablöst. Der Ferrari 250 wird nicht nur von vielen Sachverständigen als das schönste je hergestellte Automobil bezeichnet – er gehört auch zu den glamourösesten. Der Glamour entsteht hier – paradoxerweise – aus Reduktion. Reduktion auf das Wesentliche. Genauer: Reduktion und Proportion. Harmonie und Balance. An dem Auto stimmt alles. Alles ist richtig. Der Fluss, die Kraft, die Haltung. Der Wagen ist hinreissend, wie ein Juwel, wie die Mona Lisa: Es ist ein Artefakt und doch voller Leben, künstlich und natürlich zugleich. Das ist Glamour.

  9. Porsche 911

    Sieht seit 50 Jahren gleich aus. Ungefähr. Das hat sonst nur noch Joan Collins geschafft. Staying Power. Perfekte Konturen. Das ist Glamour.

  10. Die zwei Seiten des Glamours

    Die Zeit zwischen den Weltkriegen, jene rund anderthalb Dekaden in den Zwanziger- und Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts, war, nebst allem anderen, im freien Teil der Welt auch eine Epoche des Glamours zwischen zwei Katastrophen, eine Epoche, die, wie oben festgestellt, das Wort «Glamour» überhaupt erst populär machte. Viele ikonische Autos entstanden, Skulpturen der Bewegung wie das Talbot-Lago T150 CSS Tear Drop Coupé (1938) oder der Delahaye 135 MS von 1937. In dieser Ära wurden gültige Formen definiert, die bis heute ansprechend wirken: ihr Appeal hat zu tun mit Einzigartigkeit und einer leicht durchtriebenen vorgeblichen Schlichtheit des Auftritts, die mit einer Illusion verbunden ist: dem Eindruck und Zauber von Bewegung, Energie, Tempo. Es geht die betörende Faszination von Kunstwerken von diesen automobilen Ikonen aus, von ihren Formen und Linienführungen, von der Art, wie Licht und Schatten fallen. Licht und Schatten: decadent, gloomed, but eternally irresistable – the very essence of glamour.

Bild oben: Als Sportwagen noch Ecken und Kanten hatten: Ein Lamborghini Countach Anfang der 80er-Jahre. Foto: PD