Die Angst vor dem Auto

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Ich finde es aufschlussreich, ob jemand Auto fahren kann. Ja, genau, ich stelle immer wieder fest, dass ich Leute, besonders Männer, irgendwie sofort für weniger lebenstüchtig halte, wenn sie keinen Führerschein haben. Und vielleicht halten Sie mich gleich für etwas weniger chauvinistisch, meine Damen und Herren, wenn ich mich beeile, hinzuzufügen, dass ich selbst ungefähr so gut fahre wie eine blinde Nonne mit Gehirnerschütterung. Trotzdem. Ich fahre vielleicht nicht immer gut – aber gern. Und ich liebe Autos. Diese letzteren beiden Eigenschaften unterscheiden mich von jenen Menschen (und dies sind offenbar gar nicht so wenige), die blanke Angst vor dem Autofahren haben.

Was ist Amaxophobie?

Fahrangst, auch als Amaxophobie bezeichnet, ist die Angst vor dem Auto oder vor dem Autofahren im Verkehr. Genau genommen ist die Amaxophobie als eine spezifische Angststörung die Angst vor dem Gebrauch von Fahrzeugen überhaupt, einschliesslich der Angst vor dem Fahren von Fahrrädern, Motorrädern und so weiter. Mit Bezug auf das Auto nun kann sich die Phobie einerseits eher gegen das Automobil als solches richten; nämlich als Angst vor dem Auto als unberechenbarer Maschine, die schwer zu durchschauen und zu kontrollieren ist. Die Betroffenen fürchten hier quasi, dass nicht sie das Auto fahren, sondern das Auto mit ihnen fährt. So ’ne Art «Christine», wenn Sie so wollen. Oder aber die Angst bezieht sich auf den Fahrvorgang im engeren Sinne, also auf bedrohlich gedachte Situationen im Strassenverkehr, etwa die Benutzung des Beschleunigungsstreifens auf der Autobahn, das Einparken, Stau, Stadtverkehr, unbekannte Strecken, Fahrten bei schlechter Witterung oder nachts. Fahrangst kann nicht nur den Fahrer, sondern auch den Beifahrer betreffen. Sie ereilt Personen mit wenig Fahrroutine, aber auch erfahrene Lenker, die lange und mit Freude gefahren sind – bis sie plötzlich eine Panik– oder Stressreaktion erlebten. Und selbstverständlich gibt es auch den Fall, dass jemand zum Beispiel noch nie gerne durch Tunnel oder über Brücken gefahren ist und sich diese Aversion phobisch steigert.

In sämtlichen Fällen empfinden sich die Betroffenen im Verkehrsfluss bedrängt, beobachtet und von vielen Informationen überfordert. Sie erleiden Gefühle von Kontrollverlust während der Autofahrt, der Körper reagiert mit Herzrasen, Schwindel, Schwitzen und Muskelverspannung. Gross ist die Furcht, einen Unfall zu verursachen, was zunächst zur Vermeidung bestimmter angstbesetzter Verkehrskontexte (zum Beispiel von Kreuzungen oder kurvenreichen Talabfahrten) führt und schliesslich möglicherweise zur gänzlichen Einstellung des Autofahrens.

Das Autofahren ist prädestiniert als Auslöser für Ängste zunächst aufgrund der physischen Situation beim Fahren: die Enge im Auto, die Dichte des Verkehrs, hohe Geschwindigkeit, der Druck, unter der Beobachtung anderer schnelle, fehlerfreie Entscheidungen treffen zu müssen, Drängeleien, gefährliche Streckenführung oder unwirtliche Witterung. Anderseits wird die Phobie, gerade auch in jener Ausprägung, bei der quasi eine Verwesentlichung des Automobils unterstellt wird («Das Auto fährt mit mir, nicht ich mit ihm») auch grundlegend dadurch unterstützt, dass das Auto als moderner Fetisch extrem mit Bedeutungen aufgeladen ist: Das Auto ist ein Idol, ein Symbol. Es verkörpert Mobilität, Potenz, Status; es ist ein technisches Artefakt von enormer sinnstiftender Wirkung, ein unbelebter Gegenstand, dem metaphysische Qualitäten wie Allüre und Appeal attestiert werden, ein Fetisch oder auch Totem, dem sich der Besitzer meist gefühlsmässig und bisweilen sogar verwandtschaftlich verbunden glaubt. Normalerweise wird die Interaktion mit diesem Fetisch als lustvoll erlebt, denn er ist berührbar und praktisch – bei der Phobie hingegen wird der Fetisch angstbelastet, also auch tabuisiert. Im Totemismus ursprünglicher Wildbeuter-Kulturen ist ja das Totem immer mit einem Tabu belegt, vor allem dem Verbot, sich seinem (angenommenen) Willen zu widersetzen. Interessanterweise zeigt sich also gerade bei der Angst vor dem Auto damit ein archaisches Muster, quasi ein Rückfall in einen Vorstellungsbereich, der frühgeschichtlichen Jäger- und Sammlervölkern besonders nahe liegt und in Beziehung zu einer animistischen Weltsicht steht, also der Vorstellung, den Dingen und Phänomenen der Welt lägen als beseelte Wesen menschenähnliche Wünsche und Verhaltensweisen zugrunde.

Fest steht, dass die von Amaxophobie Betroffenen – wie die meisten Angstpatienten – in einen Teufelskreis geraten: Das Vermeiden von Autofahrten führt nicht nur zu einem Verlust an Mobilität, Lebensqualität und Selbstvertrauen, sondern auch zu einer Verstärkung der Angst. Über die tatsächliche Verbreitung von Fahrängsten in der Bevölkerung können, bis wissenschaftlich gesicherte Daten vorliegen (was gegenwärtig noch nicht der Fall ist), lediglich grobe Schätzungen angestellt werden. Wissenschaftler am Universitätsklinikum Münster und an der Universität Würzburg sprechen jedenfalls immerhin davon, dass die Angst vor dem Autofahren zu den drei häufigsten Phobien zähle. Offensichtlich scheint zu sein, dass wesentlich mehr Frauen als Männer unter Fahrangst leiden. Die Entstehung von Fahrangst ist – wie auch die der Ängste überhaupt – nur schwer zu bestimmen. Sie kann sich infolge eines tatsächlichen Unfalls als posttraumatische Belastungsstörung entwickeln – aber auch ohne sichtbaren äusseren Anlass entstehen. Grundsätzlich spielt wohl auch eine ererbte Disposition eine Rolle, eine besonders sensible, tendenziell phobische oder zwanghafte Grundhaltung.

Die Furcht vor dem Auto ist also gar nicht so selten – es wird nur selten darüber gesprochen. Amaxophobie ist überdies mit Konfrontationstraining gut behandelbar. Im deutschsprachigen Raum sind seit den 90er-Jahren mehrere Organisationen entstanden, die sich der Probleme angstgeplagter Autofahrer annehmen. Es gibt ausserdem inzwischen erste Fahrschulen, die sich auf die Betreuung von Menschen mit Fahrängsten spezialisiert haben. Die Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Fahrschulen befindet sich allerdings noch in der Erprobungsphase. Im seltenen Idealfall ist der Therapeut zugleich auch Fahrlehrer: Er therapiert und fährt im Fahrschulwagen und im Privatfahrzeug mit zu Konfrontationsübungen.

Fahrsimulation im Labor

Amaxophobie lässt sich auch virtuell therapieren. Jedenfalls haben Wissenschaftler am Universitätsklinikum Münster und am Psychologischen Institut der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Aufsehen erregt mit ihren Ansätzen zur Laborbehandlung der Fahrangst. Hierbei sitzen, nicht unähnlich wie bei einem Flugsimulator, die Patienten in einem abgedunkelten Raum mit 3-D-Brille vor einem Bildschirm. Eine spezielle Software stellt Bilder und Situationen dar, die bei der Angst vor dem Autofahren vorkommen. Die Patienten können die Annäherung an bzw. die Entfernung von den virtuellen Objekten und Situationen selbst steuern. Sie sind verkabelt, so dass der begleitende Arzt oder Psychologe jederzeit die Intensität der Nervosität feststellen kann. Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Therapie möglicherweise genauso erfolgreich sein könnte wie herkömmliche Methoden.

Der Nachteil besteht natürlich darin, dass jede auch noch so elaborierte Repräsentation der Realität – eben nicht die Realität ist. Dieses Manko betrifft den sogenannten Renewal-Effekt: das häufig beobachtete Phänomen des Wiederauflebens von Furcht, wenn der phobisch besetzte Gegenstand in einem neuen oder anderen Kontext auftritt. Und nichts ist bekanntlich so variantenreich wie das wahre Leben. In meinem Fall zum Beispiel, also wenn ich am Steuer sitze, kriegt eigentlich jeder ansonsten auch entschieden nicht-phobische Beifahrer dann und wann Zustände, weil ich beim Fahren die ganze Zeit esse und quassle und die Musik wechsle. Dabei besteht gar kein Grund zur Panik: Ich fahre, wie ich zu Beginn sagte, gern, aber nicht immer besonders gut. Wobei mir gerade auffällt, dass diese Aussage nicht gerade zur Beruhigung geeignet ist. Und ausserdem fällt mir gerade ein, dass ich selbst da wohl doch auch noch eine spezifische Autophobie hätte: Ich habe Angst vor Mittelklassemodellen. Namentlich graut mir davor, von einem Opel überfahren zu werden.