Wie man Freunde gewinnt

LITTLE BRITAIN USA: David Walliams as Carol Beer. photo: Danny Feld

Weihnachten kommt immer näher, meine Damen und Herren, und Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Liebe. Und das ist die verharmlosende Umschreibung für: Weihnachten ist der alljährliche Höhepunkt der Single-Diskriminierung. Die Heilige Nacht gehört nämlich zu den Anlässen, die man irgendwie kaum allein verbringen kann. Es ist einigermassen schwer, sich als Single allein unterm Mistelzweig mit der eigenen Unabhängigkeit zu trösten, wenn im Fernsehen selbst Meg Ryan einen Partner findet. Nun könnten Sie einwenden: Man kann doch auch mit Freunden feiern. Richtig. Bloss braucht man dafür: Freunde. Und wie findet man eigentlich als fragmentiertes modernes Subjekt heutzutage neue Freunde? Don’t worry, I made you a list.

  1. Internet

    Hört sich einfach an. Jedenfalls, wenn man jünger ist als 60. Man geht einfach zu Facebook. Oder gibt irgendwas wie «Freunde finden Schweiz» bei Google ein, und schon stösst man auf Freundschaftsanbahnungsforen. Das Problem im Internet ist natürlich, dass Selbstdarstellungen und Erwartungen an andere gleichermassen überzogen werden. Total überrissene Ansprüche an die Mitgeschöpfe dienen in unserer kategorischen Wohlfühlgesellschaft nicht zuletzt zur Rationalisierung der eigenen Einsamkeit. Ein Phänomen, das aus Partnerwahlsendungen im Fernsehen hinlänglich bekannt ist. Das ist das eine Problem. Damit nur lose verbunden ist ein weiteres, auf das gerade wieder der Psychologe und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer, Verfasser des kontroversen Bestsellers «Digitale Demenz», hingewiesen hat: Herr Spitzer ist der Auffassung, dass man soziale Netzwerke höchstens zur Pflege bestehender, nie aber zum Aufbau neuer Freundschaften gebrauchen könne, weil in der digitalen Repräsentation so viele Informationen verloren gehen (im Wesentlichen das, was man grob die Ausstrahlung eines Menschen nennen kann), dass die Kontaktanbahnung auf dieser Grundlage quasi sinnlos sei.
    BEWERTUNG
    Kosten: gering
    Risiken: hoch
    Mögliche Freunde: null

  2. Freizeitaktivitäten

    Die landläufige Ansicht ist: Nichts verbindet mehr als gemeinsame Aktivitäten. Schon darüber liesse sich streiten. Grundsätzlich dürfte jedoch feststehen, dass Sie, wenn Sie zum Beispiel neue Freunde in der Migros Klubschule finden wollen, in Kursen wie «Familienforschung und Wappenkunde», «Emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz» oder «Die italienische Oper zwischen Rossini und Puccini» einfach nur langweilige Sherry-Trinker mit schwachem Humor und frechen Brillen kennenlernen. Und gänzlich vermeiden sollten Sie den Kurs «Handy: Bedienungsanleitung für Einsteiger/innen». Denken Sie lieber an einen praktischen Nebennutzen (man will ja von Freunden auch profitieren) und besuchen Sie den Nothilfekurs «Auto und Verkehr». Selbst, wenn Sie gar nicht fahren können, erwerben Sie hier nebenbei noch einen offiziellen Nothilfe-Ausweis und haben ausserdem jede Menge Möglichkeiten zu Körperkontakt (man will richtige Freunde ja auch mal drücken). Und, da wir von Sherry sprachen: Am besten gehen Sie gleich zu den Anonymen Alkoholikern. Da sitzen die wahren Party-Profis!
    BEWERTUNG
    Kosten: mittel
    Risiken: mittel
    Mögliche Freunde: zwei bis vier

  3. Partys

    Es gibt immer mehr Partykonzepte, die ein Mindestalter vorschreiben. Dies scheint für mittelalte Menschen der perfekte Weg zu sein, Freunde zu finden: Da wird Musik aus den Achtzigern gespielt; wer zu jung aussieht, muss seinen Ausweis zeigen; und niemand braucht sich zu schämen, bloss weil er weiss, wie die Mitglieder von Bananarama hiessen. Theoretisch sind solche Partys für die Freundschaftsanbahnung ideal. Praktisch jedoch ist es gut möglich, dass Sie dann am «Miami Vice Evening» rumstehen und realisieren: Hier will eigentlich niemand Freunde finden. Sondern lediglich Sexualpartner über 35. Wonach sollte man wohl sonst Ausschau halten auf einer Leute-die-nichts-gemeinsam-haben-ausser-ihrem-Alter-Party?
    BEWERTUNG
    Kosten: mittel
    Risiken: gering bis mittel
    Mögliche Freunde: vier bis acht

  4. Beherrschen Sie sich. Aber nicht immer.

    Auf gar keinen Fall sollten Sie sich aus schierer Verzweiflung mit folgenden Typen anfreunden: Barpersonal, Politessen, dem eigenen Psychotherapeuten. Verändern Sie sich lieber. Werden Sie interessant! Ein paar Stunden mit einem guten Personal Trainer, und Sie sammeln mehr Telefonnummern, als Sie bis zur Pensionierung abtelefonieren können. Halt, es ging ja um Freunde ... aber wenn die meisten Leute nunmal unbedingt Sex wollen, dann schlafen Sie halt in Gottes Namen ein- oder zweimal mit Ihnen, und anschliessend entwickelt sich daraus sicher eine herrliche Freundschaft! Das ist ja wohl immer noch ein besseres Fundament als ein Migros-Kurs in «Wertschätzender Kommunikation». Vielleicht. Who knows.

  5. Accentuate the Positive. Or Negative.

    Wenn alles nichts hilft und Ihnen ein Single-Weihnachten droht, erinnern Sie sich: Jesus war ebenfalls Single (das ist jedenfalls immer noch die gängige Überlieferung). Und die Ehe von Jane Fonda hat auch nicht gehalten. Man kann auch allein hübsch Weihnachten feiern. Zum Beispiel kann man eine Liste mit all seinen Wünschen fürs nächste Jahr verfassen oder irgendeinen Besen schmücken und im dunklen Badezimmer ein wenig singen. Man sollte auch gerade in dieser Zeit des Jahres den Blick auf die Schattenseiten der Zweisamkeit nicht vergessen. Immerhin ist es für einen alleinstehenden Menschen zweihundertfünfzigmal wahrscheinlicher, von den herabfallenden Teilen einer ausrangierten sowjetischen Raumstation erschlagen zu werden, als nach der Bescherung am Weihnachtsabend Freude über selbstgebatikte Untersetzer heucheln zu müssen.

Im Bild oben: Carol Beer findet im Computer ziemlich sicher keine Freunde. (David Walliams in der Fernsehserie «Little Britain». Foto: BBC)