Der Kampf geht weiter!

IMG_5813

Verehrte Leserschaft, ich bin, wie Sie bemerkt haben (oder auch nicht), zurück aus Südamerika, einem phantastischen Kontinent voller Geschichte und Zukunft, und wenn man Destinationen wie die liebliche Kapitale Quito anfliegt, sehenswerte Hauptstadt Ecuadors, muss man beispielsweise in Madrid umsteigen, und ebendort, auf dem Flughafen Madrid Barajas, erblickte ich obiges Verbotsschild, was ich natürlich sofort für Sie photographiert habe. Wir haben ja über dieses Schuhwerk schon gesprochen. Ich möchte nun gerne anregen, so nach dem Vorbild der (gottlob gescheiterten) Initiative zum Schutz vor Passivrauchen, dieses Verbotsschild auf allen öffentlichen Plätzen der Schweiz anzubringen, zum Schutz vor passiven Geschmacksverletzungen, die durch den Anblick solcher Fussbekleidung hervorgerufen werden und irreparable Schäden der psychischen Gesundheit hervorrufen können. Danke für Ihre Unterstützung.

Und dann noch dies: Sollten Sie demnächst nach Santiago de Chile kommen, empfehle ich dringend einen Besuch in der dortigen, unlängst eröffneten Costanera Shopping Mall, leicht zu finden, direkt neben dem Gran Torre Santiago, dem höchsten Gebäude Südamerikas. Ein Einkaufsparadies, das es nach meiner persönlichen Bewertung ohne weiteres zum Beispiel mit der Aventura Mall in Miami aufnehmen kann. Und wenn man, wie beispielsweise Norbert Bolz und ich, der Auffassung ist, dass der globalisierte Konsumismus tendenziell ein wichtiges Gegengewicht zum religiösen, politischen und sonstigen weltanschaulichen Fundamentalismus darstellt, dann findet man dort ein famoses Anschauungsbeispiel dafür. Das Konzept der Selbsterschaffung qua Konsum ist eine emanzipatorische Errungenschaft des postpostmodernen Subjekts, dessen Vorfahren generationenlang darauf gedrillt waren, sich über kollektive Kategorien wie «Religion», «Nationalität» oder «Ethnizität» zu definieren – nicht über individuelle Geschmacksentscheidungen. Was aber ist Geschmack? Wir haben das an dieser Stelle früher schon mal ganz einfach beantwortet: Die Fähigkeit zur Auswahl. Ein Gespür für das Passende, Angemessene. Und das ist eine sehr friedliche Art der Selbstfindung; sie ist nicht-aggressiv und nicht-dogmatisch und sie steht prinzipiell allen offen.

Konsum per se bedeutet nicht Zerstörung von Vielfalt und die Einebnung kultureller Differenzen, im Gegenteil, bei den heute im freien Teil der Welt exponentiell zunehmenden Kaufoptionen, Kreativitätsräumen und Selbstformungsmöglichkeiten wird Distinktion zum Wert an sich. Die freie Entfaltung des Individuums im Wechselspiel von Individualität und Zugehörigkeit ist eines der grossartigen Angebote der Konsumgesellschaft, eine Glücksofferte ohne Fundamentalismus und Aggression. Das ist Freiheit, meine Damen und Herren! Aufgeklärtes Konsumieren ist keine frivole Ressourcenvergeudung, sondern ein schöpferischer Akt der Selbstfindung, wo jeder friedlich und authentisch nach seinen Präferenzen selig werden kann. Natürlich gibt es immer noch genug Scheusslichkeiten. Siehe Bild. Das gehört zur Angebotsvielfalt. Dagegen hilft nur Geschmacksbildung. Oder ein Verbotsschild.

17 Kommentare zu «Der Kampf geht weiter!»

  • Philipp Rittermann sagt:

    mit geschmack verhält es sich ähnlich wie mit kunst; geschmack ist was gefällt und unterliegt hauptsächlich dem kommerz. somit lässt sich über geschmack schlecht diskutieren. die steigerung von geschmack hingegen ist stil. das wort stil beinhaltet schon die individuelle komponente. ich wage hier zu assoziieren: -> leute mit geschmack haben keinen stil -, oder anders – leute mit stil brauchen sich nicht um geschmack zu kümmern. oder nochmal anders – persönlichkeiten haben stil, die breite masse hat geschmack.

    • Mario Monaro sagt:

      I’m still confused, but on a higher level…

    • Urs Wille sagt:

      Ihre Aussage könnte stimmen. Das zeigt sich auch bei anderen Konsumgütern. Möglicherweise sind Porsche Cayenne und ähnliches tatsächlich nur was für Langweiler.

    • Philipp Rittermann sagt:

      herr monaro -> „if you can’t convince them, confuse them!“ 🙂

    • Heini Zinsli sagt:

      Jetzt koennte man natuerlich darueber diskutieren was eine Persoenlichkeit ausmacht. Wenn zum Beispiel Boris Becker eine Persoenlichkeit ist dann stimmt Ihre Definition wohl nicht mehr.

    • Philipp Rittermann sagt:

      eine gute frage, herr zinsli, die in der tat wohl nicht ganz einfach zu beantworten ist. ich versuch’s mal ganz generell -> für mich ist eine persönlichkeit, jemand der sich von der masse abhebt. positive oder negative eigenschaften zu gewichten-, bzw. in die definition einfliessen zu lassen ist schon relativ heikel, da nicht unbedingt relevant. beispiel – karl lagerfeld würde ich als persönlichkeit bezeichnen, obwohl ich ihn eigentlich zum breien finde. „bobele“ – nun ja, würde ich eher zur cervelat-prominenz und ehemaliger guter sportler zählen. fazit – persönlichkeiten polarisieren meist.

  • Anh Toan sagt:

    konsumo ergo sum

    oder

    „I’m all lost in the supermarket, I can no longer shop happily
    I came in here for that special offer, guaranteed personality“

    The Clash

  • Schumacher Rolf sagt:

    Lieber Tingler, wenn sie durch die Welt tingeln, tun sie das mit weit geöffneten Augen?? In Südamerika sterben täglich zig Menschen einen gewaltsamen Tod. Frauen werden zur Prostitution gezwungen. Viele kämpfen um ihr „nacktes“ Ueberleben. Ich bin überzeugt, dass sie mit Crockschuhen vielen Kindern da die grösste Freude ihres Lebens machen könnten. Und sie als Bürger des reichsten Landes der Welt palavern von geschmacklosem Schuhwerk? GESCHMACKLOS ist, dass sie ein so banales Thema zum Aufhänger ihrer Südamerikareise machen. Ihr Flug war sinnlos, frivol verpuffte Ressource Kerosin.

  • 001 sagt:

    Verbotsschilder gegen Geschmacksverirrungen!!! Wie viele Menschen wären da betroffen und tot unglücklich darüber-Unzählige „Schafe“ die jeden Trend, und sei er noch so unsinnig und unvorteilhaft, mitmachen müssen. Oft sind es dann genau die Menschen die es einfach nur sein lassen sollten, die da mit grosser Begeisterung mitziehen. Da sieht man dann plötzlich alle Frauen mit dem bekannten „Händchen hoch-Griff“ ihr Täschchen rumtragen, Frauen die es einfach nicht können auf 12 cm-Absätzen und Plateauschuhen durch die Weltgeschichte staksen und Strum,pfleggins an Beinen die besser verborgen blieb

  • Murat Asik sagt:

    hahaha… herrlich gelacht über den Artikel.

    Nicht nur Crocs, auch die Uggs gehören verboten. Selbst wenn man über Geschmack streiten kann, bieten weder Crocs noch Uggs irgendetwas zur Schönheit bei. Sie sind simpel und höchstens funktional. Aber schön bestimmt nicht. Steckt ja auch nicht wirklich ein Design dahinter 😉

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.