Namen sind Schall und … äh … Dingsda

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Bei Starbucks (in Europa) muss man seit einiger Zeit seinen Namen angeben, wenn man was bestellt. Damit soll die Kundenbindung erhöht und in Überfüllungssituationen die korrekte Zuordnung von Getränken zu Verbrauchern erleichtert werden. Ich persönlich nutze das schon lange, um Namen auszuprobieren, die ich vielleicht gerne hätte. Zum Beispiel «Galaxy». Oder «La Toya». Es ist nämlich so, dass ich manchmal überlege, wie es wohl wäre, wenn der beste Ehemann von allen und ich ein kleines schwarzes Kind adoptieren würden. Mit einer blauen Brille. Wir könnten dann dieses Kind La Toya nennen, denn La Toya Tingler klingt einfach super. Doch wenn ich so weit gekommen bin, in meinen Überlegungen, denke ich regelmässig: Nein. Ich schaffe es ja gerade mit Ach und Krach, alleine ein frisches Laken auf mein Hästens-Bett zu ziehen oder zwei verschiedene Staffeln «Modern Family» parallel zu schauen. Im Moment befindet sich in unserer Obhut eine einzige Topfpflanze, eine Andentanne, die Richie eines Tages mitgebracht hat, und die steht draussen und muss sehen, wie sie zurechtkommt. Das könnte ich mit einem Kind selbstverständlich nicht machen; so ein Kind braucht Pflege und Zuwendung. Ständig. Und mich überzeugt auch nicht das Argument, dass man aufgrund irgendeiner elterlichen Glückshormonausschüttung das nächtliche Aufstehen gut durchhalte. Das Aufstehen ist egal. Babies sind nicht das Problem. Anstrengend werden Kinder erst ab eins, wenn sie laufen lernen, bis ungefähr dreissig. Ich meine, mich als Elternteil zu haben, ist vielleicht besser, als im Waisenhaus in Temeschwar oder Sierra Leone dahinzuvegetieren, aber trotzdem wäre ich wohl vermutlich eines jener Elternteile, bei dem die Bügel immer in dieselbe Richtung hängen müssen. Und weiterhin ein Elternteil, das ganz bestimmt sauer wird, wenn die Kleinen nicht mit ihrem niedlichen grauen Flanell-Outfit zum Flag Day antreten. Oder wenn sie ein Töffli haben wollen. Oder einer Töffli-Gang beitreten. Und dann fällt mir ein: Wenn ich unbedingt La Toya Tingler haben will, kann ich das auch einfacher realisieren, indem ich mich inskünftig bei Gelegenheit selbst so nenne. Danke, Starbucks!

Ich bin etwas abgekommen. Ich wollte eigentlich auf was ganz anderes hinweisen: Starbucks nämlich ist auch noch ein Beispiel für eine andere kulturelle Entwicklung: Im Zuge der schicksalhaft fortschreitenden Globalisierung schwimmt mit der angloamerikanischen Leitkultur unaufhaltsam die Kultur der Namensschildchen zu uns rüber, genauer gesagt: der Vornamensschildchen. Ich bin, seitdem ich mit 12 das erste Mal «Dallas» im Fernsehen sah und mich sofort mit Sue Ellen identifizierte, ein grosser Freund der angloamerikanischen Kultur, und ich fand es schon zu meinen Studienzeiten, als ich in London lebte, immer angenehm, wenn man wusste, wie der Doorman bei Selfridges oder der Schlachter bei Harvey Nichols mit Vornamen heisst. Ich habe nämlich eine Schwäche für Schlachter. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Was ich eigentlich sagen wollte, ist: Wenn man regelmässig irgendwo einkauft, entwickelt man ja auch eine Beziehung zu den Leuten, und dann ist es schön, wenn man sie namentlich ansprechen und beispielsweise sagen kann: «Thanks for the meat, Derek!»

In Kontinentaleuropa, und natürlich besonders im deutschsprachigen Raum, hielt man lange Abstand vom Vornamensschildchen, weil man sowas für geschäftliche Transaktionen irgendwie zu intim fand. (Die Angelsachsen hingegen, die ohne das «Sie» auskommen, können auch auf Vornamensbasis sehr elegant Abstand halten.) Für mich aber sind, gerade im Zusammenhang mit der schweizerischen Neigung zum «Du», diese Schildchen wunderbar, denn ich bin nur so-so mit Namen. Offenbar ist es so, dass zu jedem gegebenen Zeitpunkt mein neuronaler Erinnerungsspeicher für ungefähr 250 Namen ausreicht (Berühmtheiten ausgeschlossen). Davon sind etwa 35 Plätze besetzt mit Namen meiner lebenden und toten Verwandtschaft; rund 125 Positionen entfallen auf Freunde, Bekannte und Gesellschaft und 45 Positionen auf Leute, mit denen ich geschäftlich regelmässig zu tun habe; dann weiss ich noch die Namen von ein paar Leuten, mit denen ich mal Sex hatte; von 7 Menschen, die ich seit meinen Primarschultagen nicht mehr gesehen habe; von zirka 5 von meinen Kraftraumfreunden und schliesslich von ungefähr 10 Personen, die ich gar nicht weiter kenne, die aber coole Namen haben, wie zum Beispiel Ingeborg Fingas, die früher mal in der Migros City in Zürich an der Kasse sass, glaube ich. Oder Guido Niedergesäß. Suneetha Schlackman. Das sind doch super Namen, right?

Also habe ich zu jedem gegebenen Zeitpunkt ungefähr 25 Namensplätze frei in meinem verwahrlosten Palast der Erinnerung, und über die Vergabe dieser Positionen habe ich leider nur eingeschränkte Kontrolle. Zum Beispiel erinnere ich mich, wie dieser Strassenzeitungsverkäufer von vorgestern heisst (Jesús), nicht aber an den Namen jenes Drehbuchautors, dem ich jetzt schon zum dritten Mal bei einem Stehempfang in der österreichischen Botschaft über den Weg gelaufen bin. Solche Leute nenne ich «Hallo» oder «Wie geht’s?» oder «Du siehst grossartig aus!» Ausserdem habe ich mit Richie, dem besten Ehemann von allen, so ein eigenes System von Benennungen entwickelt, zum Beispiel heisst die Metzgersgattin von Gegenüber bei uns «Breschnews Tochter» oder die Kioskfrau «Quasimoda», aber so was hilft einem auch nicht gerade, sich an die richtigen Namen zu erinnern.

Dabei sind Namen Macht. Mütter wissen das ebenso wie Lehrer, Barmänner und sehr höfliche Kinder. Wenn man jemandem mit seinem Namen anspricht, erhebt man ihn aus dem Strudel der gesichtslosen Masse in den Garten der Intimität, und gleichzeitig bedeutet man dem Gegenüber, dass das Leben mehr ist als ein freudloser Strom anonymer Begegnungen, woran wir alle in unseren schwächeren Momenten ja bisweilen zweifeln. Das wirkt natürlich besonders beim Vornamen. Wenn man ihn richtig gebraucht, gewinnt der Vorname eine geradezu magische Kraft, übrigens auch und gerade im Konfliktfall. Es ist, wie eigentlich immer im Leben, vor allem eine Frage der Betonung. Da gibt es wenig Effektiveres als, wie ich es gerade neulich wieder in einem Hotel in Huế praktiziert habe, den Concierge, der vorgibt, sich an keine Parkplatzreservation erinnern zu können, wie folgt anzusprechen: «Hören Sie, …» – hier folgt ein kurzer, scharfer Blick aufs Namensschildchen – «… hören Sie, Ha, mein Auto steht da draussen und schmilzt. Ich brauche jetzt sofort einen Parkplatz!»

Dieses Beispiel deutet uns allerdings auch schon das Machtgefälle an, das damit verbunden ist, dass eine Seite den Vornamen benutzen darf und die andere nicht. In der Tat ist das «Sie» in Verbindung mit dem Vornamen ja die klassische Anrede fürs Personal. Oder war es jedenfalls zu Zeiten meiner Grossmutter. Insofern ist die zunehmende Benutzung dieser Anrede im konventionellen gesellschaftlichen Verkehr nicht nur für Gesellschaftsveteranen alter Schule irritierend, wie etwa Brooke Astor, die einstige Königin der New Yorker Hautevolée, die mal bemerkte, sie fände es verstörend, wenn sie wildfremden Leuten, die ausserdem ihre Enkel sein könnten, scheinbar zwanglos als „Brooke“ vorgestellt würde. Das Verkehren auf Vornamenbasis sei ein bedauerlicher Verlust von Distanz. Oder, in den Worten von Mrs Astor: «Dann können wir uns ja gleich alle Fido nennen!»

Deshalb sind diese Vornamensschildchen längerfristig und untergründig vielleicht doch kulturell verheerend. Immerhin kann man sich im gesellschaftlichen Verkehr über Jahre hinweg auch ganz ausgezeichnet mit Menschen unterhalten, ohne den geringsten Schimmer zu haben, wie sie heissen. Denn namenloser Kontakt kann so angenehm unverbindlich sein, fast wie Therapie. Und diese Starbucks-Vornamenskultur ebnet womöglich bloss den Weg für jene fürchterlichen Zeitgenossen, die mit Vornamen nur so um sich werfen, die vor, hinter und zwischen alles, was sie einem sagen, den Vornamen setzen, was wohl modern und dynamisch wirken soll, aber in der Tat jeden Small Talk zu einem Gebrauchtwagenverkaufsgespräch macht. Und das Ergebnis ist, dass man sie meidet, die Name Dropper. Auch wenn sie nur fröhlich und ungezwungen wirken wollen, wenn sie über die Strasse winken und schreien: «Hallooh, Marcy!» Aber so ist nun mal die menschliche Psyche: Menschen machen einen Bogen um fröhliche und ungezwungene Leute. Das ist ein uraltes Gesetz von Mutter Natur. Und die hat bekanntlich gar keinen Vornamen.

24 Kommentare zu «Namen sind Schall und … äh … Dingsda»

  • Katharina I sagt:

    Lieber Herr, äh, Sie schreiben grossartig!

    Wollen Sie mich adoptieren? Ich bin aus dem Gröbsten schon lange raus, ebenfalls schon lange über dreissig und würde mich jederzeit in La Toya umbenennen lassen! Ein Töffli brauche ich auch nicht, bäh, Töfflis sind doof. Und meine Bügel hängen natürlich alle in eine Richtung! – Aber wenn sie kein Töffli will, was dann? Na ja, ein schönes Haus erben oder ein bisschen Geld oder so wäre schon schön. Dafür würde ich Sie garantiert sonst nie belästigen! 🙂 Sag doch ja, Papa Grossartig! Hundeblickaufsetz.

  • Katharina sagt:

    Starbucks ist so….plebejisch.

    Und Brooke Astor hat schon recht. it is a matter of CLASS.

  • Columbo sagt:

    Also ich finde die Saumode mit den falschen Namen wirklich unter aller …. . Da gibt sich eine Institution ehrlich Muehe, den geschaetzten Kunden nicht nur als anonyme, zahlende Nummer, sondern als individuellen Gast zu behandeln, und erntet dafuer schamlose Luegerei sogar von ansonsten grundehrlichen Mitbuergern. Also ich wuerde mir nie erlauben, weder beim Kafi noch auf irgendwelchen Seiten im Interweb, mir einen fremden Namen, sagen wir mal von einer Fernseh – Figur, zu stehlen …

  • erika sagt:

    wer geht denn schon zu starbucks?

  • Urs sagt:

    Meine Lieblinge sind (alle schon persönlich getroffen): Santiago Schuppisser, Robin Joyce & Shannon Allison Möckli und Serge Schildknecht.

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