Regeln fürs Gezwitscher

hefner

Aaahh, Twitter! Wie sonst wüssten wir, was der Dalai Lama wirklich denkt oder Jackie Collins zum Abendbrot isst oder umgekehrt oder ob Rashida Jones sich dafür entschuldigt, dass sie John Travolta aufgefordert hat, endlich aus dem Schrank zu kommen? Selbst Alain Berset ist jetzt (wieder) am Zwitschern und damit der erste Bundesrat, der sich einreiht in die Schar jener rund 100 Millionen Personen, Unternehmen und Organisationen, die den bekanntesten Kurznachrichtendienst der Welt benutzen. Und hier für Herrn Berset und alle anderen Interessierten ein paar Regeln. In fünf Punkten der gesamte Twitter-Knigge. Twitter-Knigge. Das klingt schon so super, finden Sie nicht?

  1. Twitter-Präsentation

    Ihr Twitter Account ist eine Ihrer digitalen Visitenkarten. Die Möglichkeiten zur elektronischen Selbstdarstellung konzentrieren sich hier auf drei Dinge, nämlich: 1. das Photo; 2. die Vorstellungszeile; 3. den Hintergrund.
    1. das Photo: Zu bevorzugen sind Bilder, die den Inhaber des Accounts erkennbar darstellen. Idealerweise mit einem Hinweis auf seine Persönlichkeit. Versuchen Sie nicht, auf Teufel komm raus originell oder lustig zu sein. Wechseln Sie nicht andauernd Ihr Bild, das wirkt zu ambitiös und bemüht. Und: Ich persönlich würde von einer Sonnenbrille abraten.
    2. die Worte: Benutzen Sie Ihren richtigen Namen. Es gibt schon zuviele anonyme Weirdos online. Falls Ihr Name schon vergeben ist, weil Sie entweder ziemlich berühmt sind oder Regula Müller heissen, fügen Sie einen eindeutigen Zusatz hinzu. Für die Beschreibung Ihrer Person gilt der schöne alte Satz: In der Kürze liegt die Würze. Und, weiterhin: Versuchen Sie nicht, auf Teufel komm raus originell oder lustig zu sein.
    3. der Hintergrund: Gegen den Twitter-Klassiker (blauer Wolkenhimmel) ist gar nichts einzuwenden. Versuchen Sie nicht ... Sie wissen schon.

  2. Twitter-Verbindlichkeiten

    Eine soziale Verbindlichkeit ergibt sich stets aus dem inhaltlichen Gewicht der Umstände und der Nähe der Bekanntschaft. Deren Produkt bildet sozusagen den Verpflichtungsquotienten. Die neuen Formen interaktiver Engagements über soziale Netzwerke in der virtuellen Gesellschaft haben den tiefsten Verpflichtungsquotienten von allen. Dies gilt auch für Twitter und ist Segen und Fluch zugleich. Jedenfalls aber bedeutet es: Wenn Sie jemand kontaktiert, den Sie nicht kennen, mit Inhalten, die Sie nicht interessieren, brauchen Sie nicht zu antworten.

  3. Twitter-Arithmetik

    Noch nie liess sich das gesellschaftliche Standing einer Person so präzise arithmetisch berechnen wie in den Zeiten von Twitter. Am Anfang, so für eine Millisekunde, sind alle gleich. Dann wird jedes Individuum und Phänomen bei Twitter durch das Zusammenspiel von drei Variablen bestimmt:
    (1) Tweets (t) = die Anzahl der eigenen Kurzmeldungen mit maximal 140 Zeichen
    (2) Following (f) = die Anzahl der Twitter-Nutzer, deren Meldungen man folgt
    (3) Followers (F) = die Anzahl der Twitter-Nutzer, die den eigenen Meldungen folgen
    Direkt beeinflussbar sind dabei lediglich t und f.
    Es gelten nun folgende Gesetzmässigkeiten:
    t << F ==> prominent
    t ≥ f ≈ F ==> im Medien- oder PR-Geschäft
    t >> f >> F ==> ruhmsüchtig

  4. Twitter-Psychologie

    a) Wir leben betrüblicherweise in Zeiten, wo sich viele Menschen bereits durch Virtualitäten aufgewertet fühlen. Sich aber mit der Zahl seiner Twitter Followers zu brüsten ist genauso pathetisch und peinlich, wie das Angeben mit dem eBay-Feedback-Score. Also ungefähr so armselig, wie sich irgendwo im Interweb Tipps zu holen, was und wie man twittern muss, um mehr Followers zu bekommen. Das Beste, um mehr Followers zu bekommen, ist nach wie vor: Get a life. Please.
    b) Ähnlich wie beispielsweise der Online-Versandhandel Amazon («you might also like ...») macht Ihnen auch Twitter Vorschläge. Nur geht es hier (meist) nicht um Produkte, sondern um Personen, die Ihnen unter der Überschrift «Similar To You» zur Kontaktaufnahme vorgeschlagen werden. Denken Sie daran: Twitter ist – trotz allem – im Grunde nicht viel mehr als eine Art Maschine. Verzweifeln Sie also nicht, wenn in besagter «Ähnlich-wie-Sie»-Rubrik regelmässig Konterfeis und Profile auftauchen, die Sie gleichgültig oder sogar mit leichter Abscheu zurücklassen, weil die für Ihr Empfinden gar nichts mit Ihnen zu tun haben. (Falls dies jedoch andauernd passiert, sollten Sie was ändern. Auf Twitter und im Leben.)

  5. Twitter-Tabus

    Wie Christiane Rösinger in ihrem hübschen Lied «Berlin» singt: Wenn die Parkausflügler dann die Schwäne füttern. / Und die Allerblödsten es gleich weiter twittern. Mit anderen Worten: 140 Zeichen reichen für jede Banalität. Aber das heisst ja nicht, dass Sie bei deren Verbreitung ganz vorne mitmachen müssen. Twittern Sie regelmässig, aber keinen Müll. Und wenn Sie Banalitäten zwitschern, halten Sie sich an die alte literarische Regel: Binsenweisheiten müssen geistreich formuliert werden. (Übrigens, da wir von Formulierungen sprechen: Frau Rösinger hat das richtige Verb gewählt, jedenfalls steht «twittern» tatsächlich seit 2009 im Duden.)
    Achtung: Twitter ist kein konventioneller Small Talk, die klassischen Small-Talk-Regeln gelten daher hier nicht bzw. nur eingeschränkt. Dafür gelten andere Regeln zur Vermeidung von Tabus und Ausrutschern, nicht zuletzt bedingt durch die anderen Möglichkeiten, die Twitter bietet. Zum Beispiel die Veröffentlichung von Photos. Bei der Auswahl von Bildern, die Sie über Twitter verbreiten, denken Sie an: Anthony Weiner. Lernen Sie von Anthony Weiner: Don’t Post Your Weiner (DPYW). Denn wie der amerikanische Kultur- und Medienkritiker Lee Siegel auf dem Höhepunkt von Weinergate völlig zutreffend diagnostiziert hat, mögen zwar unsere Kommunikationstechnologien brandneu sein – die gesellschaftliche Reaktion auf Ausrutscher hingegen scheint nicht selten ein paar Hundert Jahre alt: Puritanische Schelte. Pietistische Empörung. Der drohende Zeigefinger des Schuldirektors. Indignation wie im Damenverein der Mässigungsbewegung. Das ist die Ungleichzeitigkeit der Digitalen Ära.
    Ansonsten und für Textnachrichten gilt: Was nicht in die Öffentlichkeit gehört, gehört nicht auf Twitter. Man kondoliert nicht via Twitter (es sei denn, die verstorbene Person war sehr prominent und stand in keinem persönlichen Verhältnis zu einem selbst; doch auch dieser Fall ist mindestens diskussionswürdig, weil er den Ruch des Geltungsdranges trägt. Und natürlich beendet man auch keine Beziehungen, seien sie romantischer, freundschaftlicher oder professioneller Art, mittels Twitter. Das gehört strictly zu den things you don’t tweet (TYDT). Hingegen ist es wiederum völlig OK, dass Playboy-Papi Hugh Hefner, nachdem er letztes Jahr von seiner 25-jährigen Verlobten Crystal Harris quasi buchstäblich vorm Altar stehengelassen wurde, twitterte: «The wedding is off. Crystal has had a change of heart.» (Crystal ist übrigens inzwischen offenbar als Hauptfreundin in den Bunny-Harem zurückgekehrt. Und twitterte: «Yes @hughhefner and I are back together. Yes I am his #1 girl again. Yes we are happy. Hope that clears up any confusion! xo.» Ja, danke, Crystal.)

Im Bild oben: Hugh Hefner und sein wieder-Nummer-1-Bunny Crystal Harris.