Das Tabu im Hosenstall

rummel

Die Olympischen Spiele sind vorbei, in Erinnerung bleiben werden die Bilder, die konzentrierten Mienen, durchtrainierten Körper, der Siegerjubel. Und ein Geschlechtsorgan. Dieses ruhte friedlich in der Hose von Henrik Rummel, Mitglied des amerikanischen Vierer-Ruderteams, machte aber trotzdem ordentlich Rummel. Bei der Siegerehrung zeichneten sich seine Umrisse nämlich deutlich im Höschen des Ruderers ab.

Sofort entbrannte eine Diskussion über das Geschlechtsorgan, insbesondere darüber, ob es möglicherweise erigiert gewesen sei (und warum um Himmels Willen dazu bereits eine Bronzemedaille gereicht hatte). Und es wurden Artikel mit unbezahlbaren Titeln wie folgender geschrieben: «Ein olympischer Ruderer wendet sich ans Internet, um den Zustand seines Penis‘ zu verteidigen.» Dieser sei nicht erigiert gewesen, sondern immer so, gab Rummel zu Protokoll. Was die Damen freuen dürfte, falls sich irgendwelche Damen von vornherein dafür interessiert hätten. Es waren aber eher die Männer, die mit dem Finger auf Rummel zeigten.

Nun, ob erigiert oder nicht – spielt das wirklich eine Rolle?

Mir tat der arme Mann leid. Da trainiert man ein Leben lang für Olympia, rudert sich bis zur Bronzemedaille, und dann reden alle nur davon, wie viel Blut sich zum Zeitpunkt der Preisverleihung im Geschlechtsorgan befand. Als ob er mit dem Penis gerudert wäre. Dann dachte ich, dass das vielleicht auch eine Art ausgleichende Gerechtigkeit ist, schliesslich wurden Frauen noch nie nur an ihren Leistungen, sondern immer auch an ihrem körperlichen Erscheinungsbild gemessen, der Grösse des Busens, dem Umfang ihrer Hüfte und dem Zustand ihres Haars. Dass den Männern nun dasselbe Diktat auferlegt werden soll, ist allerdings auch nicht wünschenswert.

Woher also die Aufregung um den sich in der Ruderer-Hose abzeichnenden Penis? Um der Sache auf die Spur zu kommen, griff ich zum «Zeit-Magazin» von Ende Juli, dessen Titelgeschichte dem männlichen Geschlechtsorgan gewidmet ist. (Wer Spass an Wortspielen hat würde sagen: es ist gerade in aller Munde.) Und, oh Freude, wir haben eines der letzten Exemplare einer extrem gefährdeten Art gefunden, ein Tabu!

Während in unserer Kultur die erotisch konnotierte weibliche Nacktheit an jeder Strassenecke klebt, sind Bilder von nackten Männern Mangelware. Verboten wäre es nicht, und die Römer beispielsweise verschwendeten viel künstlerische Energie auf die Darstellung mannigfaltiger Phalli. Bei uns hingegen gilt alles über einem Neigungswinkel von 45 Grad als pornographisch. Und was nicht pornographisch ist, als langweilig. Das sei zugleich das Dilemma des modernen Mannes, schreibt das «Zeit-Magazin»: «Zeigt er sich weich, wird er als Verlierer beschimpft – zeigt er sich hart, bekommen alle Angst.»

Ob das wirklich das Dilemma des modernen Mannes ist, weiss ich nicht. Aber es könnte durchaus sein, dass die Zeiten vorbei sind, da der Penis in seinem gemütlichen Hosenstall ein unbeobachtetes Dasein fristen konnte. Das «Zeit-Magazin» sieht darin sogar eine politische Komponente: «Hält der Mann sich deshalb bedeckt, weil Nacktheit angreifbar, verletzlich macht?», wird da gefragt. Geht es um Macht? Sind für eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft nackte Männer so wichtig wie weibliche Führungskräfte?

Gott bewahre – man stelle sich vor, die Männer würden sich plötzlich ebenso eifrig als Blick-Boy des Tages bewerben wie unsere Girls. Da lehne ich dankend ab. Aber in einem Punkt gebe ich dem Artikel recht. Es ist immer gut, Normen infrage zu stellen, und wenn der Mann sich dazu entblössen muss, nur zu! Es wäre jedenfalls für alle Beteiligten ein interessantes Projekt.

Im Bild oben: Der nicht ganz entspannte Henrik Rummel (2.v.l.) mit Team.