Braucht der neue Mann wirklich einen Bart?

JENNIFER ANISTON AND BRAD PITT ARRIVE INDUSTRY SCREENING OF "THE GOOD

GIRL".

Liebe Männer

Ihr werdet das nicht gern hören. Erstens lasst ihr euch von Frauen ungern Dinge sagen, die irgendwie Euer Verständnis von Männlichkeit tangieren. Zweitens ist das Thema extrem banal, zugegeben, und Männer lassen sich, entgegen dem Vorurteil, auch von Frauen intellektuell gern herausfordern. Trotzdem muss ich es jetzt loswerden. Gestern radelte ich durch den Wald, ein super Sommertag, alle gut gelaunt. Ein Pärchen spaziert mir entgegen. Beide jung, hübsch, sie mit langen Haaren und Kinderwagen, er mit dünnen Beinen in kurzen Hosen und einer adretten Frisur. Und er liess sich einen Vollbart stehen.

Ich kann der männlichen Bartmode durchaus einiges abgewinnen. Es ist begrüssenswert, wenn Männer sich Gedanken darüber machen, wie sie Frauen gefallen können. Ich finde es auch sympathisch, dass sie in dieser Hinsicht weniger heuchlerisch sind als Frauen. Ein Mann würde nie auf die Idee kommen, abzustreiten, dass er mit seinem Auftreten am liebsten jede Frau um den Verstand bringen würde. Bei vielen Frauen hingegen ist es schon um den Verstand geschehen, wenn sie darlegen, sie betrieben diesen ganzen Schuhtick, Nagellack-, Lippenstift- und Fitnessfirlefanz nur, um sich selbst zu gefallen. Als Vertreterin des narzisstischen Geschlechts, gebe ich Ihnen, liebe Männer, deshalb eine Warnung auf den Weg. Narzissmus kann die persönliche Würde ebenso korrumpieren, wie der Ring aus «Herr der Ringe», der den armen Sméagol in den grässlichen Gollum verwandelt hat. Sollten Sie sich dabei ertappen, wie Sie im Fitnesszentrum beim Blick auf Ihre aufgepumpten Muskeln «Mein Schatz!» zu krächzen beginnen, müssen Sie bremsen. Mit übertriebener Gefallsucht macht man sich schnell zum Affen.

Apropos Affe. Es soll ja hier um Körperbehaarung im Allgemeinen und Bärte im Besonderen gehen. Und was das anbelangt, gibt es für Männer Zielkonflikte. Einerseits existiert dieses hysterische Enthaarungsdogma, das bislang weiblich konnotierte Praktiken wie Epilieren und Rasieren verlangt, aber in diesem Fall  dazu dient, den auf ganz Mann getrimmten Body optimal zur Geltung zu bringen. Da ist die Gesichtsbehaarung unverdächtiger. Sie steht, so lehrte der «Blick am Abend», für Stärke, Männlichkeit und Ehre und ist deshalb zumindest für Diktatoren ein unverzichtbares Accessoire. Wir lernen: Gesichtsbehaarung ist eines der wenigen Features, mit denen Männer stilistisch auf der Klaviatur ihres männlichen Selbstbildes spielen können. Der in urbanen Zonen wuchernden Neohippie-Vollbart ist vielleicht Zeichen für die neue Sehnsucht nach Männlichkeit, die sich ungebremst von Scheren oder Messern frei ausdrücken darf.

Sicher erwarten Sie jetzt eine Pointe, Sie haben sich ja nicht durch diesen ganzen Text gekämpft, um ahnungslos in die so unüberschaubaren Weiten moderner Männlichkeit entlassen zu werden. Nun, was die ästhetische- und die Coolnesskomponente der Bartfrage angeht, muss ich Sie auf besser informierte Kollegen verweisen. Aber ich habe einen Rat als Frau. Als ich das adrette Paar im Wald sah, er zufrieden, sie eher etwas zerknittert, hätte ich mich am liebsten vor ihnen aufgebaut und gesagt: «Mein Sohn, ich weiss, du trägst diesen Bart mit Stolz und der Hoffnung, dass die attraktiven Frauen deiner Peergroup dich als vollwertiges Mitglied anerkennen. Aber frag mal deine, oder irgendeine Frau, was sie davon hält.»

Männlichkeit in Ehren, aber ich kenne keine einzige Frau, die bei gleicher Qualifikation nicht lieber von einem Mann ohne Vollbart geküsst wird, als von einem mit. Wenn ihr uns also einen Gefallen tun wollt: Vergesst es.

(Sollte es wider Erwarten doch solche geben, können sie sich gern in den Kommentaren melden und wir werden dieses Thema gepflegt diskutieren.)

Im Bild oben: Der bärtige Brad Pitt. (Foto: Reuters)

62 Kommentare zu «Braucht der neue Mann wirklich einen Bart?»

  • leemann sagt:

    Schnaus Ja – Bard Nein

  • Hobbygärtner sagt:

    bärte sind grossartig! es müssen ja nicht grad vollbärte sein, aber so sexy fünftagebärte sind echt schmissig. wer findet den bärtigen che guevara nicht auch arschgeil?
    selber habe ich oft einen 10-14-tagebart, weil das dauernde rasieren einfach zu mühsam ist, ich in der tat – eher zu meiner überraschung – auch schon komplimente für einen solchen leichten bart erhalten habe und ja (wie in anderen kommentaren auch schon angemerkt), die haut vom rasieren leicht rötet und juckt. rasierpickel sind als ü-30ereinfach nicht mehr so toll. mein fazit: bärte ruhig stehen lassen. meine frau findets okay.

  • Sebenza sagt:

    Ungepflegte Vollbärte inkl. Nackenbart… nunja, wer gerne mit einem Obdachlosen verwechselt wird, soll sich das antun. Aber etwas sauber getrimmte Haarpracht im Gesicht steht jedem, und keine Emanzenmeinung der Welt wird daran etwas ändern. Warum sollen Männer ihr Leben lang aussehen wie Schuljungen?

  • Natty Kirch sagt:

    sorry Michèle Binswanger, ich mag Ihre Artikel normalerweise. Aber dieser hier ist – mit Verlaub – unterirdisch.
    Im übrigen mach ich Männer mit Vollbärten. Und alle, die ich kenne, lassen sich einen gepflegten (DAS ist das Zauberwort, verehrte Frau Binswanger) Vollbart stehen – und nicht einen verfotzelten wie denjenigen auf dem Bild mit Brad Pitt.
    Liebe Männer, lasst Eure Bärte stehen! Ich steh drauf! 🙂

  • Jutta Maier sagt:

    Bärte sind doch nur meist dazu da, das Milchgesicht zu verdecken. Gegen einen gepflegten Bart hab ich prinzipiell auch nichts, aber die meisten Kerle schaffen es ja nicht, ihn sauber zu halten.
    Vielleicht ist der Bartwuchs eine Trotzreaktion auf die Doktrine, man solle sich gefälligst (wie die Muslime) die Schamhaare rasieren. Oder eine unbewusste Sehnsucht nach verklärten Tagen, als Männer ein rauer Haufen waren und sich mit Alkohol und Schlägereien bestätigten.
    Vermutlich liegt der Trend einfach in dem Wunsch begründet, sich nicht mehr jeden Morgen rasieren zu müssen.

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