Haben Homos den besseren Sex?

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«Ist Grindr in London wegen Ansturm durch schwule Olympioniken zusammengebrochen?» Dies fragte, kurz vor Beginn der Spiele, zum Beispiel die «Huffington Post» und stellte das Ganze unter die schöne Überschrift «Grindr Olympics». Nun werden Sie, sofern Sie heterosexuell oder lesbisch oder aus Österreich sind, vielleicht fragen: Was ist Grindr? Well, Grindr ist eine geosoziale Netzwerk-Applikation. Also eine App. Fürs Smartphone. (Falls Sie jetzt fragen «Und was ist eine App?», sehen Sie bitte bei Google nach. Sie wissen schon: Im Interweb.) Grindr ist eine App, die dem Benutzer anzeigt, wie viele Meter der nächste homosexuell interessierte Mann von ihm entfernt ist. Sofern dieser Mensch ebenfalls Grindr nutzt. Dann erfährt man nebst der physischen Distanz (nicht jedoch: dem Standort) ein paar vitale Daten und kann sich in Verbindung setzen. Und wiewohl der Erfinder von Grindr, ein Mittelklassenamerikaner namens Joel Simkhai, gerne von «Coming-out-Hilfe» und «Vernetzung» und «platonischen Freundschaften» redet, tut man der Sache wohl kein Unrecht, wenn man sagt: Grindr ist ein Sexradar. Ein Fleischfinder mit GPS-Koordination. Ein satellitennavigationsbasierter, ziemlich erfolgreicher Homo-Sex-Sucher mit inzwischen über vier Millionen Benutzern weltweit. Inklusive Iran und Kasachstan.

Obschon Grindr bei weitem nicht die erste elektronische Sexsuchhilfe ist, und auch nicht einmal die einzige sogenannte Dating App, zumal für Homos, so übt diese spezifische Form des Navigationssystems dennoch eine eigenartige Faszination aus, namentlich auf heterosexuelle Menschen, von denen einige hier eine neue sexuelle Revolution heraufdämmern sehen. Deshalb wurde ja auch sofort vermutet, dass der Einzug von Athleten aus aller Herren Länder in London, der Stadt mit weltweit ohnehin den meisten Grindr-Nutzern (nämlich so rund 350’000) zum Zusammenbruch des Dienstes geführt hätte. Was übrigens mutmasslich falsch war. Denn Grindr ist einerseits bekannt für seine Unzuverlässigkeit, und andererseits war die ganze Meldung vielleicht auch nur eine elaborierte PR-Nummer. Grindr selbst jedenfalls liess der Huffington Post folgendes Statement zukommen: «While we’d love to believe that the best-built men in the world all dressed up in Lycra and congregating in one place can generate a huge increase in Grindr traffic, we can say with confidence that the arrival of the Olympic teams had little or no effect on our server.»

Jedenfalls aber wurde dadurch mal wieder auf dieses gern verdrängte Thema aufmerksam gemacht: Homosexualität im Spitzensport. Die aktuellen Spiele hätten, gerade nachdem Obama sich zur Unterstützung der Homo-Ehe durchgerungen hat, ein entscheidender Moment für die Sichtbarkeit der Homogemeinde werden können – doch immer noch wagt es bloss ein Bruchteil, sich zu zeigen. «Nur 20 von über 10,000 Athleten stehen in London offen zu ihrer Homosexualität», meldete etwa «Blick am Abend». Die Homophobie im Sport scheint immer noch allgegenwärtig, und dies führte zum Beispiel bereits im Mai zu einer Meldung von Reuters, nach der schwule und lesbische Athleten und Athletinnen aufgefordert wurden, sich zu outen und dann gleich Asyl im Vereinigten Königreich zu beantragen, falls sie aus Ländern kämen, in denen Homosexualität kriminalisiert wird. Dieser Rat kam allerdings von Mark Stephens, einem der medienbewusstesten Medienanwälte Englands, und wurde dementsprechend leicht erteilt.

Sind Homos promisk?

Aber das ist heute nicht unser Thema. Sondern: Sex und seine Bewertung. Wenn man die Debatte über Grindr verfolgt, so ist auffällig, dass auf der nicht-schwulen Seite sowohl die Befürworter wie auch die Gegner dieser Art der Kontaktanbahnung davon ausgehen, hedonistische Promiskuität wäre das Fundament homosexuellen Lebens. Und dies ist leider falsch. Nachdem ich das ein paar Mal gelesen hatte, bemerkte ich zu Richie, dem besten Ehemann von allen, dass diese Kommentatoren doch mal bitte auf eine der zahllosen Homoparties gehen sollten, wo trainierte, gebräunte, gezupfte Graphiker, Sachbearbeiter und Unternehmensberater mit sorgfältig barbierter Gesichtsbehaarung in ihren engen Abercrombie-&-Fitch-T-Shirts rumstehen, in vielfacher Weise blossgestellt, und keiner schafft es, den anderen anzusprechen, aus Angst, sich blosszustellen. «Stepford Gays» nannte der britische Journalist Tim Teeman schon vor Jahren im «New Statesman» diese geklonte Variante des modernen urbanen Homosexuellen – nach den scheinbar perfekt funktionierenden Roboterhausfrauen aus dem Film «Stepford Wives».

«Du bist von vorgestern, Kleines», sagte dazu allerdings der beste Ehemann von allen. Das sagt er manchmal. Und fuhr fort: «Das, was du meinst, sind doch noch die Homos im Geiste der Neunzigerjahre. Die jungen Leute heute sind viel entspannter, mehr zuhause in ihrem Körper, für die ist Sex einfach Spass.» Nun, fest steht wohl, dass viele Homos, auch die aus dem letzten Jahrhundert, inzwischen in einer Realität leben, die einen Stecker am Ende hat. Mein flüchtiger Bekannter Max, der in der sehr realen Stadt Berlin wohnt, hat neulich festgestellt, dass er in der virtuellen Welt einfach viel mehr Anklang findet als in der wirklichen. Das Problem hierbei ist nur, dass Max es bereits als Anklang wertet, wenn er über Grindr folgende Mitteilung bekommt: «Hi». (Konservativen Schätzungen zufolge ist dies der Inhalt von 83 Prozent aller Grindr-Messages.) Damit ist aber nichts geschehen. Trotz aller modernen Anbahnungshilfen zeigen uns wohl gerade Phänomene wie Grindr in aller Drastik die Wirksamkeit eines archaischen Kulturgesetzes: Konversation ist der Gegensatz von Sex. Offenbar kann man auch bei Grindr seine Zeit mit Unterhaltungen verbringen wie der von Lisa Simpson mit ihrem Grossvater Abe im Springfield Retirement Castle: «Auf welcher Stufe läuft der Ventilator?» / «Mittel.» / «Sowas. Ich hätte gedacht, er wäre auf ‹Hoch›.» / «Nein. Mittel.» – Oder, in den Worten meines anderen, besseren Bekannten Lars: «Die besten Grindr-Erfolge waren immer die, wenn mir jemand einfach direkt geschrieben hat: Sex? Jetzt? Bei mir?»

Sex als Konsum und Wettbewerb

Nicht eben neu ist eigentlich auch die Idee von Sex als Konsum und Wettbewerb, also einem materialistisch vollzogenen Akt als Folge einer reizökonomischen Auslese, dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf dem Markt der Begehrlichkeiten. Apropos Auslese: In der Tat hat es Kritik an potenziell diskriminierenden Angaben in Grindr-Profilen gegeben, Angaben wie «Keine Asiaten» oder «Keine Tunten». Früher, in den uralten Zeiten der gedruckten Kontaktanzeige, hiess das: «Tunten zwecklos». Irgendjemand in Berlin, wahrscheinlich eine Tunte, kam dann mal auf die gloriose Idee, eine Party so zu nennen, was ich bis heute grossartig finde. Dies nur am Rande. Grindr betrachtet solche Spezifikationen als Präferenzangaben, nicht als Diskriminierung, und ermuntert im übrigen seine Nutzer, in ihren Profilen den Akzent auf das zu legen, was sie wollen; nicht auf das, was sie nicht wollen. Das ändert freilich nichts an der Konzeption von Sex als Menü, und von Grindr, wie es ein Kommentator des Riesenblogs Gawker in entzückender Prägnanz ausdrückte, als Buffet – «the Yelp for penises». Manche Kulturkritiker bemängeln, dass Erfindungen wie Grindr genau diese Auffassung von Sex forcierten, eine Auffassung, die sie dann gerne auch noch als spezifisch schwul bezeichnen, zum Beispiel als «hedonistische Promiskuität», welche die allgemeine Moral zu korrumpieren drohe. Nonsens. Sex war schon immer ein Wettbewerb, seit dem Streit von Aphrodite, Athene und Hera um den goldenen Apfel der Eris – bis hin zu den alles-konsumierenden Wettbewerbsmonstern aus «Sex and the City», einem Format, in dem sich vier angebliche Frauen benehmen wie schwule Männer, und das sich übrigens popkulturell erledigt hat, indem es zu seiner eigenen Parodie geriet.

Also nichts von sexueller Revolution. Jedenfalls nicht für Homos. Für Homos ist Grindr nicht der Umsturz ihres Universums, sondern einfach vor allem ein weiterer Zugang zu Sex. Der wahre Umbruch war die Digitalisierung der Welt, aber die hat lange vor Grindr stattgefunden und hört mit Grindr nicht auf. Und wie auf allen virtuellen Feldern kann man hier Sachen tun, ohne sie wirklich zu tun: Die Anbahnung ersetzt den Vollzug, oder, in den Worten meines Freundes Cyril: «Für mich ist Grindr wie Fernsehen.» Allerdings ist Cyril auch gar kein Homo. Denn als Unterhaltungsmedium mit voyeuristischem Kick ist Grindr auch für heterosexuelle Menschen überaus faszinierend.

Post-gay era?

Aber wie sieht es ansonsten für die nicht-schwule Mehrheit aus? Wird es dazu kommen, dass, wie einige Kommentatoren hoffen, andere befürchten, eine vermeintliche schwule Libertinage als Leitkultur übernimmt und eine «post-gay era» einläutet, wie sie die Journalistin Polly Vernon unlängst im britischen «Observer» diagnostizierte, einen Abschnitt der Zivilisationsgeschichte, in dem wir quasi alle zu schwulen Männern werden?

Wohl eher kaum. Hier ist meine These: Die Einstellung zu Sex hängt ja nicht von homo- oder heterosexuell, sondern, in Ermangelung anderer Prädikate, von «männlich» oder «weiblich» ab. Will sagen: «männlich» steht für hedonistische Promiskuität, «weiblich» für Sex als Ausdruck und Begleiterscheinung emotionaler Bezogenheit. Wobei wohlgemerkt nicht alle Männer, seien sie schwul oder nicht, in diesem Sinne männlich sind, und nicht alle Frauen weiblich. Es handelt sich hier um zwei theoretische Extrempunkte, und die Erfahrung lehrt uns, dass die meisten Männer näher am männlichen, die meisten Frauen näher am weiblichen Pol liegen, und zwar unabhängig von ihren sexuellen Präferenzen. Und deshalb ist auch der Verschwulung des heterosexuellen Sexlebens eine inhärentes Limit gesetzt. Tja. Das wäre die Grenze der Projektion. Sieht so aus, als wird die digitale Revolution in Sachen Anmache beim heterosexuellen Teil der Menschheit nie übers Facebook Stalking hinauskommen.

Dies wird sehr hübsch deutlich an der heterosexuellen Grindr-Variante, die unter dem Namen «Blendr» seit September letzten Jahres existiert. Genauer gesagt handelt es sich hier erklärtermassen um eine Variante, die sämtliche sexuellen Orientierungen ansprechen soll – und damit keine. Indem sie nämlich a priori viel weniger auf Sex abstellt. Offiziell ist Blendr darauf ausgerichtet, jede Art von Beziehung zwischen Menschen herzustellen – von Freundschaft bis zum Dating. Mit dieser zahmeren Konzeption sollen offenbar Unterschiede zwischen der schwulen und heterosexuellen Annäherungskultur integriert werden. Wie der Kommentator von Gawker feststellt: «Blendr lässt Sie Menschen in Ihrer Nähe finden, die Ihre Interessen teilen, so dass Sie mit einem Fremden eine anregende Unterhaltung beispielsweise über französische Literatur führen können, wann immer Sie dies wünschen.»

Mit anderen Worten: Das wird nicht funktionieren. Gawker zitiert Grindr-CEO Simkhai: «Facebook erlaubt es Ihnen, Kontakt zu Menschen zu halten, die Sie bereits kennen, – doch wie lernen Sie neue Leute kennen?» Und dann fragt Gawker: Ja – wie knüpft man eigentlich neue Freundschaften? Wie wäre es über die Arbeit? Oder mittels einer betrunkenen Konversation an einem Fast-Food-Tresen morgens um vier? Oder über die graduelle Annäherung durch soziale Interaktion? Jedenfalls gewiss nicht durch eine iPhone-App. Das wird Blendr zum Problem werden – und man möchte fast sagen: hoffentlich.

Im Bild Oben: Ein Teilnehmer der Mr.-Gay-Wahl in Ungarn wird gestylt, 2008. (Foto: Keystone)