Kann man sich mit Nacktbildern emanzipieren?

MISS SCHWEIZ WAHLEN, MISS SCHWEIZ 2010, WAHL,

 

Emanzipiert hat sie sich also, Frau Cook, von der Miss Schweiz Organisation nämlich. Die verlangt ja bekanntlich, dass ihre Missen sich wie anständige Mädchen aufführen, weshalb Nacktfotos nicht erlaubt sind. Wie die meisten Menschen finde ich Brüste eine tolle Sache. Man kann damit Büstenhalter füllen, Babys ernähren oder seinen Liebsten unterhalten. Oder man kann sie fotografieren lassen und damit Geld verdienen. Dass dies aber ein Akt der Emanzipation sein soll, wirft für mich als Feministin doch ein paar Fragen auf.

Vielleicht denkt der «Blick am Abend» ja, das sei wie bei den Damen von Femen oder den Demonstrantinnen bei den Slutwalks, die barbusig gegen die Unterdrückung der Frau protestieren. Kerstin Cooks Nacktfotos wären dann ihr Zeichen, dass sie sich von äusseren Zwängen befreit hat, dass sie mehr ist, als bloss eine Miss Schweiz. Jetzt ist sie eine Frau, die sich nackt fotografieren lässt um zu zeigen, dass sie eine Frau ist, die sich nackt fotografieren lassen kann. Die Nacktfotos wären dann ihr ganz persönlicher Slutwalk. Wow.

Mit einem klitzekleinen Unterschied. Barbusige Demonstrantinnen ziehen sich nicht zu ihrem persönlichen Vorteil aus, sondern um Raum zu besetzen – öffentlichen Raum, medialen Raum, Aufmerksamkeits-Raum. Sie demonstrieren damit gegen eine Gesellschaft, in der die weibliche Sexualität nach wie vor kontrolliert, kapitalisiert und ausgebeutet wird. Rape-Kultur heisst das Stichwort, worunter wir eine Kultur verstehen, in der nicht nur Frauen, sondern auch Mädchen und Jungen von sexualisierter Gewalt betroffen sind, eine Gewalt, die in vielen Fällen hingenommen, akzeptiert und toleriert wird. Jüngstes Beispiel ist da die 17-Jährige Amerikanerin Savannah Dietrich, die von zwei Schulkollegen vergewaltigt wurde, deren Namen auf Twitter veröffentlichte und deswegen jetzt selber auf der Anklagebank sitzt, während ihre Peiniger immer noch frei herumlaufen.

Aber Frau Binswanger, werden Sie nun sagen, stimmt das wirklich? Haben nicht wir hier im Westen uns langsam zur Genüge mit diesen Fragen abgerackert? Sind wir nicht vorbildlich, was die Emanzipation der Frauen anbelangt? Und ist nicht die Tatsache, dass eine Frau Cook sich so fotografieren lassen kann, wie sie gerade Lust hat und daraus sogar ein Geschäftsmodell entsteht, das beste Beispiel dafür, dass in dieser Hinsicht bereits alles erreicht wurde? Und unter uns gesagt, wenn man sich das Resultat anschaut, dann keimt doch der Verdacht auf, dass die Frauen an der zunehmenden Über-Sexualisierung unserer Kultur vollkommen selber schuld sind. Man braucht sich nur die Frauenmagazine anzusehen. Der weibliche Körper, so der Eindruck, ist eine eigentliche Problemzone, wobei die meisten Probleme sich mit mit dem entsprechenden Einsatz beseitigen lassen. Auf dass wir uns dem zweiten Hauptmotiv der Magazine widmen, nämlich was Männer mögen und wie frau es anstellen soll, ihnen zu gefallen. Wenn man davon ausgeht, dass Frauenmagazine von Frauen für Frauen gemacht werden, dann muss man zum Schluss kommen, dass nicht der Mann die Frau zum sexuellen Wesen degradiert, sondern dass sie sich das selbst zuzuschreiben hat.

Gerade deshalb aber sticht mir eine solche Bildlegende ins Auge. Als Mutter einer präpubertären Tochter frage ich mich nämlich jeden Tag: Wie kann ich sie auf dieser delikaten Reise vom Mädchen zur Frau begleiten? Wie vermittle ich ihr ein Frauenbild, in dem nicht der Körper das Wesentliche und Schönheit nicht das Eintrittsticket ist, um an der Welt teilhaben zu können? Zum Beispiel indem ich ihr sage, dass ich grundsätzlich nichts gegen Nacktfotos einzuwenden habe und es auch völlig in Ordnung finde, wenn Frau Cook Nacktbilder von sich machen lässt. Dass es aber nichts mit Emanzipation zu tun hat, Nacktbilder von sich zu veröffentlichen. Denn selbst wenn das Publikum freudig applaudiert, dann nicht etwa deshalb, weil das ein Akt der Freiheit ist. Wahre Emanzipation bedeutet, sich von den Vorstellungen, wie wir als Frauen auszusehen und uns zu benehmen haben, nicht mehr länger versklaven zu lassen. Denn wer seine Hauptverantwortung darin sieht, dass sein Körper einem Idealmass entspricht, der wird niemals Zeit haben, sonst etwas in seinem Leben zu erreichen. Unsere Verantwortung liegt nicht darin, zellulitisfrei durchs Leben zu gehen sondern endlich eine Gesellschaft hinzukriegen, in der sexuelle Gewalt gegen Frauen keine Option mehr ist.


28 Kommentare zu «Kann man sich mit Nacktbildern emanzipieren?»

  • Stadelman Reto sagt:

    Ich gehe absolut einig mit Frau Binswanger. Endlich hat Sie erkannt das es eben nicht immer nur die bösen bösen Männer sind die die Frauen zu etwas zwingen was sie nicht wollen. Natürlich gibt es diese Sorte Mann und diese Typen sind eine Schande für das männliche Geschlecht!
    Aber in der heutigen Zeit degradieren sich Frauen immer öfters selbst. Oder glauben den die Damen wirklich immer noch, dass ein kurzer Rock Respekt verschafft? Eben gerade das GEGENTEIL, nämlich das Frauen auch ohne kurzen Rock anerkannt werden ist das Positive. Aber das müssen viele Damen noch lernen…

  • Lukas Müller sagt:

    Sehr geehrte Frau Binswanger,
    zum Thema Savannah Dietrich, Sie als Journalistin sollten wissen dass wenn ein Urteil noch nicht gesprochen ist, die Unschuldsvermutung gilt! Wo kämen wir da hin wenn eine 17 jährige oder die Medien andere Menschen direkt ins Gefängnis schicken könnte?
    Das endgültige Gerichtsurteil für die Täter steht noch aus, und wenn es wirklich stimmen sollte, werden sie auch ihre gerechte Strafe erhalten.
    Zum Thema Emanzipation, dieses Wort bedeutet u.a. Eigenständigkeit zu erlangen. Wenn Frau Cook meint dies mit Nacktbildern zu erreichen, lassen Sie ihr doch diese Freiheit.

    • Peter Fu sagt:

      Zu Glauben, dass es wirklich so etwas wie Unschuldsvermutungen oder nur schon entsprechende Objektivität seitens Strafverfolgungsbehörden gibt, kann nur auf weltfremde Naivität zurückgeführt werden. Amtsmissbräuchliche Beamten bleiben in unseren Breitengraden unbehelligt.

  • Junger Mann sagt:

    ou mann frau binswanger. da nehmen sie tatsächlich einen blick-artikel, um ihre these zu bestätigen. über den fall aus den usa weiss man hierzulande überhaupt nichts. inwiefern das wirklich eine vergewaltiung war, ist ungeklärt. dass die jungs bilder an ihre freunde geschickt haben, spricht eher dagegen.
    hingegen ist ohne zweifel klar, dass selbstjustiz in einer gesellschaft den anfang vom ende bedeutet. wär wohl nur eine frage der zeit, bis irgenein ami und sein gewehr der „gerechtigkeit“ genüge getan hätten. darum ist es schon korrekt, dass sie verurteilt wurde.

    ansonsten: meine meinung.

  • Ramon Paxus sagt:

    Als Mann stellt man sich jede Frau, welche man(n) noch nicht nackt gesehen hat, nackt vor. Ganz egal ob man es sich anmerken lässt, sich deswegen schämt, oder sich dar erfreut, unterdrücken lässt sich das nicht. Die Neugier ist allgegenwärtig und steht oft der sonstigen Kommunikation im Wege. Sich nackt zu zeigen, ob in echt oder auf Photos setzt dem ‚Gwunder‘ ein Ende und macht den Weg frei, dass sich Mann und Frau auf Augenhöhe begegnen können. „Seht her, so sehe ich nackt aus! Können wir nun über etwas anderes reden?“ Insofern, durchaus eine Empanzipation.

    • Susanna kim sagt:

      Wenn das so ist mit der „Augenhöhe“: Wo sind dann die nackten Männer?

    • Philippe Calle sagt:

      Das ist eben das Gute in der FKK-Philosophie. Ist man daran gewöhnt, die anderen nackt zu sehen und sich selbst ungehüllt zu zeigen, ist bereits ein langer Weg in Richtung Emanzipation überwunden. Da kann man sich eben sehr gut auf Augenhöhe begegnen.

    • Mitarbeiterin sagt:

      Heisst das, ich muss mich zuerst ausziehen, um von dir ernst genomen zu werden? Sag mal, gehts noch?!?

    • Fischbacher, Chrigel sagt:

      da spricht der kenner!!!!

  • Giorgio Girardet sagt:

    Wie eine präpubertäre Tochter begleiten? Ihr ein „Dorf“ geben. Ein Dorf, dass sich weder um Geld und Sex und Macht versammelt und anbetet, sondern die Toten ehrt und den Allmächtigen und die Gesetze des Lebens welche Markt und Erotik und Kick transzendieren. Der Weg vom Mädchen zur Frau muss Teilabschnitt eines Weges in den Himmel sein. Weshalb man die Kirche im Dorf lassen soll.

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