«Wir haben nichts Bequemes»

Kathrin Wiedmer und Thom Pfister haben zwei Wohnungen in einem Altbau im Berner Marziliquartier stilvoll vereint.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

Kein klassisches Wohnzimmer, dafür aber viel grosszügigen, lebendigen Wohnraum für die Familie: Das haben der Creative Director Thom Pfister und die Einrichtungsexpertin Kathrin Wiedmer aus zwei Altbauwohnungen in Bern gestaltet. Für unser Porträt versammelt sich die Familie auf ihrem einzigen gepolsterten Sitzmöbel. «Wir haben sonst nichts Bequemes», sagen Kathrin und Thom. Zur Familie gehören die gemeinsame Tochter Ella, 5, sowie Thoms Kinder Juli, 14, und Paulina, 13, die nur zeitweise hier leben.

Thom Pfister ist Graphic Designer. Nach einigen Jahren im renommierten Studio Achermann arbeitete er in London, jobbte als Freelancer, führte mit zwei Partnern eine eigene Agentur in Bern und ist nun in der Geschäftsleitung als Creative Director bei der Agentur Branders in Zürich tätig. Kathrin Wiedmer leitet eine Filiale von Teo Jakob in Bern. Als Primarlehrerin war sie vor 18 Jahren eine Quereinsteigerin in den Interiorbereich. Schnell hat sie sich aber ihrer Leidenschaft für Wohnen und Design ganz verschrieben, machte eine Ausbildung als Farbgestalterin und ist nun unter anderem verantwortlich für den Einkauf und die Ausstellung der Filiale. Ausserdem entwirft sie Einrichtungs-, Farb- und Materialkonzepte für Kunden.   

Die Altbauwohnung im Marziliquartier hat Thom Pfister vor sieben Jahren über eine Anzeige gefunden. «Thom hat immer Glück in Sachen Wohnungen», lacht Kathrin, die ein wenig später dazugezogen ist. Am Anfang wohnten alle Kinder zusammen im grossen Kinderzimmer. Doch als vor einem Jahr die kleine Wohnung nebenan frei wurde, hat das Paar diese dazugemietet, einen Durchgang gebaut und damit den beiden grösseren Kindern eigene Zimmer ermöglicht.

Schön und nach eigenen persönlichen Bedürfnissen zu wohnen, ist für Thom und Kathrin von grosser Bedeutung. «Andere machen Reisen, unser grosser Traum ist das Wohnen.» Auch wollen die beiden die Gegenwart geniessen und nicht auf eine unbestimmte Wohnzukunft hin planen oder sparen. Dass sie in einer Mietwohnung wohnen, hielt sie nicht davon ab, in Änderungen zu investieren. «Natürlich haben wir alles so umgesetzt, dass wir es bei einem Auszug wieder rückbauen können. Und wir haben einen längerfristigen Mietvertrag ausgehandelt», erklärt Thom den Entschluss.

Da beide zuvor in Ateliers wohnten und arbeiteten, sind denn auch grosse Tische, viel freie Bodenfläche zum Auslegen von Layouts und Regale für Bücher wichtiger als Sitzgruppen und kuschlige Ecken. Für ein Sofa haben sie sich aber trotzdem vor noch nicht allzu langer Zeit entschieden. Das Alcove von Bouroullec für Vitra wählten sie in Rosa. Dieses ist, wie Kathrin erklärt, eigentlich gar kein Rosa, sondern wirkt bloss so, weil für den Polsterstoff weisse und rote Fäden verwoben wurden. Die Farbgestalterin weiss, dass mutige Schritte wichtig sind, um Frische in eine Wohnung zu bringen.

Wenn zwei in eine Wohnung ziehen, kommen meist ganz unterschiedliche Stücke zusammen. Bei Thom Pfister und Kathrin war das Umgekehrte der Fall. So hatten etwa beide denselben grossen, schwarzen Tisch von Prouvé. Jener von Thom steht nun im grössten Raum der Wohnung. Drumherum sind Prouvé-Stühle platziert, aber auch andere formstarke Stücke wie etwa der Chair One des deutschen Designers Grcic oder der leuchtend blaue Tip Ton von Barber Osgerby.

«Für uns sind die Möbel und Objekte eine Formensammlung», erklärt Kathrin ihre Liebe zu starken Designstücken. «Zudem haben alle persönliche Geschichten», ergänzt Thom. «So habe ich zum Beispiel Prouvé in meiner Zeit im Studio Achermann entdeckt, da sassen wir nämlich auf solchen echten, alten Stühlen. Den Designer Konstantin Grcic habe ich persönlich kennen gelernt während eines Buchprojekts. Den Stuhl hat er mir als Andenken geschenkt.» 

In der Ecke ragt ein Regal von Moormann bis an die Decke. Eine Leiter bietet Zugriff auf die Bibliothek voller inspirierender Bildbände. Vor dem rosa Sofa tanzen verschlungene Mohnblumen aus einer Jugendstilvase – ein Zeichen dafür, dass der lebendige Wohnmix nicht nur aus namhaftem Design besteht.

Ella und Paulina spielen mit Plastikmärchenfiguren auf dem Tisch «Trapèze» von Prouvé. «Die Möbel sind zum Brauchen da und keine Ausstellungsobjekte», meinen die Eltern, die auch eine kleine Tätowierung von Ella auf der edlen Tischplatte gelassen hinnahmen.

Das tiefe Regal im gleichen Raum ist von Hay und bietet Platz für die Tischleuchte La lune sous le chapeau von Man Ray. Leuchten sind Kathrins Leidenschaft, entsprechend viele sind in der ganzen Wohnung zu finden. Sie ist überzeugt, dass mehrere und unterschiedliche Leuchten der Einrichtung und der Lichtstimmung guttun. 

Auf den Regalen wie an den Wänden finden Wechselausstellungen statt. Da mischen sich Spielsachen und quirlige Objekte mit Kunst und Büchern. 

Durch das Entree gelangt man in alle anderen Räume der Wohnung. Es wird zugleich als eine Art Galerie benutzt. Die Bilder wurden aber so gehängt, dass Ella unbeschwert rennen und hüpfen kann. Am Ende des Gangs strahlt einem die kleine, lebendige Küche entgegen. Für den Boden haben sich die Bewohner für einen dunklen Sisalteppich entschieden. darauf leuchtet ein grasgrünes USM-Regal. Im superpraktischen Staumöbel finden alle Schuhe einen sauberen, geruchssicheren Platz. In der oberen Regalreihe befindet sich alles, was ein Familienhaushalt an kleinen Dingen braucht, von der Hausapotheke bis zur Taschenlampe.

Natürlich dient auch diese Möbeloberfläche als Ausstellungsfläche. Momentan zeigen sich unter anderem Schmetterlinge aus einem Lieblingsbuch von Ella, gelbe Craspedia in einer Linck-Schale, geometrische Tabletts von Hay, Parfüms und Kinderbasteleien. 

Die Küche wirkt grosszügig, obwohl der Raum klein ist. Dazu tragen sowohl die praktische Einrichtung wie auch die konsequente Farbgestaltung von weissem Küchenmobiliar und schwarzem Linoleumboden bei. Gekocht wird mit Aussicht aufs Bundeshaus. Auf dem kleinen, runden Holztisch verbreiten Amalfi-Zitronen mediterrane Stimmung. Im Sommer wird auch die Tür zum Balkon geöffnet, was die Wohnung um einen Aussenplatz vergrössert. 

Durch seine Arbeit als Graphic Designer hat Thom Pfister viele Künstler, Grafiker und Fotografen kennen gelernt. In der Zeit bei der Agentur Komet initiierte er die renommierten «Soirée graphique». Diese in ihrer Art einzigartigen Ausstellungen boten Grafikern und Fotografen eine tolle Möglichkeit, ihre Werke vorzustellen. Die Bilder und Fotos wurden zugleich in schön gestalteten Büchern und Katalogen zusammengefasst, welche Thom in limitierten Auflagen verlegte. Die «Soirée graphique» erlangte Kultstatus. Einige der Bilder, die in der Wohnung hängen, sind Kunstwerke von diesen Ausstellungen. So haben sie alle eine wichtige Bedeutung, viel Geschichte und sind meistens Unikate. Das grosse Love-Plakat von Alina Günter ist ein solches Beispiel. Das Foto mit den radelnden Teenies ist von Elaine Constantin und ein Geschenk der Fotografin und von Beda Achermann als Erinnerung an ein gemeinsames Modeshooting für Peek & Cloppenburg. Die Äffchen auf dem Rahmen sind Geschenke von Juli und Paulina.

Auch auf dem Foto des Zürcher Fotografen Valentin Jeck sitzen freundliche Holzfigürchen. Diese hat die Familie auf einer Ferienreise in Griechenland gefunden.

Vom bilderreichen Entree aus sieht man in Ellas Reich. 

Die Holzwände in Ellas Kinderzimmer waren ursprünglich dunkelbraun maseriert. Mit dem Einverständnis der Denkmalpflege durften sie weiss gestrichen werden. Als wichtige Möbelstücke für eine Fünfjährige dienen gerade ein Marktstand, ein Familienstück von Thom, ein praktischer Tisch zum Basteln und Werken, ein Wäscheständer und natürlich das Bett.

Vis-à-vis dem Basteltisch fördert ein tiefes, rotes USM-Regal Ellas Freude an der Ordnung. 

Das Bett ist bezogen mit himmelblauer Bettwäsche aus griechischen Textilien, erstanden auf einer Ferienreise nach Samos. Die liebenswürdige Wolke ist aus Paris. Unter dem Bett hat die Schublade aus dem Wickeltisch eine neue Aufgabe gefunden: Sie wurde mit Rollen zu mobilem Stauraum umfunktioniert.

Im Elternschlafzimmer sorgt ein Cheminée für Stimmung. «Wir machen kein Feuer darin, sondern benützen es als gemütliche Ausstellungsfläche», sagt Kathrin.

Auch als Ausstellungsobjekt dient die schwarze «Hang it all»-Garderobe. «Sie wird nämlich mit allem Möglichen behängt, nur nicht mit Kleidern», meint Kathrin augenzwinkernd.  

Kleider sucht man in diesem künstlerisch anmutenden Raum tatsächlich vergebens, auch dominante Möbelstücke fehlen. Die Hauptrollen spielen Bücher, Bilder und Objekte.

Kleinmöbel, hier ein oranges Metalltischchen von Grcic, dienen als skulpturale Bücherstützen. 

Zurück im Entree, findet man auf dem Foto von Robert Frank aus dem Jahre 1956 eine zweite, kleine Ausstellung vor. Das Schiff hat nämlich Juli im Alter von etwa vier Jahren gebastelt, und das Legozebra ist ein Werk von Ella, das sie zweieinhalbjährig vollbracht hat. Die ausgeschnittenen Bildnisse von Kathrin und Thom hat Paulina mit fünf Jahren kreiert.

Die braun belassene Tür führt in das Arbeitszimmer. Hier wird auch das Geheimnis der fehlenden Kleider gelüftet.

Sämtliche Kleider der Familie befinden sich im bunten Gitterschrank von Matali Crasset. Der Fussboden ist mit himmelblauem Linoleum ausgelegt, «nicht angeklebt». Das Holzregal stammt aus Kathrins Wohnvergangenheit
und begleitet sie schon lange: «Vieles wird bei uns immer wieder neu und anders eingesetzt. Nichts bleibt lange gleich.»

Die Idee, die 1,5-Zimmer-Nachbarswohnung zur 4,5-Zimmer-Hauptwohnung dazuzumieten, kam Kathrin und Thom, als sie bei einem Besuch entdeckten, dass in der Mauer ein Fenster war. Dieses machte einen Durchbruch möglich. Vor dem neuen, erhöhten Durchgang steht eine schlichte Treppe. Alles zusammen wirkt wie eine geheimnisvolle Pforte. Daneben hängt eines der ersten Kunstwerke, das sich Kathrin vor bald von 25 Jahren gekauft hat und das sie immer noch liebt. Es stammt vom Berner Grafiker Marc Brunner.

Auf der anderen Seite des kleinen Durchgangs ist der neue, zweite Teil der Wohnung. Hier haben Juli und Paulina je ein Zimmer. Die Sitzecke mit Sessel, Hocker und kleinem Beistelltisch wirkt wie ein Miniwohnzimmer. Die Küche wurde bewusst zugemacht und mit Wänden geschlossen. Es ist wichtig für die Familie, dass alle zusammen essen und kochen.

Paulinas Zimmer liegt unter dem Giebeldach und heisst deswegen «das Zelt». Wie bei Ella dient eine Stapelliege von Rolf Heide als Bett. Ein alter, grüner Gartentisch gibt ein charmantes Pult ab.

Der schmale Gang, der mit hohen Regalen versehen ist, die wiederum Staufläche für Vasen und Bücher bieten, führt zu Julis Zimmer. Dort schmücken drei rote Corniche-Regale der Brüder Bouroullec die Wand. Die Farbe Sonnengelb, die sich bereits im Entree zeigt, leuchtet hier mit dem Tip-Ton-Stuhl am Pult.

Als Schlussbild unseres Rundgangs durch die freundliche Familienwohnung verabschieden uns, auch wie eine Familie, bunte und fröhliche Holzfiguren von Alexander Girard. Sie stehen unter einem Foto des Schweizer Künstlers Olaf Breuning, dessen Werk und Humor Thom und Kathrin besonders zugetan sind.

Die Websites von Thom Pfister und Kathrin Wiedmer: 

Thom Pfister: thompfister.chbranders.ch
Kathrin Wiedmer: teojakob.ch

8 Kommentare zu ««Wir haben nichts Bequemes»»

  • Sarah Sula sagt:

    Wunderschön und kreativ. Die Wohnung ist sehr einladend und alle Räume sind perfekt eingerichtet. Die Menschen/Familie welche darin lebt sehr natürlich, stylisch – eine wirklich schöne Familie. Als ich den Text gelesen hatte und mir die Fotografien nochmals angeschaut hatte, fühlt ich mich auf eine tolle Art berührt.
    Danke für diese Artikel. Sehr bereichernd und toll. Ihr Artikel müsste eigentlich in einem Milk, Elle Decor oder Apartamento erscheinen.

  • wiedmer kathrin sagt:

    Dankesehr, liebe Zora
    Wir erfreuen uns tagtäglich an unserem Lebensraum.
    Herzliche Grüsse
    Kathrin

  • Frau Stepi sagt:

    Interessantes Sammelsurium in Traumräumen…

  • Alvaro Strudel sagt:

    Sieht schön und anstrengend aus.

  • Maike sagt:

    Bei dieser grossen Bücherwand – wo ist da der kuschelige Sessel um sie zu lesen ?

    • wiedmer kathrin sagt:

      Liebe Maike
      wir setzen uns dazu an den Tisch oder nehmen diese aufs einzig Bequeme;-) : das Sofa.
      Zugegeben, wir hatten bereist verschiedene Sessel im Gespräch, uns aber nie entscheiden können…
      Schöne Grüsse aus Bern, Kathrin

  • frei.m@gmx.net sagt:

    Maddalena

    Sehr persönlich und originell…

  • Zora sagt:

    … einfach nur WOW! Super inspirierend.

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