Die Mad Men des Designs

Männer und Stühle sind ein gutes Paar. Aber leider verhalten sich Designerstühle zu Wohnzimmern oft wie Handtaschen zu Personen: Sie bringen Prestige und vermitteln gesellschaftlich akzeptiertes Stilbewusstsein. Dabei können sie viel mehr. Im Gegensatz zu den Preisschildern am Handgelenk vereinen heutige Stuhlklassiker Bequemlichkeit, Schönheit und industrielle Massenproduktion. Hinter vielen dieser begehrenswerten Objekte stehen Männer.

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Dieses Bild erschien 1961 im «Playboy», im besten Mad-Men-Zeitalter, und zeigt, dass Stühle und Sessel ganz klar zu den männlichen Leidenschaften gehören. Von links nach rechts sind folgende Designer und ihre Werke zu sehen: George Nelson, Edward Wormley, Eero Saarinen, Harry Bertoia, Charles Eames und Jens Risom.
george nelson

George Nelson (1908–1986) hat Architektur studiert und sich danach vor allem als Autor etabliert. Neben vielen Artikeln, mit denen er Architekten und Designer wie Mies van der Rohe, Gropius, Le Corbusier oder Gio Ponti in Amerika bekannt machte, schrieb er zusammen mit Harry Wright das Buch «Tomorrow’s House». In diesem stellt er Ideen wie Familienzimmer und Wohnwände vor. Aufgrund dieses Buches wurde er zum Design Director der amerikanischen Möbelfirma Hermann Miller erwählt. Die Firma, die bis anhin eher konventionelle Möbel produzierte, wurde unter Nelsons Leitung für viele Kultmöbel des 20. Jahrhunderts bekannt. Nelson eröffnete aber auch ein eigenes Designstudio, in dem er begabte Designer anstellte, die unter seinem Namen Produkte entwickelten.

Der Coconut Chair:
Der schnitzförmige Stuhl kam 1955 bei Hermann Miller auf den Markt. Das Design stammt aus George Nelsons Studio vom Designer George Mulhauser. Heute wird der Stuhlklassiker von Vitra produziert: Coconut Chair von Vitra.
edward Wormley
Edward Wormley (1907–1995) war ein amerikanischer Designer, der traditionelles und elegantes Design mit der Moderne verband. Er kam aus eher bescheidenen Verhältnissen. Sein Studium in Chicago musste er aus finanziellen Gründen vorzeitig abbrechen. Zuerst arbeitete er in einer Firma als Interiordesigner, bevor er Anfang der 30er-Jahre bei der Möbelfirma Dunbar als Designer angestellt wurde, wo er sich mit elegant-modernen Stücken einen Namen machte. 1945 eröffnete er sein eigenes Studio, blieb aber als Berater für Dunbar tätig.
eero saarinen

Eero Saarinen (1910–1961) war Architekt und Designer. Er wanderte mit seiner Familie 1923 von Finnland nach Amerika aus. Sein Vater unterrichtete in der Cranbrook Academy of Art, in der auch Eero Saarinen Vorlesungen besuchte. In die gleiche Schule gingen unter anderem auch Ray und Charles Eames und Florence Knoll, mit denen ihn eine enge Freundschaft verband. Nach weiteren Studien in Paris, Yale und Finnland kehrte Saarinen zurück in die Cranbrook Academy, arbeitete für seinen Vater und lehrte. Er arbeitete eng mit der Firma Knoll zusammen. Dort entstanden auch die erfolgreichen Stuhlklassiker Womb und Tulip sowie die gleichnamige Tischserie.

Der Womb Chair:
Der Womb Chair kam 1948 auf den Markt  und wird wie auch die anderen Saarinen-Klassiker heute noch von der Firma Knoll produziert.
harry bertoia

Harry Bertoia (1915–1978) war ein italienisch-amerikanischer Künstler und Designer. Geboren in einem kleinen Dorf nahe von Venedig, besuchte Bertoia mit 15 Jahren seinen Bruder in Detroit und blieb, um Schmuckdesign zu studieren. Er gewann ein Stipendium für die Cranbrook Academy of Art, wo er unter anderem Ray und Charles Eames und Walter Gropius kennen lernte. Nach der Schule eröffnete er ein Atelier, in dem er mit Metall arbeitete und unterrichtete. Weil der Krieg aber Metall zum raren Material machte, kreierte er Schmuck. Harry Bertoia arbeitete bis Ende des Krieges für Charles und Ray Eames. 1950 zog er nach Pennsylvania und begann eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Knoll. Es entstanden berühmte Stücke wie die Drahtkollektion Bertoia. Das Geld, das er damit verdiente, erlaubte ihm, als freier Künstler zu arbeiten. Bertoia schuf viele Metallskulpturen.

Der Diamond Chair:
Der bekannteste Stuhl von Harry Bertoia ist der Diamond Chair von Knoll. Er kam 1955 auf den Markt und wird heute noch produziert.
charles eames

Charles Eames (1907–1978) wollte eigentlich Architekt werden. Er studierte auch einige Semester Architektur, flog aber aus der Schule, nicht zuletzt weil seine Ideen zu modern waren. Der Vater von Eero Saarinen übte einen grossen Einfluss auf Eames aus. Er zog denn auch nach Michigan, wo er weiter Architektur studierte, Leiter der Industrial-Design-Abteilung wurde und zusammen mit seinem Freund Eero Saarinen Möbel kreierte. 1941 trennte sich Eames von seiner ersten Frau, heiratete seine Studienkollegin Ray Kaiser und zog zu ihr nach Los Angeles. Von da an arbeiteten die beiden bis zu Charles‘ Tod als Team zusammen. In den späten 40er-Jahren entwarfen und bauten sie als Fallstudie das Eames Haus, in dem sie dann auch wohnten.

Der Eames Chair:
Die Möbel von Charles und Ray Eames wurden für Hermann Miller entworfen und werden heute von Vitra produziert. Bezugsquelle: Eames Chair von Vitra.
jens risom
Jens Risom (geb. 1916) ist ein dänisch-amerikanischer Designer. Er studierte in Kopenhagen Möbeldesign. Einer seiner Klassenkameraden war Hans Wegner. Jens Risom zog nach Stockholm und arbeitete in einem Architekturbüro. 1939 reiste er nach Amerika. Er fand keine Arbeit als Möbeldesigner und verdiente sein Geld mit Textildesign. 1941 entwickelte er für Knoll einige Designklassiker. Dann wurde er eingezogen und musste in den Krieg. Nach dem Krieg gründete er die Firma Jens Risom Design. In den späten 50er-Jahren begann er, Büromöbel und Ausstattungen zu produzieren. 1970 verkaufte er seine Firma an Dictaphone.

18 Kommentare zu «Die Mad Men des Designs»

  • Walli sagt:

    Die Designerstühle von Eames sind ja auch bestens für Büros und Wartezimmer geeignet. Das Zeitlose Design passt einfach imer in ein schönes Büro. Viele Kunden werden sich daran erinnern und man hat auch oft ein passendes Gesprächsthema mit schwierigen Kunden.

  • Stefan sagt:

    Ich liebe die Designs von Eames!

  • Werner sagt:

    Richtig schöne Möbelstücke, die es da zu sehen gibt. Ich designe und baue selbst Möbel, mit Hilfe meiner Hammer-Kombi, und es ist toll immer wieder neue (alte!) Inspiration zu finden!
    Ich finde, dass es bei diesem Artikel weniger um den Preis der Stücke geht, als um den Design. Die Idee kann sich doch jeder abkopieren, und wenn nicht selber fähig, einem Tischler in Auftrag geben. Qualität muss nicht immer Unmengen an Geld kosten.

  • Leon sagt:

    Schöne Stühle und vor allem schönes Marketing. Diese Möbel sind doch wenn es hoch kommt 1/4 des Verkaufspreises wert. Aber gut das Vitra nun auch noch so eine Serie wie ‚Mad Men‘ als Werbeträger von Retromöbeln / Style ausbeuten kann.
    Traurige Welt.

  • Jan Nagel sagt:

    Genialer Artikel! Das ist sehr selten, dass man in einem Designartikel mehr über die Persönlichkeit des Designers erfährt. Zu den Budget-Fragen: Mittlerweile gibt es doch fast überall preiswerte „Nachbauten“ der Originale, wo der Materialwert wahrscheinlich noch geringer ist, der Verkaufspreis aber auch.

  • RaGl sagt:

    Der Steba Alustuhl fehlt….. =)

  • Daniel sagt:

    Schöne Stuhl-Modelle, gefallen mir sehr! Die Preisklasse wäre aber auch noch interessant zu erfahren!

  • kathy sagt:

    300 CHF für so einen hässlichen Stuhl? Bewahre…

  • Jan Meyer sagt:

    “ der Name von Eero Saarinen’s Vater erwähnt werden “

  • Jan Meyer sagt:

    Vielleicht sollte in diesem Artikel noch der Name von Eero Saarinen erwähnt werden. Eliel Saarinen war der Jugendstil-Architekt von Helsinki und hat einige beachtenswerte Bauten, unter anderem der Hauptbahnhof von Helsinki, erschaffen

  • Karlino sagt:

    „Hinter vielen dieser begehrenswerten Objekte stehen Männer.“ Ist das bei anderen Möbelgattungen anders? Ein Artikel über Möbeldesignerinnen wäre da sicher mal sehr spannend.

  • claudia sagt:

    ja der beitrag ist echt super. selbstverständlich kann man sich als normalbürger eames stühle leisten, die günstigste version kostet um die 250.– bis 300.– franken…
    ich habe sogar original eames stühle von früher, die ich im second hand für 150.– pro stuhl erworben habe (allerdings vor 15 Jahren). für den coconut chair muss man etwas länger sparen – dafür hat man die klassiker jahrzehntelang.
    und bei unseren nachbarn über der grenze gibt es sie sonst auch etwas günstiger…!

  • diva sagt:

    mit dem beitrag haben sie sich selber übertroffen. auch wenn es sich um objekte handelt, die sich der normalbürger gar nicht leisten kann, so ist es dennoch interessant, etwas über die menschen zu erfahren, die sie entworfen haben (wenn man es nicht schon aus anderen quellen wusste)…

    • Jan Meyer sagt:

      Ich weiss nicht warum sich diese hartnäckige Gerücht immer noch hält, dass Design teuer sei. Einen Eames-Stuhl gibt es zum Beispiel schon ab CHF 285.00.

      • Benedict Giger sagt:

        ???… eine Frage des Einkommens…
        Ratzinger ist wohl doch nicht der einzige Weltfremde….

      • Michi sagt:

        Und der Materialwert ist etwa bei? 15.- ?

      • Jan Meyer sagt:

        Natürlich kann sich jeder einen günstigen ’nicht-design‘ Stuhl oder Sessel bei einem der grossen Möbelhäuser kaufen. Und das tut dann auch nicht im Portemonnaie weh, wenn dieser nach 3 Jahren im Keller, Estrich, auf der Strasse oder im Sperrgut landet. Ich finde es sinnvoller ein bisschen zu sparen, sich was schönes in guter Qualität zu leisten, an dem man auch in 10 Jahren noch Freude hat. Im Vergleich zu günstigen Produkten, welche grösstenteils in Asien produziert werden, finde ich es sinnvoller Qualität aus der Schweiz oder Europa zu kaufen. Mag sein, dass der effektive Materialpreis beim jedem Möbel nicht besonders gross ist, wichtig ist aber von wo das Rohmaterial kommt und der faire Lohn des Schreiners oder Polsterers, sowie die saubere und qualitative Verarbeitung. Viele Leute sind nicht gar nicht bewusst wie viel Arbeit in einem Möbel steckt und meinen den Preis für einen Stuhl zu kennen. Haben Sie sich schon mal überlegt, wie viel ein Stuhl kosten würde, wenn Sie diesen selber bauen würden, mit Ihrem schweizer Stundenlohn?

      • Petermann sagt:

        Was ist am Kommentar von Herrn Giger weltgremd?? Ist doch ein guter Hinweis!

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