«Es war einmal…» wird zum Trend

Die Zukunft ist derzeit schwer zu fassen – kein Wunder, geht es beim momentan wichtigsten Wohntrend um die Nostalgie.

Wir leben in einer Welt, die sich gerade jeden Moment überraschend verändern kann. Unsicherheit und Sorgen bestimmen die Gegenwart. So sehnt man sich nach neuem Glück und entdeckt dabei die Schönheit und auch die Wehmut der Nostalgie. Immer stärker prägt sie unsere Beziehung zum Wohnen und ist überall zu entdecken. Nicht nur Wohnungen, sondern auch ganze Kollektionen, neue Boutiquen, Hotels und Restaurants spielen mit der Nostalgie. Auch in der Grafik, bei Illustrationen und natürlich in der Mode wendet man sich vermehrt ab vom Kalten, Digitalen und Minimalistischen und spielt mit Formen, Techniken und Stilen, die mit Erinnerungen kokettieren. Schöne Beispiele dafür sind etwa die Modekollektionen von Simone Rocha und Molly Goddard oder die Illustrationen von Marin Montagut und Fee Greening.

Und immer grüsst das Küchenbuffet

Das beliebteste aller Nostalgie-Möbel, das Küchenbüffet, drängt sich gerade in die modernen Einbauküchen. Und wenn es dort keinen Platz findet, rückt es ins Esszimmer. Hauptsache, man hat ein solches Prachtstück, auf dem Teetassen – wie die aus dem Buckingham Palace oder aus Miss Marples Geschirrschrank – an Haken baumeln können. Oder auf die man dicke, verschnörkelte Weingläser in Farben wie Rosa, Honig, Mint oder Lila stellen kann, zusammen mit Zuckerdosen, Emailgeschirr und Gedichtbänden. So werden diese alten, schweren Möbel zuweilen kleine Familienmuseen. (Bild über: Rock My Style

Hallo Oma, wir sind wieder da!

Lampen bekommen wieder Schirme und diese sind gar mit Fransen und Zotteln geschmückt. Was einst als Omaschreck verpönt wurde und Designerleuchten Platz machen musste, ziert nun nicht nur Wohnzimmer, sondern auch Restaurants, Clubs und Hotels. Doch nicht nur das: Auch Pflanzen- und Zeitungsständer, Plüschsofas oder Teller an der Wand gehören wieder zum guten Ton. Kein Wunder, sie strahlen nämlich viel Wärme aus, bringen Humor und Entspanntheit in unsere vier Wände und verstehen sich durchaus mit aktuellem Design und dem modernen Leben. Das Bild zeigt übrigens die Lounge vom Hotel Casa Telmo auf Menorca

Die Galerie heisst Flohmarkt 

Die Kunstwelt ist so elitär geworden, dass sie manchmal einfach zu anstrengend ist. So tauscht man ganz gerne die coole Galerie mit Vintagegeschäften oder dem Flohmarkt aus. Denn dort findet man Bilder in hübschen Rahmen aus Zeiten, in denen fast alle gemalt haben. Mit der Staffelei in die Natur hinauszuziehen, ein Porträt mit Glasmalerei zu kreieren oder Alltagsgegenstände als Stilleben zu malen, gehörte früher genau so zum Alltag wie heute Instagram. (Bild: MKN)

Kitsch wird Kunst

Es ist ganz egal, ob die Kunst nun Kitsch oder Können ist. Wenns gefällt, passt und für gute Stimmung sorgt, dann hängt man ganz unbeschwert wieder bunte Bilder mit Blumen, Landschaften, Schiffen, Städten oder Porträts an die Wände. Diese sind auch wieder farbiger oder gar mit Tapeten ausgekleidet. Wenn schon, denn schon! (Bild über: Keltainen talo rannalla

Es darf gelebt werden

Neu, proper und perfekt wirkt häufig kühl. So erfreuen sich sogenannte «Faded Looks» heute grosser Beliebtheit. Dazu gehören Stoffe, die wirken, wie wenn sie schon zigmal gewaschen oder von der Sonne ausgebleicht wurden. Auch Möbel und Tapeten zeigen heute Leben – dank Texturen, Antik-Finishings oder verblassten Farben. Antike Sessel oder Stühle stehen auch schon mal unrenoviert im Haus, und Teppiche dürfen ruhig ein bisschen abgetreten oder ausgebleicht die Böden kleiden. Wie bei allen Trends geht es auch bei der verblichenen Schönheit nicht darum, einen Totallook zu inszenieren. Gelebte Stücke und Details tun dem Zuhause gut, denn sie laden dazu ein, richtig zu leben und nicht bloss zu dekorieren. (Bild über: The Fuller View)

Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Wie überaus charmant es ist, mit Geschichte und Geschichten zu wohnen, haben die Stilmacher der Zeit natürlich schon lange entdeckt. Einer, der dabei eine prägende Rolle spielt, ist der amerikanische Künstler und Boutiquebesitzer John Derian. Er kreiert und produziert seit 1989 Objekte mit der Decoupage-Technik. Dafür nutzt er antike Drucke aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Seine kunstvollen Gläser, Schalen, Teller und andere Objekte sind weltberühmt geworden und werden in exklusiven Geschäften und Onlineshops auf der ganzen Welt verkauft. In Zürich findet man sie zum Beispiel bei Limited Stock. Derian besitzt auch drei Geschäfte in New York, wo er nicht nur seine Kunsthandwerke verkauft, sondern auch Keramik, Wäsche, Wohnaccessoires oder Papeterie. Sein inspirierendes Zuhause taucht überall auf, nicht nur auf seinem Instagram Account wie im Bild oben, sondern auch in den exklusivsten Zeitschriften und Magazinen wie der Vogue oder der New York Times

Märchen aus Keramik

Bei den meisten Kreativschaffenden sind Kooperationen interessant und wichtig. So arbeitet die renommierte Pariser Keramikfirma Astier de Villatte mit John Derian zusammen und dieser wiederum bietet die verträumten fantastischen Keramikobjekte auch bei sich im Geschäft an. Benoît Astier de Villatte hat seine Firma 1996 mit Ivo Pericoli gegründet und kreiert mit einem Team von Töpfern jedes einzelne Stück von Hand. Die Schalen, Amphoren, Vasen, das Geschirr, die Figuren oder Kerzenständer sind inspiriert von Formen und Objekten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Läden von Astier de Villatte findet man in Paris, die Objekte werden weltweit in ausgewählten Geschäften verkauft. In Zürich findet man sie zum Beispiel bei Limited Stock. (Bild: MKN)

Farben mit Geschichten

Geschichte kann man auch mit Farbe erzählen. Das macht das englische Atelier Ellis auf faszinierende Art. So sollen die Farben der neuen Kollektion an den Optimismus der Jugend und an positive Erinnerungen vergangener glücklicher Tage denken lassen. Nostalgie von der schönsten Seite. Die Farbe im Bild oben heisst Rubus, also Brombeere, und soll die Neugierde auf die kleinen Wunder des Alltags in sich tragen. 

Ein Leben wie im Roman

Die Nostalgie steckt natürlich nicht nur in den Produkten oder im Stil, sondern ganz allgemein im modernen Leben. Dieses setzt die Schweizerin Selina Göldi auf inspirierende Art um. Sie lebt einen Teil des Jahres in Frankreich, in einem schönen alten Haus in einem kleinen Dorf. Das Leben dort beschreibt sie wunderschön mit Bildern und Worten auf ihrem Instagram-Account Les Poisson Chats sowie auf ihrem gleichnamigen Blog. Im Zentrum steht ihre Liebe zum Kochen und Geniessen. Wer so richtig eintauchen möchte in dieses Leben, das wie ein Roman erscheint, der kann ihre Workshops besuchen und dabei besser kochen lernen. 

So schön ist Schönheit

Der Trend zur Nostalgie macht sich auch im Beautybereich bemerkbar. Auch wenn dauernd neue Hightechprodukte propagiert werden, die jünger, schöner und perfekter machen sollten, zieht es viele in wunderschöne altmodische Schönheitsparadiese wie das Officine Universelle Buly. Das Geschäft steht immer noch an der Rue St. Honoré. Dort, wo es 1803 vom bekannten Parfümeur Jean-Vincent Bully gegründet wurde. Nun ist Buly in der ganzen Welt und zeigt sich überall im eleganten antiken Look. Auch das Stöbern im Onlineshop ist eine wahre Freude und eine Reise in andere Zeiten. Auch wenn in den Produkten alte Weisheiten und Traditionen stecken, werden sie modern und zeitgemäss nach höchstem Standard hergestellt. Der Look aber entführt uns in eine andere Zeit. Das Bild zeigt die Gesichtscrème Pommade Virginal

Das alte Handwerk und die Mode

Eine andere alte Handwerkskunst pflegt das kleine Kunsthandwerker- und Designteam Antoinette Poisson in Paris. Sie stellen «Papiers dominotés» her – eine alte Form von Tapeten. Die Tapeten werden nicht als Rollen, sondern als einzelne Blätter gedruckt. So wirkt das Kleben wie eine Art Dominospiel – daher auch der Name. Die Papiere wurden früher vor allem als Futter für Koffer gebraucht und um das Innere von Möbeln auszukleiden. Die frische Art, wie das junge Designteam mit der alten Technik umgeht, hat Modestars wie Gucci Designer Alessandro Michele zu spannenden Kooperationen inspiriert. So sieht man Kleider und Foulards mit Stoffen von Antoinette Poisson auf dem Laufsteg von Gucci. Ihre Produkte, zu denen nun auch Kissen, Stoffe und allerlei Wohnaccessoires gehören, kann man auch im renommierten Kaufhaus Le Bon Marché erstehen und natürlich im eigenen Showroom und Webshop. In der Schweiz bekommen Sie einige Artikel aus der Kollektion Antoinette Poisson zum Beispiel in der Trouvaille in Widnau.  

Die neuste Trendboutique in Paris bringt Poesie

Vielleicht ist es Ihnen während der Coronazeit gleich ergangen wie mir: Ich habe mir häufig das Leben von anderen auf Instagram angeschaut. Ich folge gerne kreativen Menschen, deren Werk mich begeistert. Dazu gehört auch der Illustrator und Designer Marin Montagut. Er hat so ziemlich zeitgleich mit den Lockerungen der Corona-Massnahmen eine eigene Boutique im Pariser Viertel St. Germain eröffnet. Da ich seither noch nicht auf Reisen gegangen bin, habe ich sie leider noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Aber sie scheint ganz zauberhaft zu sein. Und sie hat genau dieses moderne nostalgische Flair, das begeistert. Marin Montagut schafft es, Staubwedel, Milchkannen, Foulards, Duftkerzen, Antikes und Kokettes mit so viel Eleganz zusammenzubringen, dass es der Haute Couture echte Konkurrenz macht. 

Gucci’s Salon

Und wer hat es erfunden? Wenn einer diese Frage stellen könnte, wäre es wohl am ehesten Gucci Designer Alessandro Michele. Erfinden kann man Trends ja nie, aber man kann sie rechtzeitig erkennen. Und das hat der Modemacher mit dem Nostalgietrend fulminant getan. So hat er auch eine Interiorkollektion in die Welt gerufen, welche den Omacharme auf quirlig charmante Art mit Coolness verbindet. (Bild: MKN)

 

Tauchen Sie auch in folgende «Sweet Home»-Geschichten zum Thema: 

Nostalgie tut gut

Cottagecore – die Sehnsucht nach Idylle

 

Credits: 

Shops und Kollektionen: Antoinette Poisson, Astier de Villatte, John Derian, Atelier Ellis, Marin Montagut, Officine Universelle Buly
Instagram: Les Poisson Chats 
Blogs und Magazine: Rock My Style, Keltainen talo rannalla, The Fuller View, Les Poisson Chats

6 Kommentare zu ««Es war einmal…» wird zum Trend»

  • Axel Ferchland sagt:

    Ein schöner Artikel, danke. Da liege ich also voll im Trend. Ich habe sogar viele alte Dinge vom Sperrmüll gerettet und den Dingen ein neues Leben eingehaucht. Ist nicht immer ganz einfach, macht aber total Spaß. Und es sind nun alles Dinge, die jedes für sich ein Unikat sind. Ich wurde teilweise von Freunden belächelt, aber erstens finde ich, dass vieles, was gedankenlos weggeworfen wird, viel zu schade zum Schreddern ist (Nachhaltigkeit!) und zweitens fühle ich mich in solch einer Atmoshäre wohler, als in minimalistischen Wohnungen, die oft eher unpersönlichen Hotelzimmern ähneln. Zu wissen, wie diese Möbel vorher ausssahen und wie sie nun da stehen und wieder genutzt werden, ist ein schönes Gefühl. Und man hat auch mal was Schönes zum Verschenken, wenn der Platz nicht mehr ausreicht.

  • Christa sagt:

    Dieser Beitrag macht mich richtig glücklich.

  • Tath Ray Ashcraft sagt:

    Everything old is new again… the patina of history, creating a more gracious today… better for a little context and a touch of nostalgia. Very correct I think. In such times, people will definitely be looking for more ways to add richness and a touch of „old world“ charm to their living. Beautifully written, gorgeous photography… thank you for the wonderful article!!!

  • Karin Stepi sagt:

    Herrlich Ideen. Vielen Dank!
    Ein Tipp: wer zu wenig Geld hat um sich die wunderschönen, edlen, weissen Keramiken im Original zu kaufen, gehe in ein Broki, hole sich dort Glas und Keramikobjekte nach Wunsch und lackiere sie weiss mit Sprayfarbe.

  • Selina Göldi sagt:

    Wunderschöne Inspirationen, Marianne! Herzliche Grüsse aus Frankreich

  • ri kauf sagt:

    Wieder so schöne Ideen! Daaaaanke, Frau Kohler-Nizamuddin !
    !

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