Glamour gegen Langeweile

Wieso brav wohnen, wenn es auch viel glanzvoller geht?

Hierzulande fehlt es beim Einrichten meist an Mut. Oft stehen da einfach Möbel in den Wohnungen, und wenn man sich für eine Art Stil entscheidet, dann sind es die allerlangweiligsten, wie etwa der Scandilook aus dem Katalog oder irgendetwas, was den Begriff Nordic beinhaltet. Kommt es hoch, findet in einer Wohnung schnell mal eine Ausstellung edler Designklassiker statt. Dabei könnte man die Welt in seinen vier Wänden kreativ, persönlich und einzigartig gestalten.

Eine gute Idee ist da mehr Glamour. Glamour ist Eleganz, die nicht dezent ist, sondern extravagant, manchmal schillernd, ein bisschen dramatisch und nie langweilig.

Auf wunderschöne Art hat die englische Modedesignerin Bella Freud diese Wohnung eingerichtet, die auf dem wohl schicksten Immobilienportal The Modern House zum Verkauf angepriesen wird. Sie zeigt einen Mix aus Art déco, Fifties- und Seventies-Retro und dem unverkennbaren, intellektuellen Modestil der Designerin, die übrigens eine interessante Familiengeschichte hat: Sie ist die Urenkeltochter von Sigmund Freud und die Tochter des Künstlers Lucian Freud. Ihre Schwester Esther ist Schriftstellerin, und eines ihrer Bücher, «Hideous Kinky», wurde wunderschön mit Kate Winslet verfilmt. Es beschreibt eine Zeit der Kindheit der beiden Schwestern, als sie mit der Mutter in Marokko lebten. 

Doch zurück in die glamouröse Wohnung: Sehr wichtig sind in diesem Interieur die Farben und die Materialien – sie sind gewagt und harmonieren doch.

Einrichtungstipps aus diesem Beispiel, die Sie auf einfache Art auch in einer Mietwohnung umsetzen können: 

  • Wählen Sie Farben auf grossen Flächen, wie einen grossen farbigen Teppich.
  • Streichen Sie auch mal bloss einige Wandelemente wie Säulen und Nischen farbig.
  • Entscheiden Sie sich für farbige Polster.
  • Bringen Sie Glanz rein mit Hochglanzlack und Metallelemente.
  • Wagen Sie es auch mal, eine Wand mit Stoff oder Bast einzukleiden.

Gehen Sie ruhig «over the top»

Klar, die meisten Beispiele sind aus tollen, eleganten Wohnungen und Villen. Aber wie immer bei Inspirationen ist es wichtig, sich nach einem Traum zu richten, nur dann bekommt man Anregungen für etwas Neues. Denken Sie nie «eins zu eins», sonst entsteht eben der gleiche langweilige Einrichtungsstil, den Ihre Freunde und Nachbarn so gerne auf Instagram zeigen. Gerade Instagram bewirkt, dass alle immer das Gleiche möchten. Deshalb sind auch meist Menschen, die einen durchschnittlichen Geschmack verkörpern, so erfolgreich auf diesem Social-Media-Kanal.

Es lohnt sich, wieder mal in wirklich guten Zeitschriften zu blättern statt nur auf dem iPhone zu surfen. Ziehen Sie den Besuch von Galerien, Antiquitätengeschäften und Flohmärkten dem Samstagsausflug in die Suburbs zu den grossen Möbelhäusern vor.

Was auf diesem extravaganten Beispiel von Domino zuerst beeindruckt, ist die Tapete an der Decke! Die Decken bleiben meistens weiss.  Trotz der vielen Farben an den Wänden habe auch ich meine Decken weiss gelassen. Nicht zuletzt, weil wir keine hohen Räume haben. Aber als ich einmal in der Wohnung von Trix und Robert Hausmann war, haben mich die Totalanstriche beeindruckt. Sehen Sie selbst!

Doch zurück zur dunklen Blümchentapete an der Decke. Sie ist auf jeden Fall eine Überlegung wert. Vielleicht in einem kleinen Raum, im Schlafzimmer oder in einem Kinderzimmer?

Andere tolle Ideen aus diesem prächtigen Beispiel, die man auch einfacher umsetzen kann: 

  • Dem Bücherregal ein dunkles Innenleben geben
  • Farbige Polstermöbel wählen anstelle der ewig grauen, beigen und weissen Klassiker
  • Stehleuchten als Paar einsetzen 

Schaffen Sie eine dunkle Bühne

Dunkle Hintergründe bringen das, was davor steht, stark zur Geltung. Das funktioniert immer. Klar braucht es dafür Möbel, die durch Farbe und Form schon ein gewisses Statement sind. Auf diesem Beispiel vom Blog meines Lieblings-Onlineshops Rockett St.George ist es ein «Knole»-Sofa, das mit pinkfarbenem Samt bezogen ist. Der Name des Sofas kommt vom grossen englischen Herrschaftssitz Knole, wo die Schriftstellerin und Gärtnerin Vita Sackvoll West aufgewachsen ist. Es war nicht als bequemes Sofa gedacht, sondern als Thron, auf dem der König, wenn er auf Besuch war, Platz nehmen konnte. 

Natürlich findet man solche Sofas bei uns mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht. Aber eben: träumen gehört zu einem kreativen, inspirierten Leben, und man kann ja auch andere grossartige Sofas mit pinkfarbenem Samt beziehen lassen und die Wände schwarz streichen.

Und da sind da noch die Bücher rund um Knole,  in die es sich zu tauchen lohnt: 

«The Edwardians», von Vita Sackville West und «Orlando» von Virginia Woolf – die Tage werden ja schon langsam etwas kühler und kürzer!

Wie wärs mit ein wenig Surrealismus?

Die gleiche Idee ist hier kleiner und koketter umgesetzt. Ein Sessel mit einem prachtvollen Shocking-Pink-Kleid, eine goldene Bar und ein Augenzwinkern in Kissenform. (Bild über: Boca do lobo)

Die Farbe Shocking Pink brachte übrigens die Modedesignerin Elsa Schiaparelli vor 100 Jahren in Mode – etwa zur gleichen Zeit, als Coco Chanel die schlichten schwarzweissen Tailleurs entwarf. Schiaparelli war ganz anders als Coco Chanel. Sie kam aus einer wohlhabenden Familie, heiratete einen Grafen, der sie für Isadora Duncan verliess, freundete sich mit Künstlern an und brachte Dadaismus und Surrealismus in die Mode. Sie kreierte unter anderem Pullover mit eingestrickten Schleifen, Kleider mit aufgemaltem Hummer oder Handtaschen in Form eines Telefons. Ihre Freundin Anita Loos, die übrigens die erste bedeutende Frau war, die in Hollywood als Drehbuchautorin arbeitete und die «Gentlemen Prefer Blondes» geschrieben hat, brachte Schiaparelli glamouröse Kundinnen wie Joan Crawford und Greta Garbo. 

Es ist ein Genuss, auf einem solch glamourösen Sessel in die Geschichten dieser spannenden Frauen zu tauchen: «Shocking Life», die Biografie von Elsa Schiaparelli, und «Anita Loos Resicovered».

Shoppingtipp: 
Das hübsche Kissen in Augenform gibt es bei Rockett St. George. 

Kreieren Sie exzentrische Tischrunden

Wenn Sie sich bei diesem Beispiel vom Blog Desire to inspire die Umgebung wegdenken, dann bleibt immer noch eine wirklich tolle Tischrunde. Und zwar eine, die überall inszeniert werden kann und für die es nicht mal ein grosses Budget braucht. Besuche auf dem Flohmarkt und Farbe genügen hier vollkommen. 

Leben Sie wie ein Filmstar

Auch hier denken Sie sich am besten den superhohen weissen eleganten Raum weg. Mit einem übergrossen Spiegel, Federn an der Leuchte und wenigen kitschigen Retroaccessoires, hier ist es ein Flamingo, schaffen Sie auch aus einem ganz normalen Zimmer ein Refugium, in dem Sie sich wie ein Filmstar fühlen. (Bild und Federlampe: A modern grand tour)

Glamour muss nicht teuer sein

Heute sind die Stars auch Models. Dazu gehört Poppy Delevingne, die ältere Schwester von Cara.  Momentan  steht sie mit ihrer Wohnung und ihrem Stil hinter der neuen H+M Home Kollektion, die seit letzter Woche in den Shops ist. 

Wer also auf die Schnelle und mit kleinem Budget etwas Glamour in der Wohnung braucht, schafft das auch von der Stange. Die Moderiesen wie H+M oder Zara haben geschafft, was viele Detailhändler in diesem Bereich verpasst haben. Sie bieten schnelle, charmante Kollektionen, in denen man immer wieder Dinge entdeckt, die wirklich Freude machen. Sie haben Filialen in der Innenstadt, wirklich gute Onlineshops und kreieren eigene Kollektionen. Ich bin nicht für den schnellen, billigen Massenkonsum, aber ich finde, dass kleine Dinge wie Kissen, Bilderrahmen, Vasen, aber auch Bettwäsche und anderes durchaus hübsch und chic aus der Massenproduktion sein können und manchmal genau dieses kleine Etwas ausmachen, mit dem man gerne das Zuhause ein wenig aufpeppt. (Bild und Wohnaccessoires: H+M Home)

Lassen Sie sich von Cafés und Clubs inspirieren

Eine grosse Inspirationsquelle für glamouröse Einrichtungen sind Cafés, Bars, Restaurants und Clubs. An diesen Orten wird viel mehr Trara um das Interior gemacht. Das bedeutet ja nicht, dass Sie gleich alles so umsetzen müssen. Aber Details, einzelne Idee, eine gewisse Anmutung. Hier ist es zum Beispiel ein riesengrosses Bild aus Kunstblumen. Wer weiss, vielleicht wird Ihnen im Herbst langweilig und Sie können sogar selber so etwas basteln. Ganz nach dem Motto «Go wild for a while». (Bild über: Pinterest

Viel Glamour in Zürich 

Um so richtig in ein glamouröses Interieur zu tauchen, müssen Sie nicht mal weit reisen. Ein Besuch im Restaurant Razzia, das von der talentierten Interiordesignerin Claudia Silberschmied, der Frau hinter Atelier Zürich, eingerichtet wurde, lohnt sich. Gleich vis-à-vis vom Restaurant hat Claudia ihre Interior-Boutique Frohsinn, die genau dem glamourösen Stil dieser Geschichte entspricht. Von Kissen über Leuchten bis zum Porzellan-Leoparden findet man dort tolle Stücke mit viel Stil, die bestimmt jede Langeweile aus der Wohnung vertreiben. 

Credits: 

Shops und Kollektionen: H+M Home, Interior-Boutique Frohsinn, A modern grand tour, Rockett St. George, Boca do lobo
Immobilienagenturen:  The Modern House, 
Interiordesign: Atelier Zürich, Bella Freud,
Blogs und Magazine: Desire to inspire, Domino 

17 Kommentare zu «Glamour gegen Langeweile»

  • Martin sagt:

    Sieht ja alles sehr chic aus, doch nicht jeder hat 3,3 m hohe Räume. Vielleicht das Ganze mal auf „Durchschnittsniveau“ runterbrechen? Ich kann Ihnen nur so viel sagen: In Basel und Zürich bekommt man für viel Geld nur sehr wenig Wohnung.

  • Maru sagt:

    Einfach wunder- wunderschön diese Bilder. Danke! Der Tenor hier wundert mich allerdings wenig. Wir sind in der Schweiz, dem Land der Nüchternen und Sterilen, ganz gewiss aber all der vielen Fantasielosen, die nicht anders können, als ihre ebensolchen Nachbarn, Kegelbrüder, Fussballkumpels etc. nachzuäffen. Alles was Stil und Grazie hat, ist hier verpönt, denn man müsste es ja pflegen und – man wagt das Unwort kaum auszusprechen – ABSTAUBEN!! Ausser dem obligaten grauen oder schwarzen (weil nicht heiklen) Ecksofa, einer überdimensionalen Glotze und höchstens noch einem kistenförmigen Sideboard, ist hierzulande und ganz besonders in der Deutschschweiz nichts weiter zu erspähen, ausser natürlich – um das Ganze passend abzurunden – eine Reihe plumper Treter im Flur.

  • Klaus Leuschel sagt:

    Handelt es sich auf der I. Abbildung um die Polsterkollektion „Saratoga“ von Leila + Massimo Vignelli (Poltronova/Italien)? Nur schon die dürfte in der Schweiz in den 70’ern keine 10x verkauft worden sein, weil zu ungewöhnlich, exotisch. Hätte mir mehr auf dieser Spur gewünscht, was nicht heißen muß, nur italienisches Design, sondern – weil angesprochen – surrealistisches (z.B. Tisch von Meret Oppenheim) usw. bis zu dem, was in der Musik „New Wave“ hieß (gab es eben auch im Design).

  • Maike sagt:

    Schöne Bilder, aber ich mag dunklen Wohnungen nicht so sehr. Ich steh eher auf helle lichtdurchflutete Wohnungen im klaren skandinavischen Stil. Aber meine Wohnung muss ja auch nur mir und meinem Mann gefallen.

  • Daniel Wigger sagt:

    Thomas Mann schrieb sinngemäss: Ich bin mir in meinem Innern Abenteuer genug, da brauche ich keine Abenteuer ausserhalb.
    Aber trotzdem schön, mal solche Orte in einem Restaurant oder einem Shop zu sehen. Zuhause soll es aber schön nüchtern sein, dann können die Fantasie und die Gedanken spriessen.

  • Suko sagt:

    Das ist alles überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Aber ich finde den Beitrag trotzdem toll. Was mir an diesem Blog gefällt, ist seine Vielseitigkeit – hier erhalte ich einen breit gefächerten Eindruck von verschiedenen Wohnstilen. Manchmal gefällt’s, manchmal bin ich begeistert, ab und zu kann ich nur den Kopf schütteln, aber so soll es sein. Alles andere wäre irgendwann langweilig.

  • rene sagt:

    einfach nur genial! so sollten eltern ihre 4 wände, bzw. ein vielfaches davon, einrichten. spannend und anregend für alle mitbewohner. und so kommen dann auch kollegen/innen des eigenen nachwuchses gerne zu besuch und es finden neue formen des zusammenseins statt. bei mir nicht ganz so glamourös, aber für jugendliche und junggebliebene eingerichtet. ‚leider‘ gehört heute auch ein fumoir dazu. es freut sehr, wenn haus und garten von unserem nachwuchs auch zu ausgangszeiten gelebt und belegt wird.

  • Gabriella sagt:

    Ich habe meine kleine Wohnung für meinen Geschmack glamourös eingerichtet.
    Meine Besucher, meistens Nordeuropäer, schmunzeln bei der Besichtigung und tun das als eine Marotte von mir ab.
    Ich fühle mich aber wohl in meinem „glamourösen“ Habitat und es ist mir eigentlich egal, was andere denken. Glamour ist wie optisches Champagner trinken.
    Das Leben ist doch schon grau genug, in meiner Wohnung muss ich es nicht haben.

    • Lichtblau sagt:

      Schön beschrieben, Gabriella. Als wir damals aus unserer klassischen Altbauwohnung im Zürcher Seefeld in einen Neubau nach Höngg umziehen mussten — es hiess, die Wohnung oder der Dackelwelpe — hat vor allem meine Mutter gelitten. Trotzdem hat sie einen gewissen „Glamour“ in die eher sterilen Räume rüberretten können, der oft bewundert wurde. Der ist uns Kindern bis heute ein Vorbild — natürlich in unserer Interpretation und mit der einen oder anderen „Bohemia-Ecke“.

  • ri kauf sagt:

    Hmmmm…..ich weiss nicht so recht. Das ist jetzt etwas übers Ziel hinausgeschossen mit dieser Glamour…..Spättestens nach ein paar Wochen, müsste ich alles wieder ändern……..

  • Eric sagt:

    Danke Marianne, super Artikel. Was Du aber vergisst, wir sind Schweizer!
    Wir schaffen dies nicht, siehe Interio, Pfister etc. Wir haben Angst aus der Norm zu fallen.
    Auf jeden Fall eine wunderbare Inspiration für uns! Wir streichen wieder einmal unser Haus und beziehen die Möbel neu.

    • Bufi sagt:

      Zum Glück sind wir dank tollen Onlineshops nicht mehr auf Interio & Co. angewiesen!

    • lukas sagt:

      …und zum glück müssen wir diesen seltsamen vorurteilen auch nicht folgen!

      • Eberle sagt:

        @Eric – ja, da hast Du leider recht. Ich habe ein paar Jahre für ein Möbelhaus mit 30 Filialen den Einkauf gemacht. Die ausgefalleneren Stücke wurden meist nie verkauft und mussten nach der Saison entsorgt/ins Ausland gebracht werden.
        Ich bin Schweizerin aber ich habe mein Haus sehr umschweizerisch gestaltet mit tollen Wandfarben, speziellen Tapeten, Marmorfliesen in Fischgrat, Leuchten aus den USA etc.. Leider muss ich fast alles irgendwo im Ausland zusammensuchen und mit einem teuren Shipping in die Schweiz importieren lassen… :‘-(

  • Bufi sagt:

    Herrlich!!! Genau meine Welt und genau das Richtige an diesem unglamurösen Morgen!

Kommentar

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