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Wie Forte GC neues Leben einhauchte

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 3. Oktober 2012

Ein Gastblog von Florian A. Lehmann*.

GC-Trainer Uli Forte während eines Spiels gegen den FC Luzern, 27. September 2012. (Foto: Keystone)

GC-Trainer Uli Forte während eines Spiels gegen den FC Luzern, 27. September 2012. (Foto: Keystone)

Ein Blick zurück: Als sich Uli Forte als neuer GC-Trainer Mitte April 2012 bei regnerischem Wetter in Niederhasli und trister sportlicher Lage des Clubs den Medien vorstellte, kam er eine Viertelstunde zu spät, weil er zu lange mit der Mannschaft trainiert hatte. Forte nahm sich dafür später umso mehr Zeit für die Fragen der Journalisten. Seine Augen leuchteten, er zeigte sich motiviert und freute sich über die heikle Aufgabe beim Rekordmeister, der sich in akuter Abstiegsgefahr befand. Nun, Forte und die Zürcher blieben bekanntlich erstklassig – dank Umständen, die nicht sportliche Gründe hatten. Fortes Bilanz zu Beginn seiner Dienstzeit war alles andere denn positiv: Saisonübergreifend holte der neue Coach der Hoppers in den ersten sieben Meisterschaftspartien ganze zwei Punkte.

Schwamm drüber: Mittlerweile reitet Fortes Team auf einer Erfolgswelle. Gewiss, GC hat sich personell geschickt verstärkt. Aber Transfers alleine machen bekanntlich noch keine gute Mannschaft. Diese widerspiegelt auf dem Platz mittlerweile die deutliche Handschrift des erst 38-jährigen Trainers: Kampf, Einsatz, Organisation, Laufbereitschaft, Solidarität und Effizienz. Letzteres ist oft auch ein wenig Glückssache. Aber Glück kann man sich auch erarbeiten. Die Grundlagen des GC-Erfolgs sind auch die Lebensweisheiten des Personalchefs, der primär ein akribischer, ehrgeiziger Arbeiter ist, der stets seine Hausaufgaben pflichtbewusst macht. Forte, der aus einfachen familiären Verhältnissen stammt, mahnt seine Spieler trotz sportlicher Hausse immer wieder zur Bescheidenheit und Demut – neue Attribute, die dem Rekordmeister durchaus gut anstehen. «Die Füsse auf dem Boden halten und hart arbeiten», sagt er immer wieder zu seinen Spielern – diese haben sich bisher an dieses Credo des Trainers gehalten.

Mit Realismus alleine kann ein Übungsleiter eine Mannschaft aber nicht zum Erfolg führen. Forte hat aus Rückschlägen in seiner noch jungen Laufbahn gelernt und Lehren gezogen. Nach seiner Entlassung am 1. März 2011 in St. Gallen hat der vielsprachige Zürcher mit italienischen Wurzeln nicht einfach den nächst besten Job angenommen, sondern sich eine Auszeit gegönnt. Diese hat er nach einer ersten Phase der Besinnung zur Weiterbildung genutzt: Forte war unter anderem Zaungast bei Napolis Trainer Walter Mazzarri, bei Gladbachs Lucien Favre und bei Dortmunds Jürgen Klopp. Er hat gar Anschauungsunterricht beim Bündner Eishockey-Idol Arno Del Curto genossen. Mit anderen Worten: Der beim FCSG entlassene Fussball-Trainer hat sich nicht entmutigen lassen und sich mit einer Art Praktikum von anderen Lehrmeistern inspirieren lassen.

In diesem Sinne macht Forte Mut und ist ein Vorbild für alle, die aus welchen Gründen auch immer plötzlich auf der Strasse stehen und sich nach einem neuen Job umsehen müssen. Immerhin war der Zürcher 13 Monate lang arbeitslos. In seiner Hartnäckigkeit und in seiner Trainingsmethodik erinnert Forte an Bob Hartley, den kanadischen Working Class Hero, der die ZSC Lions sensationell im vergangenen Playoff-Frühling zum Titel führte. Doch der GC-Trainer würde einen solchen Vergleich vermutlich nicht gelten lassen. Dazu ist die Meisterschaft noch viel zu jung, das Ziel noch viel zu weit weg, der Coach selbst zu realistisch. Aber gelingt es Forte, Arbeitsmoral und Realitätssinn bei seinen Spielern hoch zu halten, dann sind diese Grasshoppers durchaus fähig, etwas Grosses in dieser Saison zu leisten. Forte hat in einem schwierigen Umfeld relativ rasch für eine positive Wende in Niederhasli gesorgt, dank harter, ehrlicher Arbeit. Forte hat die vielen Skeptiker bei seinem Antritt eines Besseren belehrt. Das ist doch überraschend – und für den Traditionsclub vielversprechend.

* Florian A. Lehmann ist seit 2008 Sportjournalist bei Newsnet in Zürich.

Trikotwerbung: Ein Freudenhaus für die Frommen

Steilpass-Redaktion am Samstag den 29. September 2012

Ein Gastblog von Florian Lehmann.

Wer kein Geld hat, wird kreativ: Werbung für das lokale Bordell auf den Trikots.

Wer kein Geld hat, wird kreativ: Werbung für das lokale Bordell auf den Trikots des griechischen Vereins Voukefalas. (Foto: PD)

In der Not isst der Teufel fliegen, sagt der Volksmund. Angesichts der Wirtschaftskrise in Griechenland ist dieser Satz mehr als nur ein Sprichwort. Weil Sponsoren ausbleiben, greifen griechische Clubs zu ungewöhnlichen Massnahmen. So tragen die Fussballer des Regionalvereins Paliopyrgos auf ihrem Trikot die Aufschrift «Bestattungsunternehmen Karaiskaki 53» mit einem hellblauen Kreuz auf schwarzem Dress. Das mag makaber klingen, spült aber doch etwas Bares in die klamme Clubkasse.

Trikotwerbung für ein Bestattungsunternehmen.

Auch der griechische Regionalverein Paliopyrgos hat einen Trikotsponsor: Ein Bestattungsunternehmen unterstützt Fussball. (Foto: PD)

Einen Sponsor mit freudigerem Lebensinhalt hat der Verein Voukefalas, der in der Lokalliga der Stadt Larissa auf Punktejagd geht, gefunden. Die wackeren Fussballer tragen während ihres Kampfes auf dem Sportplatz auf ihren Shirts die Aufschrift «Freudenhaus Soula». Kein Wunder, verlor bei einem Freundschaftsspiel die gegnerische Mannschaften gelegentlich die Konzentration. Der Präsident von Voukefalas verteidigt seine ungewöhnliche Trikotwerbung: «Wir sind gezwungen, mit diesem Sponsor anzutreten. Der griechische Fussball-Verband unterstützt uns nicht mehr.» Wo Herr Präsident recht hat, hat er recht. Die Zusage der Verbandsfunktionäre, wonach der «Puff»-Verein in diesen Leibchen auch die Meisterschaft bestreiten darf, steht noch aus.

Wer jetzt wieder einmal hämisch in Richtung Hellas grinst, vergisst eines: Diskussionen über Werbesponsoren, die sich im Fussball engagieren möchten und bei denen das Thema Sex die Hauptrolle spielt, gab es auch in anderen Ländern. So wollte beispielsweise der Deutsche Fussballbund dem FC Bad Homburg  verbieten, Werbung für einen Kondomhersteller zu machen.

Der Zuercher Skelzen Gashi, links, gegen den Genfer Geneseric Kusunga, rechts, beim Fussballspiel der Super League Grasshoppers Club Zuerich gegen Servette FC in Zuerich am Sonntag, 12. August 2012. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Ein Trikot für Zürich: GC-Spieler Gashi (l.) im Zweikampf mit dem Genfer Kusunga, 12. August 2012. (Foto: Keystone)

Hierzulande wäre das vermutlich nicht anders: Man stelle sich vor, einer der beiden Zürcher Super-League-Clubs FCZ oder GC käme in der verzweifelten Suche nach einem Trikotsponsor auf die Idee, für Kondome oder ein Freudenhaus zu werben. In einer Stadt, in der zurzeit ernsthaft diskutiert wird, ob das älteste Metier der Welt verboten werden sollte, wäre das kaum vorstellbar. Die Zürcher Moralapostel in der Politik, in den Redaktionsstuben und auf der Strasse würden vermutlich Sturm laufen. Da scheint der Leibchensponsor von GC wohl eher ins Konzept zu passen. Eine Halbzeit lang werben die Spieler heuer brav für: Fromm.

Etwas mehr Uli Hoeness könnte der Schweizer Politik guttun

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 26. September 2012

Ein Gastblog von Florian Lehmann.

Fussballmanager Uli Hoeness regt sich über die Politik auf. (Foto: Screenshot NDR)

Fussballmanager Uli Hoeness regt sich über die Politik auf. (Foto: Screenshot NDR)

Zugegeben: Er ist nicht jedermanns Typ. Und man muss auch nicht mit ihm im Spätsommer in den einsamen finnischen Wäldern auf die Elch-Jagd gehen. Da bieten sich – wenn es kalt wird in der Nacht – attraktivere Lösungen zum Kuscheln im Schlafsack an.

Aber man muss Respekt haben vor ihm, dem Polterer, dem streitbaren Provokateur. Die Rede ist von Uli Hoeness, der grössten Reizfigur im deutschen Fussball. Der ehemalige Profi und ehrgeizige Manager hat grossen Anteil am Erfolg der Bayern – egal, ob man den Sohn eines Metzgermeisters nun mag oder nicht.

Hoeness versteht auch etwas von Politik. Sonst hätte der smarte Moderator Günther Jauch das Kind aus einfachen Verhältnissen nicht in seine sonntägliche Talk-Show-Sendung in der ARD zum Thema «Wer kann noch in Wohlstand leben?» eingeladen. Hoeness kickte dabei verbal gegen die Linken-Chefin Katja Kipping und Hannelore Kraft, die SPD-Landesmutter Nordrhein-Westfalens. Politisch gemächlich und defensiv vertrat Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber von der CSU die Ansichten des Bayern-Präsidenten. Pastor Bernd Siggelkow, der sich um soziale Härtefälle unter Jugendlichen in Berlin kümmert, übernahm die Rolle als Ersatzspieler. Als Basis für die Debatte diente der vierte Armutsbericht der Bundesregierung, welche die Gemüter zwischen Lörrach und Flensburg erhitzt.

Nun, Hoeness redete Klartext. Beispiele gefällig? «Im Vergleich zu Krisenländern ist Deutschland immer noch ein Paradies» legte der 60-Jährige gleich los und provozierte Kipping, die linke Nummer 10. Als diese gegen die Finanzbranche wetterte, schlug der Bayern-Chef zurück: «Sie haben kein Bezug zur Praxis. Mit ihrer Politik treiben die Linken die gut ausgebildeten Arbeitskräfte zu den Amerikanern». Gegen Ende schoss Hoeness den Ball noch einmal scharf ins Netz: «Sie kommen vom Hundertsten ins Tausendste, aber nie auf den Punkt. Darum sind Sie bald unter fünf Prozent.» Was hält Herr Hoeness von der viel diskutierten Vermögenssteuer? Die Bayern würden ohnehin die erste Halbzeit nur für das Finanzamt spielen. Höhere Steuern nützten gar nichts. Der Staat solle lieber anfangen, Ausgaben zu kürzen und das sprudelnde Steuergeld sinnvoll anlegen. Schliesslich mahnte Hoeness: «Politiker müssen zu ihren Aussagen stehen.»

Bitte sehr, man muss nicht der politischen Ansicht von «Mister Bayern» sein. Aber die Klarheit in seinen Aussagen treffen offenbar den Nerv zahlreicher Bundesbürger. Auf deutschen Internet-Foren erhielt Hoeness nach der Sendung immense Zustimmung. Und der Schweizer TV-Konsument war wieder einmal perplex, wie in einer TV-Diskussion deutliche Worte gesprochen werden konnten.

Vom Klartext-Kurs von Hoeness könnten sich viele Politiker ein Stück Wurst abschneiden – auch in der Eidgenossenschaft. Unser Magistrat Johann Schneider-Ammann beispielsweise, der in Interviews bei wichtigen Wirtschaftsfragen mit seinen nichtssagenden Äusserungen die Bevölkerung des Landes mehr verunsichert als informiert, stünde im Rede-Duell gegen Hoeness auf verlorenem Posten. Etwa so, wie früher unsere Fussballer auf dem Rasen gegen die Kicker nördlich des Rheins. Mit anderen Worten: Etwas mehr Hoeness könnte die Schweiz auch in der Politik gut gebrauchen.

Sion fordert den FCB

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 2. August 2012

Heute begrüssen wir Gastblogger Silvan Kämpfen*.

Gennaro Gattuso (l.) und Andre Marques versuchen Servette-Spieler Alexander Pasche zu stoppen, 22. Julie 2012. (Keystone)

Sions Gennaro Gattuso (l.) und André Marques versuchen Servette-Spieler Alexander Pasche zu stoppen, 22. Julie 2012. (Keystone)

«Basel gegen niemand», hiess es vor Saisonbeginn an dieser Stelle. Diese Aussage haben wohl alle unterschrieben – ausser ein paar Fans ohne Realitätssinn und jene, die Angst vor Langeweile haben («Spanien wird bestimmt nicht Europameister»). Am Samstag wird sich zeigen, ob die Experten noch einmal über die Bücher müssen. Dann spielt Basel im Wallis gegen Sion. Vielleicht wird dieses heiss erwartete Duell auch gleich den Rest der Saison prägen.

Sommer für Sommer trauen die Medien dem FC Sion einen Exploit zu. Auch in diesem Jahr – und nicht zuletzt wegen der Verpflichtung von Gennaro Gattuso. Dennoch überrascht der makellose Start mit neun Punkten und null Gegentoren aus drei Spielen. Schliesslich wurde der Kader wieder einmal mächtig umgekrempelt. Trotz munterem Transfer-Treiben wirkt das Team aber erstaunlich stabil und gut eingespielt. Trainer Fournier stellte dreimal dieselbe Elf auf.

Wie ist der gute Saisonstart zu erklären?

Hinten steht Sion gut, sehr gut. Bereits letzte Saison kassierten nur Basel und Luzern weniger Tore als die Walliser mit ihrer abgeklärten Viererkette und dem souveränen Keeper Vanins. Aislan hat den Part des nach China abgewanderten Adaílton tadellos übernommen. Das ohnehin schon starke defensive Mittelfeld ist nun mit Gattuso und Marques noch besser besetzt.

Die Offensive, das Sorgenkind der letzten beiden Saisons, ist deutlich variabler und effektiver geworden. Für Obradovic, dem am Samstag im Tourbillon ein grosser Abschied bereitet wird, hat man auf der Zehn endlich einen Ersatz gefunden. Oussama Darragis Auftritte erinnern an Chikhaouis Glanzzeiten. Mit dem flinken Leo, dem hitzigen Lafferty, dem bulligen Manset – sie alle haben schon getroffen – und dem konterstarken Mrdja stehen Fournier zudem nun plötzlich vier völlig unterschiedliche Stürmertypen zur Verfügung.

Kann Sion um den Titel mitspielen?

Dazu braucht es zwei Dinge. Erstens muss Abwehrchef Dingsdag, der bei Frankfurt aber auch beim FC Basel im Gespräch war, unbedingt bleiben. Der Niederländer ist nicht nur ein guter Abräumer, vor allem eröffnet er das Spiel und schlägt ausgezeichnete Standards. Vielleicht hat Dingsdag ja dank dem ersten Tabellenrang plötzlich gemerkt, dass er seinen Sohn im Wallis auch auf Deutsch einschulen könnte. Die französische Sprache hat er nämlich stets als Grund angegeben für seine Abgangsgelüste.

Zweitens wird sich Christian Constantin verbal zurückhalten müssen. Es ist auch diese Saison die grösste Hürde für Sion. Letzte Woche war es ruhig um CC. Kein Wunder, er ist auch noch in den Ferien. Vor Saisonstart sprach er schon als einziger Präsident der Liga vom Titel. Und nach dem Sieg gegen Servette kritisierte CC Darragis Leistung und liess sich zu einer Bemerkung über den Ramadan hinreissen. Der Tunesier gab seine Antwort gegen Luzern auf dem Platz mit zwei Zuckerpässen. Es wird nicht die letzte Äusserung von Unruhestifter CC gewesen sein über Belange, die er besser seinem Trainer oder dem Sportchef überlassen sollte.

Vielleicht relativieren sich die Walliser Titelträume am Samstag sowieso wieder. Sion hat gegen Basel in der letzten Saison gerade einmal zwei Punkte geholt. Und selbst wenn Sion gewinnen sollte: Der FCB wäre trotz Doppelbelastung immer noch klarer Favorit auf die Meisterschaft. Am Rheinknie ist man schon mit ganz anderen Problemen fertiggeworden als mit sieben Punkten Rückstand nach vier Spielen. Doch immerhin hätte man dann statt «niemand» schon mal einen richtigen Gegner.

* Silvan Kämpfen ist Redaktor beim Fussballmagazin ZWÖLF. Wochenende für Wochenende verfolgt er den Schweizer Fussball seit der Saison 1993/94 und spielt auch selber gerne den einen oder anderen Steilpass.

Wer gewinnt den EM-Final in Kiew?

Steilpass-Redaktion am Samstag den 30. Juni 2012

Pro & contra: Newsnet-Sportjournalist Florian Lehmann bezieht für Spanien und Alexander Kühn für Italien Stellung.

Spanien-Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft. (Keystone)

Spanien-Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft. (Keystone)

FL: Spanien ist eine Weltmacht – im Fussball

Wer gewinnt den EM-Final in Kiew? Für mich keine Frage: Spanien. Gewiss, die Italiener sind gut organisiert, treten erstaunlich offensiv auf und haben mit Mario Balotelli einen Stürmer, der Spiele alleine entscheiden kann. Aber das wird gegen die Furia Rioja – pardon: Roja – nicht genügen.

Natürlich, die Ballschieberei der Spanier ist für viele Fussball-Anhänger so lästig wie eine Nachsteuer-Rechnung. Aber dieses Tiki-Taka, von hämischen Kritikern dieser Spielart als Kiki-Kaka bezeichnet, ist die Basis für den Erfolg der Iberer. Sie, technisch hervorragend ausgebildet, läuferisch stark und routiniert im Zweikampfverhalten, kontrollieren den Ball und damit auch den Gegner. Das wird auch die Azzurri früher oder später nicht nur physisch, sondern auch psychisch zermürben.

«Wir Spanier haben nun endlich unseren Stil gefunden und haben Erfolg damit – auch wenn die Menschen ihn nicht besonders mögen», sagt Tainer Vicente del Bosque. Der Mann mit den Bernhardiner-Augen will damit sagen, dass im Fussball vor allem eines zählt: der Erfolg. Was die Attraktivität dieser Taktik betrifft, so muss man auch festhalten, dass es Klagen auf hohem Niveau ist. Was ebenfalls für den Titelverteidiger spricht, ist das ausgeglichene Kader: Ob Del Bosque nun mit einer 4-2-3-1-Formation oder mit einer 4-6-0-Aufstellung beginnen lässt, spielt keine grosse Rolle. Er kann sofort umstellen und gefährliche Kräfte aufs Feld beordern. Wer einen Fussballer wie Fernando Torres mitunter auf der Ersatzbank schmoren lässt, muss über ein ausgezeichnetes Kader verfügen.

Spanien ist in Knockout-Spielen seit 900 Minuten ohne Gegentor geblieben. Das beweist auch, wie rigoros die Iberer in der Defensive auftreten. Und sie haben mit Iker Casillas einen Torhüter, der nicht nur eine attraktive Verlobte hat, sondern auch ein Meister seines Fachs ist. Dass die Spanier nach den beiden Titeln 2008 (EM) und 2010 (WM) nicht mehr hungrig sein sollen, ist eine Mär. Schliesslich ist ein Endspiel für einen Profi Motivation genug. Und dass der Finalgegner Italien heisst, wird La Roja erst recht anspornen.

Fazit: Spanien wird die erste Mannschaft sein, die drei grosse Triumphe in Folge feiern kann. Die Nation ist eine Weltmacht im Fussball. Dieser Fakt ist ein grosser Trost für die Bevölkerung des wirtschaftlich leidgeplagten Landes. Das wissen auch Del Bosques Schützlinge.

Florian Lehmann hat bereits einmal im Steilpass geschrieben. Seinen Beitrag finden Sie hier.

Italen-Fans feiern in Zürich den Sieg der Squadra Azzura.

Italen-Fans feiern in Zürich den Sieg der Squadra Azzurra. (Keystone)

AK: Italien – weil der mutige Fussball siegt

Gewiss, auf dem Papier spricht vor dem Final der Euro 2012 fast alles für Spanien. Seit der Penalty-Niederlage gegen Frankreich an der WM 2006 war der amtierende Welt- und Europameister stets zur Stelle, wenn es wichtig war; zudem operiert ausser dem FC Barcelona kein Team der Welt mit einer derartigen Präzision und Perfektion – fast könnte man meinen, es seien Chirurgen am Werk, nicht Sportler. Das Herz, der Instinkt und ein Teil des Verstandes sprechen aber für Italien – für die verrückten Hunde Mario Balotelli und Antonio Cassano, für einen Geniestreich, der die beste Taktik über den Haufen wirft. Weil sich Balotelli und Cassano so bewegen, wie es in keinem Lehrbuch steht, weil die Spanier sie im Gegensatz zu Cristiano Ronaldo nicht in- und auswendig kennen.

Seit dem 1:1 zwischen den beiden Finalisten im ersten Gruppenspiel haben sich die Italiener sukzessive gesteigert, Spanien war ausser beim 4:0 über die inferioren Iren nie wirklich überzeugend. Auch in den Knockout-Partien gegen die enttäuschenden Franzosen und die unglücklichen Portugiesen nicht. Die logische Konsequenz dieser Entwicklungen ist ein italienischer Sieg im Final. Wenn Italien derart stark auftritt wie gegen Deutschland, ist gegen die Squadra Azzurra kein Kraut gewachsen. Wenn es den Spaniern gelingen sollte, Balotelli und Cassano zu neutralisieren, bleibt immer noch Andrea Pirlo – der dritte Unberechenbare in der Equipe von Nationaltrainer Cesare Prandelli. Italien besitzt die richtige Mischung aus Erfahrung, Disziplin, Genie und Wahnsinn – und in der Person von Gianluigi Buffon einen Keeper, der sich leistungsmässig vor Iker Casillas nicht zu verstecken braucht und noch einen vielleicht entscheidenden Tick charismatischer ist.

Die Squadra Azzurra des Jahres 2012 verfügt zudem über einen ganz besonderen Geist. Der neuerliche Wettskandal, die Diskussionen über homophobe Äusserungen von Cassano und die rassistischen Schmähungen gegen Balotelli haben die Mannschaft näher zusammenrücken lassen – ein altbekannter Vorgang bei den Italiener. Auch den WM-Titeln 1982 und 2006 ging ein Skandal voraus, das hat ein italienischer Arbeitskollege schon vor dem ersten Match der Euro 2012 ganz richtig bemerkt.

Italiens Fussball ist positiver und mutiger als jener der Spanier, die mit dem Ball eigentlich alles können, aber das Risiko so sehr scheuen, dass die Zuschauer des Viertelfinals gegen Portugal schön früh anfingen zu pfeifen. Der positive Fussball à la Prandelli muss belohnt werden – auch deshalb, weil Spanien sein Glück allmählich aufgebraucht hat. Gegen die Portugiesen entschieden im Elfmeterkrimi Pfosten, Latte und wenige Zentimeter zugunsten der Spanier, im Gruppenspiel gegen Kroatien hätte der Referee zweimal auf Penalty gegen sie entscheiden müssen.

Chip oder nicht Chip – das ist hier die Frage

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 20. Juni 2012

Pro & contra Torüberwachung: Newsnet-Blattmacher Samuel Reber bringt Elektronik ins Spiel, Sportredaktor Alexander Kühn will Emotionen.


Samuel Reber: Ohne Chip wird Spitzenfussball zur Farce

Was am Dienstagabend in der 62. Minute in der Donbass Arena in Donezk beim Spiel England gegen die Ukraine vor 48’000 Zuschauern im Stadion und Hunderten von Millionen weltweit vor den TV-Apparaten passiert ist, schadet dem Fussball. Denn das Spiel der Spiele wird so unglaubwürdig. Und mit ihm die mächtigen Verbände Fifa und Uefa. Und die Schiedsrichter und ihre Bemühungen um eine faire Spielleitung sowieso.

Ein kurzer Einschub an dieser Stelle: Wenn ich mit dem SC Wipkingen in der 4. Liga am Sonntagmorgen um 10 Uhr im Zürcher Hardhof angetreten bin, war jeweils ein einzelner Schiedsrichter da. Manchmal sah man ihm an, dass der Ausgang bei ihm auch etwas länger gedauert hat. Manchmal kam er gar nicht, weil er verschlafen hatte. Er erhielt 90 Franken. Dafür musste er sich dann 90 Minuten lang Schimpf und Schande von zwei mässig trainierten Mannschaften anhören. Und sich hilflos getretene Freistösse, die oft in der Limmat landeten, ansehen und Stürmer erleiden, die mit grottenschlechten Schauspieleinlagen einen Elfmeter erschwindeln wollten. Er erhielt also 1 Franken Schmerzensgeld pro Minute – ein hartes Brot und ein mässiges Sackgeld. Danach diskutierten wir in der Beiz noch über den «supermiesen Schiri». Und dass wir gewonnen hätten, wenn er nicht … und bla, bla, bla. Das macht ja auch Spass. Und gehört in dieser Liga dazu. In dieser Liga. Der 4. Liga.

Aber bei den Profis verblasst dieser Reiz. Ist für mich seit langem verblasst. Denn bei diesen Spielen und vor allem bei den grossen Turnieren, der WM und der EM, da geht es um sehr viel in einem riesigen, globalen Business. Millionen schauen zu, fiebern und leiden mit. Und da wird es unerträglich, wenn ein Torrichter zwei Meter neben dem Gehäuse steht und nicht sieht, dass der Ball vollumfänglich drin war. Menschliche Fehler müssen mit allen Möglichkeiten verhindert werden. Und dazu gehören technische Hilfsmittel. Es kann und darf nicht sein, dass Tore nicht gegeben werden. Es braucht einen Chip im Ball, der ein Signal aussendet, wenn er hinter der Linie ist. Und das sofort. Ist ja wirklich keine Sache. Warum nur sträubt man sich so dagegen – auch auf höchster Ebene?

Ob es einen Videobeweis geben soll, analog zum Eishockey, da bin ich mir nicht sicher, da es zu einschneidenden Spielverzögerungen kommen könnte. Aber der Chip, der muss jetzt her, sonst wird dieses herrliche Spiel zur Farce. Oder wie sehen Sie das?

Alexander Kühn: Lasst die Finger von der Hand Gottes!

«Der Chip im Ball muss her!», schreien jetzt wieder alle. Weil der Torrichter im Spiel zwischen England und der Ukraine nicht sah, dass der Ball von Marko Devic schon die Linie überquert hatte, als ihn der Engländer John Terry wegbugsierte. Ein klarer Fall für die Beiziehung moderner Technik also? Mitnichten! Der Treffer, um den sich die Ukrainer betrogen fühlen, war nämlich gar nicht regulär. Artem Milewski, der Passgeber, kam zuvor aus einer Abseitsposition. Hätte man in diesem Fall mit Hilfe der Technik auf Tor erkannt, wären die Engländer die Betrogenen gewesen. Stattdessen lief es wie in der Mathematik. Zweimal negativ gab wieder positiv. Kein Tor, und das zu Recht!

Wer im Fussball sämtliche Fehlentscheidungen ausmerzen will, steht auf verlorenem Posten. Selbst wenn man noch so viele Chips in einen Ball packt, bekommt man nicht die reine Wahrheit, wie der gestrige Fall eindeutig zeigt. Und ausserdem: Im Fussball geht es nicht um Leben um Tod, auch wenn unbelehrbare Fan-Horden rund um den Globus sich aufführen, als wäre das so. Es geht letzten Endes um Unterhaltung, um Spektakel, um Emotionen. Um jene Geschichten, die nur der Fussball schreiben kann, weil er ist, wie er ist.

Die Historie des populärsten Sports auf dem Erdball wäre um einiges ärmer ohne ihre strittigen und falschen Entscheidungen. Wie viele Menschen hat das Wembley-Tor von 1966 fasziniert und zu Diskussionen angeregt, wie viele Diego Maradonas Treffer mit der sprichwörtlichen Hand Gottes an der WM 1986? Eben. Der Fussball muss seinen menschlichen Charakter behalten, und dass das Irren zum menschlichen Wesen gehört, wissen viele von uns spätestens seit den ersten Lateinstunden auf dem Gymnasium, als der Lehrer mit quietschender Kreide den Satz «errare humanum est» an die Wandtafel schrieb.

Fussball ohne Fehler ist wie Fussball ohne Auf- und Abstieg. Ein Imitat des Originals. Eine Hors-Sol-Tomate aus dem Gewächshaus, die perfekt aussieht, aber bedeutend weniger interessant schmeckt als die Freiluftvariante. Die Techniker sollen ihre Finger von diesem Sport lassen, der uns auch wegen seiner Unzulänglichkeiten so ans Herz gewachsen ist.

Fluch oder Segen für Portugal?

Steilpass-Redaktion am Freitag den 15. Juni 2012

Pro & contra Cristiano Ronaldo: Newsnet-Sportreporter Sebastian Rieder bezieht für und Alexander Kühn gegen den Portugiesen Stellung.

Cristiano Ronaldo und der dänische Spieler Michael Krohn-Dehli (r.), 13. Juni 2012.

Cristiano Ronaldo polarisiert: Der Portugiese enteilt dem dänischen Spieler Michael Krohn-Dehli (r.), 13. Juni 2012. (Bild: Keystone)

Alexander Kühn: Ronaldo muss weg!

Portugal wäre ohne den nonchalanten Egoisten Cristiano Ronaldo eine bessere Mannschaft. Und wenn die Portugiesen ihr letztes Gruppenspiel gegen die angeschossenen, aber deshalb umso gefährlicheren Holländer gewinnen wollen, müssen sie Ronaldo aus dem Team verbannen. Statt Gefahr vor dem gegnerischen Tor bringt er an dieser EM nur Ärger. Er vergibt Torchancen mit einer provozierenden Lässigkeit, geht grusslos an den Fans vorbei in die Kabine, streitet mit Trainer Paulo Bento und hat mit Verteidiger Pepe, seinem Clubkollegen von Real Madrid, nur noch einen Freund in der Mannschaft. Kurz und knapp: Ronaldo hat nicht begriffen, dass die EM ein Teamwettbewerb ist und kein Schaulaufen für das Videoportal Youtube. Trotz seines grossen Talents riskiert er, die Enttäuschung des Turniers zu werden – und ein diplomierter Stinkstiefel obendrein. Dass Ronaldo in der Halbzeitpause des Deutschland-Spiels seine Frisur wechselte, ist eine Randnotiz, aber eine bezeichnende. Niemand ist für ihn wichtiger als er selbst. Wenn er nicht mehr auf dem Feld steht, können andere Spieler freier atmen, sie müssen auch Verantwortung übernehmen, und an Verantwortung wächst man bekanntlich. Ausserdem: Vielleicht ist Ronaldo als Joker mit Wut im Bauch ja viel besser als bislang.

Sebastian Rieder*: Ohne Ronaldo kein Titel!

Auf Cristiano Ronaldo herumzuhacken, ist leicht. Weil er ein eitler Gockel ist und viele Männer ihn nicht nur um seine Karriere, sondern auch um seine Beliebtheit bei den Frauen beneiden, taugt er ganz vorzüglich als Sündenbock. Natürlich waren seine bisherigen Auftritte an der Euro 2012 nicht das Gelbe vom Ei, ein schwacher Ronaldo ist für Portugal aber noch immer besser als gar keiner. Schon seine blosse Anwesenheit auf dem Platz beunruhigt den Gegner. Jeder Verteidiger der Welt weiss, dass er wie ein Blitz aus heiterem Himmel zuschlagen kann, deshalb bindet er einen beträchtlichen Teil der Aufmerksamkeit. Ronaldo ist nach dem Ausserirdischen Lionel Messi mit einem Marktwert von 120 Millionen Franken nicht umsonst die Nummer 2 auf der Liste der teuersten Fussballer des Planeten. Und seine 46 Liga-Treffer für Real Madrid sind auch nicht einfach so gefallen. Wenn Portugals Trainer Paulo Bento seinen Starstürmer auf der Bank lässt, beraubt er sich freiwillig seiner stärksten Waffe. Und er verärgert zudem den Verteidiger Pepe, der neben Ronaldo der einzige Portugiese mit Weltklasseformat ist. Portugal braucht Ronaldo, und mit einem starken Ronaldo kann der Finalist von 2004 sogar Europameister werden. Trotz Spanien und Deutschland. Ronaldo mag ein Risikofaktor für das Mannschaftsklima sein, doch mit Friede, Freude, Eierkuchen allein gewinnt man keinen Blumentopf. Vor allem sind seine Freistösse ein Risiko für den Gegner.

*Sebastian Rieder berichtet zurzeit von der Euro 2012. Seine Tweets aus Polen und der Ukraine können hier verfolgt werden.

Appell der grössten Schweizer Fankurven

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 8. Mai 2012

Eine Carte Blanche von Thomas Gander*


Wer am Sonntag im «Sportpanorama» die Zusammenfassung des Derbys FC Zürich – FC Basel gesehen hat, wird sich nicht nur an den vielen Toren erfreut haben, sondern sich auch über das Fehlen der stimmungsvollen Ambiance gewundert haben, welche die beiden Fankurven normalerweise in das Zürcher Leichtathletikstadion bringen.

Eine Erklärung aus Sicht der Fans zu den Vorgängen vom Sonntag, als die Basler gar nicht erst im Stadion erschienen und die Zürcher ihre Kurve bald nach dem Anpfiff ebenfalls räumten, findet sich unter dem Titel «Solidarität statt Rivalität» sowohl auf der Website der Südkurve wie auch auf derjenigen der Muttenzerkurve Auch die Stadtpolizei schilderte ihre Sicht der Ereignisse auf ihrer Homepage.

Es ist aussergewöhnlich, dass sich zwei sonst rivalisierende Fangruppen miteinander solidarisieren und darauf verzichten, ihre Mannschaft im Stadion zu unterstützen. Kritisch könnte man hier anfügen, dass es den Fans also eher um sich selber geht als um ihre Mannschaft. Blickt man aber tiefer in die Fanszenen, erkennt man schon länger ein Brodeln in den Fankurven. Dort, wo sich wöchentlich Tausende von jungen Menschen treffen, ist es augenscheinlich so, dass vermehrt ihr Fansein und nicht die Mannschaft das Gesprächsthema ist. Es wird kontrovers fanpolitisiert, Aktionen werden ausgeheckt, Parolen auf Spruchbänder geschrieben oder Kurvenzeitungen mit kritischem Inhalt verteilt.

Verlassen zwei Fankurven, die sich ansonsten überhaupt «nicht riechen» können, gemeinsam das Stadion, um für ihre Rechte und ihr Anliegen zu kämpfen, ist dies derart ungewöhnlich, dass danach nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Fans haben keine Lobby, weder in der Politik noch in der Medienlandschaft. Ihr einziges Mittel ist es, mit solchen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Tun sie es in dieser beeindruckenden Form, müssen wir diese Ausdrucksweise ernst nehmen! Wenn so eine grosse Anzahl junger Menschen auf die Strasse gehen würde, um gemeinsam zu protestieren – wie dies in den 80er-Jahren der Fall war – würden wir plötzlich wachgerüttelt werden. Sollten dann auch noch destruktive Kräfte in deren Reihen wach werden, würden wir uns noch mehr Sorgen machen.

Fankurven tragen Werte in sich und erklären ihr Dasein auch als Kontrapunkt zu unserer Gesellschaft. Als Raum, in dem in unserer individualisierten Gesellschaft doch noch Gemeinschaft möglich ist. Dort versammelt sind einige der letzten grösseren Gruppen, die sich eine kritische Meinung zur Gesellschaftspolitik machen (so gelesen im «Schreyhals», der Kurvenzeitung der Muttenzerkurve). Die Kurven bezeichnen sich selber als Subkultur, werden zunehmend grösser und für junge Menschen immer attraktiver.

Und was machen wir? Wir antworten mit immer strengeren Gesetzen (etwa das verschärfte Hooligankonkordat) und Massnahmenvorschlägen, welche ganze Fankurven zu kriminalisieren versuchen und ihre Mitglieder als potenziell gefährliche Menschen in die Ecke drängen. Wir gehen mit ihnen auf Konfrontation und bedrohen ihre Fankultur, ohne dabei zu merken, dass wir so Tür und Tor öffnen für radikalere Ideen und damit nur die destruktiven Kräfte in den Fankurven stärken.

Die gemeinsame Solidarisierungsaktion der Zürcher Südkurve mit der Basler Muttenzerkurve kann auch als Appell verstanden werden, endlich mal genauer hinzuschauen, was da in und um unseren Fankurven geschieht. Das Feld nur den Populisten und den Profilierern zu überlassen ist nicht nur nicht klug, sondern gefährlich.

*Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz (FaCH)
und Co-Leiter von Fanarbeit Basel.

Hausmitteilung

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 30. November 2011
Annette Fetscherin hört als Steilpass-Bloggerin auf.

Abpfiff auf eigenen Wunsch: Annette Fetscherin hört als Steilpass-Bloggerin auf.

Nach einer mehrwöchigen Pause hat sich Annette Fetscherin entschieden, aus beruflichen Gründen als Bloggerin bei uns aufzuhören. Wir verstehen ihren Entscheid, bedauern ihn aber auch sehr.

Herzlichen Dank, Annette, für deine Steilpässe! Man merkt ihnen an, dass Du «sehr viel Spass an der Arbeit» hattest, wie Du selber sagst. Wir wünschen Dir alles Gute für Deine sportlich-berufliche Zukunft bei Teleclub!

England vs Switzerland oder zwei Herzen in einer Brust

Steilpass-Redaktion am Samstag den 4. Juni 2011

Eine Carte Blanche von Florian Lehmann*.

Die Liebe zu England begann früh. Schon in der Kindheit, als in Schwarz-Weiss-TV-Bildern Roger Moore als Ritter «Sir Ivanhoe» das Schwert schwang und sich als «Simon Templar» mit schickem Sportwagen auf Verbrecher- und Frauenjagd begab, kam der Wunsch auf, einmal auf der Insel zu leben. Und da war vor allem der Fussball: Die Live-Bilder von der WM 1966, mit dem berühmten dritten Tor im Final gegen Deutschland, von dem sich unsere alemannischen Brüdern und Schwestern noch immer nicht erholt haben, bleiben unvergesslich. Natürlich die Auftritte des grossen Manchester United, mit Figuren wie Sir Bobby Charlton, George Best, der sich später auf dem gefährlichen Feld des Alkohols verdribbelte, haben meine Zuneigung zur Insel gestärkt. Der Support galt aber dem guten alten FC Chelsea, weil für mich Mittelfeldspieler Dave Webb oder Stürmerstar Peter Osgood so gut gefielen und meine Vorbilder beim Kicken in der Freizeit waren – nicht zuletzt auch, weil mir das Trikot der «Blues» zusagte.

Viele Jahre später, Mitte der 80er-Jahre, zog es mich weg also von der beschaulichen Schweiz. In England fand ich eine neue Heimat und eine neue Liebe. Und weil ich mich in den ehelichen Infight mit meiner Engländerin begab, durfte ich zur Blütezeit der Thatcher-Ära dort legal arbeiten und leben – von bilateralen Verträgen war die Eidgenossenschaft damals so weit weg wie die Stadt Zürich heute von einem neuen Fussballstadion. Aus der Verbindung stammte dann auch ein Sohn. Und Sam teilte mit dem Daddy vom Zürichsee die Vorliebe für den Fussball. Wegen der lokalen Nähe zu Birmingham entschied sich der Bub, Fan von Aston Villa zu sein; fortan war der Villa Park, das architektonisch schönste Gebäude der zweitgrössten Stadt Englands, ein Ort der kulturellen Weiterbildung für das Duo.

Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Der Dad kehrte in den 90er-Jahren in die Schweiz zurück, weil er genug hatte von Tandoori Chicken und schlechtem Bier und er sich entschied, dem grossen Team von Väter beizutreten, die am Monatsende freudvoll die Alimente bezahlen dürfen. Sam ist bei der Mutter auf der Insel geblieben, er studiert heute in Leeds und arbeitet nebenbei in einem Pub – wo denn sonst im alten Königreich. «Weisst du noch Dad, als wir zu Eröffnung der Fussball-EM 1996 im Wembley waren?» «Natürlich», erwiderte ich am Handy zu Beginn dieser Woche, «dieses Spiel in dieser tollen Atmosphäre im alten Wembley, wie könnte ich das je vergessen?» 1:1 trennte sich damals die Schweiz von Gastgeber England. Die Schlagzeile tags darauf im «Sunday Telegraph» lautete: «Swissed off». Kein anderes Volk auf der Welt versteht es so gut, Selbstironie und Sarkasmus vorzuleben wie die Bewohner des «United Kingdom». Vater und Sohn diskutieren weiter, bis Sam sagt: «Es wäre schön, es gäbe am Samstag wieder ein Unentschieden. Wenn England gegen die Schweiz spielt, weiss ich nämlich nicht, wem ich helfen soll.» «Aha», erklärt der Vater, dem es genau so geht, weil er sich, wie der Sohnemann, in beiden Nationen zu Hause und als Doppelbürger fühlt. «Es ist schwierig mit zwei Herzen in einer Brust zu leben», füge ich hinzu. «Aber, Sam, ich bin schon zufrieden, wenn die Schweizer endlich wieder einmal mit Herz und mit Freude Fussball spielen. Das würde mir schon genügen. Das mit der EM 2012, dieser Zug ist realistisch gesehen schon abgefahren. Und richtig verdient haben die Spieler diese EM-Teilnahme nicht, bisher jedenfalls nicht.»

Sam sagt, er müsse Schluss machen. Die Gäste an der Theke haben Durst. Natürlich, darum seien sie auch dort, erklärt der Gesprächspartner aus Zürich besserwisserisch. Bevor er die Konversation abbricht, sagt die 24-jährige Stimme aus der Grafschaft West Yorkshire: «Ich werde am Samstag bei der Arbeit wieder mein Schweizer Nati-Trikot anziehen. So wie bei der WM in Südafrika.» Aber das sei doch auch gefährlich, schliesslich gehören die Fussball-Fans aus Leeds nicht unbedingt zur netteren Sorte der Supporter-Gemeinde, wende ich ein. «Kein Problem, Vater, sie mögen mich, sie wissen, dass ich englisch-schweizerisches Blut habe. Niemand hier hat etwas gegen die Schweiz oder die Schweizer. Nur dieser Blatter, der hat keine Freunde hier.»

* Florian A. Lehmann hat lange in England gelebt und fühlt sich praktisch als Doppelbürger. Der passionierte Sportjournalist ist seit 2008 bei «Newsnetz».