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Schwul, na und?

Simon Zimmerli am Donnerstag den 9. Januar 2014
Thomas Hitzlsperger (r.) im Zweikampf mit Tottenham-Spieler helder Psotiga, 23. November 2003. (Keystone/Sean Dempsey)

Aston-Villa-Spieler Thomas Hitzlsperger (r.) im Zweikampf mit Tottenham-Spieler Helder Postiga, 23. November 2003. (Keystone/Sean Dempsey)

Meine erste Erinnerung an Thomas Hitzlsperger ist, dass alle im Stadion von Aston Villa immer «Shoot!» riefen, wenn der Mittelfeldspieler mit dem gewaltigen Schuss irgendwo in der gegnerischen Platzhälfte an den Ball kam. Über das, was Hitzlsperger so treibt, wenn er nicht auf dem Platz steht, habe ich mir nie Gedanken gemacht. Und es interessiert mich auch jetzt nicht wirklich.

Was mich dennoch irritiert, ist Folgendes: Es gibt tatsächlich Leute, die nach dem Coming-out des früheren deutschen Nationalspielers angerannt kommen und sagen: «Dass der Hitzlsperger schwul ist, das hab ich immer gewusst.» Und dann würde ich gern fragen: «Erwartest du jetzt eine Packung Kekse oder eine Tafel Schokolade als Belohnung dafür, dass du es keinem verraten hast? Und hast du es seinen Bewegungen angesehen oder doch seiner Nasenspitze?» Das ist ein Benehmen wie beim Täterraten anlässlich des Sonntagskrimis. Und das «Verbrechen» lautet Homosexualität. Auch wenn es schon x-mal gesagt wurde, sage ich es nochmal: Es ist ziemlich beschämend für alle, die den Fussball lieben, dass es noch immer so eine Kuriosität ist, wenn ein Mann, der mit dem runden Leder besser umgehen kann als wir Theoretiker, andere Männer begehrt, sie liebt, küsst und mit ihnen schläft.

Unabhängig davon hat Hitzlsperger meinen grössten Respekt dafür, dass er sich diesem ganzen Wirbel aufhalst, weil er etwas gegen die latent homophobe Haltung der Fussballgemeinde tun will. Nur glaube ich nicht daran, dass sich nun irgendetwas ändern wird. Reinhard Rauball, der Präsident der Deutschen Fussball-Liga (DFL), hat leider recht, wenn er sagt, dass die Reaktionen weiterhin schwer kalkulierbar wären, sollte es zum Coming-out eines noch aktiven Fussballers kommen. Da hilft es auch nichts, dass Hitzlsperger sogar ein Lob von der Bundesregierung bekommen hat. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fussball-Bunds, sicherte dem nun offiziell Homosexuellen derweil «jede erdenkliche Unterstützung» zu. Und das – obwohl sicher gut gemeint – klingt so, als leide Hitzlsperger an einer Art schwer heilbaren Krankheit, die verhindert, dass er künftig normal lebt.

Keiner von all jenen, die sich aus irgendeinem Grund zu diesem Thema äussern mussten, scheint zu wissen, wie er sich aus der Affäre ziehen soll. Was man auch sagt, es wirkt seltsam. Warum, frage ich mich, sind Fussballer und überhaupt Sportler im Gegensatz zu Musikern, Schauspielern, Eiskunstläufern oder SRF-Moderatoren eine Sonderspezies, die von dumm bis angeberisch alles sein dürfen, nur eben nicht homosexuell? Ich käme nie auf die Idee, einen Fussballer «Schwuchtel» oder «Tunte» zu nennen, nur weil er lieber Männer als Frauen mag. Gegen ein gepflegtes «Wichser» oder «Vollwichser» für einen, der Tore gegen den FCZ schiesst, habe ich aber nichts einzuwenden. Ob der Empfänger der Schmähung nun hetero- oder homosexuell ist, spielt dabei keine Rolle.

 

 

Ein Gigi-Oeri-Stadion für Zürich?

Simon Zimmerli am Donnerstag den 2. Januar 2014
Gigi Oeri – Zürichs Fussball bräuchte eine Frau wie die langjährige FCB-Mäzenin.

Gigi Oeri – Zürichs Fussball bräuchte eine Frau wie die langjährige FCB-Mäzenin.

Was bringt 2014? Ein satirischer Ausblick auf ein ereignisreiches Fussballjahr – mit Gigi Oeri, Sepp Blatter, Joachim Löw und Cristiano Ronaldo in den Hauptrollen. Natürlich ist das alles Quatsch, aber wenn die eine oder andere Voraussage eintreffen würde, wären wir trotzdem stolz.

Januar: Lionel Messi wird in Zürich zum vierten Mal in Folge als Weltfussballer des Jahres ausgezeichnet. Fifa-Chef Sepp Blatter findet das super und mit ihm die Fotografen, die prima Querformatbilder für die Panoramaseiten ihrer Zeitungen schiessen können. Der übergangene Cristiano Ronaldo tobt und schwört sich, nie wieder Haargel zu verwenden. Franck Ribéry ist es egal, dass er leer ausgeht, er hat ja alle Titel gewonnen, die etwas wert sind.

Februar: Basels Trainer Murat Yakin stellt ganz ohne sein Zutun einen neuen Weltrekord auf. Er wird innerhalb eines einzigen Monats mit 58 Clubs in Verbindung gebracht. «Blick» (25), «Bild» (18) und «The Sun» (10) bringen am meisten Exklusivgeschichten zu diesem Thema. Trotzdem bleibt Yakin in Basel. Vorerst.

März: Nach neun Rückrundensiegen am Stück entschliesst sich Murat Yakin, für das Auswärtsspiel gegen den FC Luzern am 30. Januar seinen Reservisten eine Chance zu geben. So dürfen die Degen-Zwillinge gemeinsam von Beginn an auflaufen. Der Doppeldegen sticht überhaupt nicht, der FCB verliert mit 0:2. Yakin habe bei der Analyse der beiden Degen-Fehler, die zu den Gegentoren führten, geschmunzelt, will der «Blick» wissen. Der Coach erhält vom FCB darauf die Kündigung und sogleich ein Angebot des FC Sion, der in der kommenden Runde Gegner der Basler ist.

April: Gigi Oeri ruft Corine Mauch an und erklärt sich bereit, die gesamte Finanzierung des ersehnten Zürcher Fussballstadions zu übernehmen. Als Gegenleistung soll die neue Heimat von GC und FCZ aber den Namen «Frau Oeris Garten» tragen und Frau Mauch in Zukunft die Oerische Igelifrisur in Platinblond. Die Stadtpräsidentin hält das alles für einen Aprilscherz und legt lachend auf.

Mai: Die ZSC Lions präsentieren auf einer überraschend einberufenen Pressekonferenz in der Läckerlihaus-Filiale im Zürcher Hauptbahnhof die Baupläne für ein Eishockeystadion der Superlative. Dieses soll im Sommer 2016 fertiggestellt sein und den Namen «Frau Oeris Eisbahn» tragen. ZSC-Geschäftsführer Peter Zahner zieht mit einer platinblonden Igelifrisur die Blicke auf sich. Alle lachen, nur Corine Mauch nicht.

Juni: Deutschland scheidet an der WM in Brasilien schon in der Vorrunde aus. Ein 4:4 gegen Portugal, ein 3:3 gegen Ghana und ein 5:5 gegen die USA sind unter dem Strich klar zu wenig. Die «Bild»-Zeitung fordert danach, die Rückkehr zu den Wurzeln des deutschen Fussballs. Es gibt Überlegungen, Joachim Löw den Schwingerkönig Matthias Sempach als Assistenten für die Verteidigerausbildung zur Seite zu stellen, oder gleich die DDR-Trainerlegende Ede Geyer zu reaktivieren.

Juli: Während Portugal dank insgesamt zehn Toren von Cristiano Ronaldo sensationell Weltmeister wird und Fifa-Präsident Sepp Blatter auf der Tribüne des Maracana-Stadions in Rio de Janeiro sichtlich erbleicht, suchen die Deutschen noch immer verzweifelt nach der Lösung ihrer Probleme. Joachim Löw schlägt vor, dass es der Chefredaktor der «Bild»-Zeitung doch am besten selber machen soll, statt ständig neue Namen zu kolportieren.

August: Alle sind froh, dass Sommerpause ist. Auch der eigentlich längst zurückgetretene Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld, der nach dem Erreichen des dritten WM-Rangs mehrere Wochen am Stück Autogramme schreiben musste, macht jetzt Ferien.

September: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat nach einer ausgiebigen Google-Analyse, bei der er die Suchworte «Fussballtrainer», «antiquiert», «defensiv», «weite Bälle» und «Rumpelfüssler» in den Computer eingegeben hat, endlich seinen Wunschkandidaten für die Nachfolge von Joachim Löw gefunden. Es ist Erick Ribbeck, unter dem die Deutschen an der EM 2000 in der Vorrunde nur fünf Gegentreffer kassierten. Ribbeck sagt aber ab, weil der inzwischen 53-jährige Lothar Matthäus eine Rückkehr ins Nationalteam als Libero ablehnt. Der DFB gibt schliesslich Matthäus (der hatte schon 37 Bewerbungen geschickt) den Job. Der neue Mann kündigt als erste Massnahme für die EM-Qualifikation die Wiedereinführung des Liberos an.

Oktober: GC und der FCZ beschliessen nach dem für beide Teams enttäuschenden Saisonstart auf die kommende Saison hin eine Fusion. Die Farben des neuen Vereins sind Blau und Rot. Die «Weltwoche» widmet diesem merkwürdigen Umstand eine dreiseitige Reportage, deren Ergebnis ist, dass die Geldgeber aus dem Raum Basel kommen sollen. Dass FCZ-Chef Ancillo Canepa und der neue GC-Präsident Murat Yakin beim Medientermin Roger-Staub-Mützen tragen, deutet die «Weltwoche» als «urbanen Modetrend in Zeiten der ausufernden Migration».

November: Weltmeister Cristiano Ronaldo und Fifa-Präsident Sepp Blatter versöhnen sich hochoffiziell. Die beiden posieren gemeinsam für Ronaldos Unterwäsche-Marke CR7. Statt knapp bemessenen Boxershorts tragen sie zur Enttäuschung mancher Damen Strampelanzüge aus Frotteestoff, die so schön warm geben sollen, dass man auch in den kältesten Walliser Bergnächten in einem ungeheizten Chalet nicht friere. Das jedenfalls versichert Ronaldo in etwas gebrochenem, aber doch sehr respektablem Walliserdeutsch.

Dezember: Sepp Blatter tritt in Zürich vor die Presse und verkündet, dass für die Wahl zum Fussballer des Jahres nur die Stimmen zählen, die an Ronaldo gehen. Die Journalisten verzichten weitestgehend auf kritische Fragen. Ihnen ist im ungeheizten Fifa-Hauptsitz zu kalt.

Verleihung der goldenen Ananas

Simon Zimmerli am Freitag den 20. Dezember 2013
Xherdan Shaqiri am Oktoberfest. (Bild: Reuters)

Xherdan Shaqiri am Oktoberfest. (Bild: Reuters)

Im heutigen Blog werden diejenigen Personen ausgezeichnet, die im vergangenen Fussballjahr für Aufmerksamkeit sorgten.

  1. Die silberne Alice Schwarzer für besondere Verdienste um die Gleichstellung von Mann und Frau geht an Franz Fischlin. Der «10vor10»-Sprecher hat mit seinem «Schalke 05»-Missgeschick eindrücklich bewiesen, dass man auch als Mann keine Ahnung von Fussball haben kann und damit uralte Vorurteile korrigiert. Ausserdem lenkt er die Aufmerksamkeit ein wenig von seiner wegen ihrer irritierenden Haar- und Modeexperimente verhöhnten SF-Kollegin Steffi Buchli. Das muss einfach belohnt werden. Und sollte Fischlin wie einst die ZDF-Sportmoderatorin Carmen Thomas wegen seiner Unkenntnis doch noch entlassen werden, findet sich für ihn sicher eine Praktikantenstelle bei Frau Schwarzers Magazin «Emma».
  2. Der blau-weiss karierte Uli Hoeness für besondere Verdienste um den Freistaat Bayern geht an Xherdan Shaqiri. Endlich wissen die Bayern, wie der ideale Träger ihres traditionellen Outfits mit Lederhosen und wollenen Strümpfen aussieht. Unser aller Kraftwürfel ist mit seiner kompakten, muskelbepackten Gestalt wie geschaffen für die urchige Tracht. Keiner machte am Oktoberfest eine bessere Falle als XS. Das finden wir XL, mindestens. Dass Bayern-Koch Alfons Schubeck seither verzweifelt versucht, seine Entenkeulen genauso stramm hinzubekommen wie Shaqiris Waden, ist ein böses Gerücht.
  3. Das strahlende Licht unter dem Scheffel für besondere Verdienste um die Sache der Tiefstapelei geht an Lucien Favre. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach gab im Sommer einen einstelligen Tabellenplatz als Saisonziel von Borussia Mönchengladbach aus und befindet sich mit seiner Equipe auf Champions-League-Kurs. Mit acht Siegen in den ersten acht Heimspielen der Saison haben Favres Spieler den Uraltrekord der goldenen Generation um Günter Netzer verbessert. Würde die Borussia nicht in einer Liga mit den übermächtigen Bayern spielen, wäre sie sogar ein Kandidat für den Meistertitel. Zudem macht es unheimlich Spass, dem Kombinations- und Tempofussball à la Favre zuzusehen, auch wenn man als FCZ-Fan dabei ein wenig wehmütig wird.
  4. Der Förderpreis der holländischen Gemüsebauern geht an das Schiedsrichtergespann des Champions-League-Spiels zwischen Schalke 04 und dem FC Basel.
    Wer – wie die Herren Unparteiischen vor dem zweiten Treffer – nicht sieht, dass sich der Torschütze Joel Matip und drei weitere Schalker etwa so sehr im Abseits befanden wie ein GC-Anhänger in der FCZ-Südkurve, braucht Hilfe. Wir schenken Referee Tagliavento und seinen Assistenten 40’000 Tomaten. Die können sie zusammen mit denen, die sie auf den Augen haben, an die Migros im Zürcher Hauptbahnhof verkaufen und mit dem Geld beim Optiker neben der Apotheke zwei schöne Brillen anfertigen lassen.
  5. Der rosenrote Cicero für die Erschliessung neuer Sphären der Rhetorik geht an Vujo Gavric.
    Vujo ist nicht nur Bachelor, sondern auch Fussballer beim FC Rapperswil-Jona in der 1. Liga Classic – mit einem eigenen Eintrag auf Transfermarkt.ch (zwei Spiele, eine Verwarnung, je eine Ein- und Auswechslung). Und darum möchten wir ihn dafür belohnen, dass er die Mär vom rhetorisch unbegabten Fussballer ein für alle Mal widerlegt hat. Oder muss man nicht ein veritabler Poet sein, um Sätze wie «Ich will schauen, ob sie feine, zärtliche Haut hat» zu kreieren?
  6. Der goldene Schwätzbesen für voreilige Erfolgsmeldungen geht an Peter Gilliéron.
    Der Präsident des Schweizerischen Fussballverbands plauderte vor der SRF-Kamera optimistisch, als hätte Marcel Koller schon zugesagt, Nachfolger des nach der Weltmeisterschaft in Brasilien scheidenden Nationaltrainers Ottmar Hitzfeld zu werden. «Der Ball liegt bei ihm, und ich gehe eigentlich davon aus, dass es klappt», erklärte Gilliéron seinem Interviewer Rainer Maria Salzgeber jovial. Koller und seinem Management wird dies kaum geschmeckt haben. Fakt ist: Der neben Favre und Murat Yakin beste Schweizer Trainer gab der Nati einen Korb.
  7. Der mit roten Rubinen besetzte Prachtvogel für ornithologische Grosstaten geht an Admir Mehmedi.
    Der Schweizer Nationalstürmer flog im August in seinem dritten Bundesligaspiel für den SC Freiburg auf besonders dumme Weise vom Platz. Nachdem er in der 72. Minute eingewechselt worden war, sah er in der Nachspielzeit Rot, weil er sich nach einem ihm nicht genehmen Entscheid bemüssigt sah, dem Linienrichter den Vogel zu zeigen.

Wer hat Ihrer Meinung nach auch eine spezielle Auszeichnung verdient?

Murat Yakin ist zum Erfolg verdammt

Simon Zimmerli am Freitag den 13. Dezember 2013
Murat Yakin.

Wenn der FCB Murat Yakin nicht will, wird dieser nicht lange nach einer neuen Stelle suchen müssen: Basel-Trainer Yakin, 7. Dezember 2013. (Keystone/Patrick Straub)

Zwei Siege gegen Chelsea reichen dem FC Basel nicht, um die K.-o.-Phase der Champions League zu erreichen. Er spielt nach dem 0:2 gegen Schalke 04 im nächsten Frühjahr lediglich in der Europa League. Und auch sonst scheint die Sonne nicht am Rheinknie. Ein Rückblick auf die vergangenen Wochen.

«Der Trainer ist wichtig, aber nicht alles», liess sich Georg Heitz, Sportdirektor des FC Basel, von der «NZZ am Sonntag» vor knapp zwei Wochen entlocken und «überraschend ist einzig, dass Yakin so viel Erfolg hat». Es war der vorläufige Höhepunkt mit Kritik und – in diesem Fall – fehlender Wertschätzung an die Adresse von Murat Yakin. Im Vorfeld gab es «kommunikative» Missverständnisse zwischen Yakin und seinem Captain Marco Streller, Kritik innerhalb der Mannschaft an seinem Spielsystem, aufmuckende Zwillinge und Maulwürfe, welche die Medien in regelmässigen Abständen mit Internas fütterten und so einen wesentlichen Bestandteil der atmosphärischen Störungen bildeten, die von FCB-Präsident Bernhard Heusler ausgemacht wurden.

Yakin wurde mit dem FC Basel Meister und führte den Ligakrösus in den Cupfinal. Der FCB ist aktuell Tabellenführer der Super League und steht mit einem Bein im Halbfinal des Schweizer Cups. Ausserdem überwintert er international, wenn auch lediglich in der Europa League. Yakin hat mit den Baslern in dieser Saison nur drei Pflichtspiele verloren, gegen den FCZ und zweimal gegen Schalke 04.

Das Palmarès von Yakin liesse sich mit seiner Arbeit beim FC Luzern und beim FC Thun nach Belieben erweitern. Die Aufgabe in Basel ist eine andere und ungleich schwieriger, der Druck um einiges grösser. Dem Cheftaktiker stehen 16 aktuelle oder ehemalige Nationalspieler zur Verfügung, die alle den Anspruch haben, zu spielen. Das birgt, neben Yakins natürlicher Autorität, die ihm oft als Arroganz angelastet wird, Probleme. Der 39-jährige Münchensteiner nimmt keine Rücksicht auf prominente Namen, das hat er bereits bei der Personalakte A. Frei demonstriert. Viele Spieler tun sich zudem schwer mit seinem distanzierten Führungsstil. Yakin scheint unnahbar und mit seinen mangelnden Soft-Skills ist er zum Erfolg verdammt. Bleibt dieser Erfolg aus, ist er angreifbar, wie zuletzt nach zwei Unentschieden in der Meisterschaft und zwei Punkteteilungen gegen den amtierenden rumänischen Meister Steaua Bukarest.

Auch im Anschluss an das Champions-League-Spiel in Gelsenkirchen liess Heitz ein klares Bekenntnis zum Trainer vermissen. Soll sich die Basler Führungsetage ruhig noch ein wenig Zeit lassen mit der Vertragsverlängerung. So bleibt die kleine Hoffnung, dass uns der Schweizerische Fussballverband SFV – entgegen allen Erwartungen – ein schönes Geschenk in Form eines neuen Nationaltrainers unter den Weihnachtsbaum legt: Murat Yakin.

Was denken Sie, liebe Steilpass-Leser, wechselt Yakin bereits in der Winterpause zu Lazio Rom? Bleibt er dem FCB auch in der neuen Saison erhalten oder wird er gar Nati-Trainer?

Das perfekte Fussballteam

Simon Zimmerli am Montag den 9. Dezember 2013
Gehts noch besser? Franck Ribéry (r.) und David Alaba stossen mit den Bayern in neue Dimensionen vor.

Gehts noch besser? Franck Ribéry (r.) und David Alaba stossen mit den Bayern in neue Dimensionen vor.

Seit 40 Bundesliga-Spielen ist der FC Bayern nun ungeschlagen. Zuletzt gab der deutsche Rekordmeister seinen einstigen Erzrivalen Werder Bremen der Lächerlichkeit preis. Ein 7:0 für die Bayern leuchtete am Samstag auf der Anzeigetafel des Weserstadions auf. Zweikampfstärke, Passgenauigkeit, gedankliche Schnelligkeit – die Gäste brillierten von A bis Z. Die Bremer Fans pfiffen nicht einmal. «Ich danke meinen Spielern für diese Leistung. Es ist eine Ehre, ihr Trainer zu sein», schwärmte der Münchner Chefcoach Pep Guardiola.

Oliver Kreuzer, der Sportchef des Hamburger SV, war von diesem Resultat so beeindruckt, dass er seine Mannschaft eindringlich um eine baldige Leistungssteigerung bat. Sie muss am kommenden Samstag um 15.30 Uhr in München aufs Feld. «So kriegen wir gegen Bayern zwölf Stück. Wir sollten bei der DFL beantragen, mit 13 Spielern oder zwei Torhütern aufzulaufen», sagte Kreuzer nach dem 0:1 des HSV gegen Augsburg.

Ganz unberechtigt sind die Ängste des früheren Bayern- und Basel-Profis nicht: Die Bayern treffen derzeit nach Belieben, und das Hamburger Ensemble gleicht in der Defensive auch nach dem Trainerwechsel (Bert van Marwijk übernahm von Thorsten Fink) bisweilen einem Wackelpudding. 32-mal hat es in dieser Saison schon im Hamburger Kasten geklingelt, nur Hoffenheim steht mit 35 Gegentreffern noch schlechter da. Die Bayern dagegen weisen eine Tordifferenz von 39:7 auf.

Die vor der Saison aufgeworfene Frage, ob der Triple-Sieger Bayern München mit Guardiola auf der Trainerbank noch besser werden könne als unter dessen Vorgänger Jupp Heynckes, kann man nun getrost mit einem Ja beantworten. Die «Bild am Sonntag» behauptet sogar, dass der FC Bayern in dieser Form Weltmeister würde und damit besser sei als die deutsche Nationalelf und der aktuelle Welt- und Europameister Spanien.

Gewöhnlich übertreiben die Journalisten der Zeitung mit den grossen Buchstaben, aber diesmal könnten sie richtig liegen. Bei den Bayern greift ein Rädchen ins andere, als wären sie wirklich eine Maschine. Zudem wissen sie mit Guardiola und Sportvorstand Matthias Sammer zwei absolute Perfektionisten in ihren Reihen, die unnachgiebig immer noch mehr Leistung fordern. Der Konkurrenzkampf auf allen Positionen tut das Übrige. Ganz generell sind Vereinsmannschaften wohl höher einzuschätzen als Nationalteams. Nicht zuletzt deshalb, weil der Trainer täglich und nicht nur alle paar Wochen mit seinen Spielern arbeiten kann und sich die Teams über Transfers flexibel verstärken lassen.

Man darf sich durchaus fragen, wann es bei einem Bayern-Spiel zweistellig wird. Dem HSV schenkten die Bundesliga-Überflieger bereits in der vergangenen Saison neun Tore ein. Das 0:7, das der FC Basel in der vorletzten Saison im Rückspiel der Champions-League-Achtelfinals bezog, erscheint allmählich gar nicht mehr so beschämend. Schliesslich ist der FCB in guter Gesellschaft.

Was meint ihr, liebe Steilpass-Leser – sind die Bayern wirklich so gut, dass sie Weltmeister würden, wenn sie Sepp Blatter in Brasilien spielen liesse? Oder steht hinter der Behauptung das übergrosse deutsche Fussball-Selbstbewusstsein?

Natitrainer (50%) gesucht

Simon Zimmerli am Montag den 2. Dezember 2013
Der Platz neben Pont wird frei: Die Nati steht vor dem Spiel gegen Albanien während die Nationalhymne ertönt. Rechts der abtretende Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld. (Keystone/Peter Klaunzer)

Der Platz neben Michel Pont wird frei: Ein Teil der Nati singt vor dem Spiel gegen Albanien die Nationalhymne. Rechts der abtretende Trainer Ottmar Hitzfeld. (Keystone/Peter Klaunzer)

Ein namhafter Kunde von uns mit Sitz in Bern ist ein führender Unterhaltungsanbieter im Bereich Brot und Spiele. Im Zuge der Nachfolgeregelung suchen wir für ihn per 1. Juli 2014 oder nach Vereinbarung einen

Natitrainer 50%

Aufgrund der Teamzusammenstellung bevorzugen wir einen männlichen Bewerber.

Ihre Aufgaben:

Im Fokus stehen die einmonatigen Ferienlager, die alle zwei Jahre stattfinden. Für Frankreich 2016 rekrutieren Sie erfolgreich junge und modebewusste Männer mit fussballerischen Qualitäten, bilden diese weiter und begleiten sie. Mit Ihrem selbstbewussten Auftreten und Ihrer Überzeugungskraft, wahlweise mit zusätzlichem Ohrschmuck oder einer Playstation, setzen Sie sich in persönlichen Gesprächen und im Beisein mit deren Familie, erfolgreich gegen Mitkonkurrenten durch. Sie sprechen daher fliessend serbokroatisch oder albanisch. In dieser verantwortungsvollen Position bedienen Sie in Eigenverantwortung die Magnettafel und schreiben SMS.

Da Sie langfristig denken, bereitet Ihnen die intensive und zeitaufwändige Beziehungspflege zur  Presse keine Mühe. Sie achten auf ein gepflegtes Äusseres und sind sich den Umgang mit Sponsoren gewohnt. Sie sind Dreh- und Angelpunkt zwischen Spielern, Fussballclubs und medizinischer Abteilung, reisen gerne und mögen Fussball.

Nebst Ihrer interkulturellen Kompetenz ist auch pädagogisches Geschick gefragt. Sie verstehen es wie kein anderer, auf sensible Spieler einzugehen und in Kurznachrichten die richtigen Worte für die Nichtnomination zu finden. Sie bewahren auch nach Niederlagen einen kühlen Kopf und sind ein Kommunikationsprofi. Die Freude am Reisen und Ihre Offenheit gegenüber Menschen aus fremden Kulturen runden Ihr Profil ab.

Ihre besonderen Fähigkeiten

  • Unpopuläre Einwechslungen nach der 75. Minute
  • Aushalten eines fix definierten Tribünenplatzes
  • Versierte zweisprachige Aussagen und Floskeln nach Kanterniederlagen
  • Ein eng geschnürter Regenmantel in heiklen Situationen
  • Durchhalteparolen nachdem man gegen Gegner ausserhalb der Top 100 ein 4:1 verspielt hat
  • Plausible Erklärungen nachdem man dem Linienrichter den Stinkefinger gezeigt hat
  • Taktische Kabinettstückchen, die gegen übermächtige Gegner zu Zufallstoren führen
  • Glaubwürdige Gestik an der Seitenlinie in ausweglosen Situationen
  • Michel Pont als Assistenztrainer
  • U-19-Spieler mit Migrationshintergrund zu Freunden ausbilden

Wir wenden uns an eine gestandene ausländische Persönlichkeit (oder CH mit Migrationshintergrund), die es sich gewohnt ist, zweite Wahl zu sein. Wenn Sie zudem eine hohe Affinität für Themen wie Frisuren, Modeaccessoires und Naildesign haben und alle Anforderungen erfüllen, dann würden wir Sie gerne kennen lernen.

Haben wir Sie neugierig gemacht? Dann senden Sie uns Ihr kurzes Motivationsschreiben unten in den Kommentaren zu. Wir freuen uns darauf und auf eine diskrete und vertrauliche Bearbeitung können Sie zählen.

Arbeitsort: Tessin und Feusisberg

FCZ: Beschämende Behandlung eines HIV-positiven Fussballers

Simon Zimmerli am Montag den 18. November 2013
Daniel Tarone, Lucky Isibor, Miroslav Koenig, Mario Raimondi und Marc Schneider, von links nach rechts, die neuen Spieler des FC Zuerich, aufgenommen beim Fototermin des FCZ in Zuerich am Montag 1. Juli 2002. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Vorstellung der neuen FCZ-Spieler vor elf Jahren: Daniel Tarone, Lucky Isibor, Miroslav König, Mario Raimondi und Marc Schneider (v.l.n.r.) an einem  Fototermin des FCZ, 1. Juli 2002. (Keystone/Walter Bieri)

Die Geschichte, die sich vor über zehn Jahren ereignete, im Frühling dieses Jahres vor dem Zürcher Obergericht verhandelt wurde und nun rechtskräftig ist, war den meisten Medien nur eine Randnotiz wert: «FCZ muss 315‘000 Franken zahlen». Was war passiert?

Auf die Saison 2002/03 hin, war der FC Zürich eifrig an der Transferfront tätig und vermeldete bereits im Frühling 2002 stolz den Zuzug von Anthony Joseph Isibor. Isibor war ein grossgewachsener und kräftiger Stürmer, der fortan mit Alhassane Keita für die Tore sorgen sollte.  Kurz vor dem Saisonstart teilte der damalige Präsident Sven Hotz in einem Zeitungsinterview mit, dass er immer noch auf die Freigabe des südkoreanischen Clubs Samsung Blue Wings, Isibors letztem Arbeitgeber, warte. In Tat und Wahrheit hatte der FCZ den damals 25-jährigen Nigerianer bereits wieder entlassen. Fristlos, knapp zwei Monate nach der Vertragsunterzeichnung.

Der inzwischen verstorbene nigerianische Fussballer Lucky Isibor, 1. Juli 2002. (Keystone/Walter Bieri)

Der inzwischen verstorbene nigerianische Fussballer Lucky Isibor, 1. Juli 2002. (Keystone/Walter Bieri)

Bei den medizinischen Tests wurde Isibor eine tadellose physische Leistungsfähigkeit attestiert, allerdings stellte der FCZ-Mannschaftsarzt bei ihm auch eine HIV-Infektion fest. Nun stellte man Isibor grosszügig vor die Wahl; entweder er würde seine Mitspieler darüber informieren, dass er das HI-Virus in sich trägt – oder er würde entlassen. Jeder kann sich vorstellen, wie ein Grossteil seiner Mitspieler vermutlich reagiert hätte. Isibor verzichtete auf sein Outing. Fraglich ist auch, wie es überhaupt zum Aids-Test gekommen ist, gehört er doch nicht zum Standard von Gesundheitsabklärungen im Sport. Und eigentlich bedarf er auch der Einwilligung des betroffenen Spielers.  Die Verantwortlichen des FC Zürich hüllen sich in Schweigen.

Die Aids-Hilfe Schweiz ist schockiert über das Vorgehen des Stadtclubs. «Es gibt keinen Beruf, der es rechtfertigen würde, HIV-positive Menschen auszuschliessen», sagt der Medienverantwortliche Harry Witzthum und erzählt vom Fall eines technischen Operationsassistenten, der aufgrund seiner positiven HIV-Diagnose von der Ausbildung ausgeschlossen wurde. Ein Rechtsgutachten eines angesehenen Infektiologen stellte fest, dass unter Wahrung der ohnehin üblichen Vorsichtsmassnahmen – wie sie auch im Fussball gelten – im Umgang mit Blut keinerlei Ansteckungsrisiko vorhanden war. «Selbst in Gesundheitsberufen ist somit unter der Beachtung von normalen Richtlinien HIV keine Gefährdung», sagt Witzthum. Der Ausbilder musste daraufhin den Ausschluss wieder rückgängig machen.

Elf Jahre sind vergangen, seit Isibor vom FCZ entlassen wurde. Dass der Verein nun 315’000 Franken zahlen muss, nützt ihm nichts. Er fand nach dem kurzen Gastspiel in Zürich keinen neuen Verein mehr und beendete seine Fussballerkarriere mit 25 Jahren. Daraufhin reiste er in seine Heimat Nigeria und verstarb gemäss der Zeitung «The Punch» diesen Sommer im Alter von 36 Jahren nach kurzer Krankheit. Eine menschliche Tragödie.

Ich war schockiert über die zahlreichen Kommentare auf der Online-Plattform einer grossen Schweizer Tageszeitung, nachdem das Urteil des Obergerichts im Fall Isibor veröffentlicht wurde. Es gab Leser, die Isibor als tickende Zeitbombe und Gefahr für Mit- und Gegenspieler darstellten. Es würde wohl einigen Menschen gut tun, sich besser über die möglichen Übertragungswege des HIV-Virus zu informieren.

Was denken Sie liebe Leserinnen und Leser? Wie sollte ein Verein in einer solchen Situation handeln?

Unverständliches Urteil nach Bundesliga-Phantom-Tor

Simon Zimmerli am Donnerstag den 31. Oktober 2013

Das Sportgericht des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) ging mit dem Urteil über Kiesslings Phantom-Tor (Video oben) zum zwischenzeitlichen 0:2 im Spiel der TSG Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen (1:2) den Weg des geringsten Widerstandes und vermied so die Konfrontation mit dem Weltverband FIFA.

Ich bin ein Gegner von neuen Fussball-Technologien. Fussball beruht auf Tatsachenentscheidungen. Leider auch auf falschen Tatsachenentscheidungen. Das Tor von Stefan Kiessling am 18. Oktober 2013 wurde aber nicht durch einen ungerechtfertigten Penalty oder aus einer Offside-Position erzielt, der  Bundesliga-Torschützenkönig aus der letzten Saison erzielte das 2:0 für Leverkusen mit einem Kopfball durch das Aussennetz. Dies hat für mich weniger mit einem Tatsachenentscheid des Schiedsrichters, als viel mehr mit einer nicht intakten Spielanlage zu tun. Es ist die Aufgabe der beiden Linienrichter, die Tornetze vor Spielbeginn zu prüfen.

Vor knapp 20 Jahren hat das Sportgericht des DFB in einem ähnlichen Fall noch anders entschieden (siehe Video unten). Wenn aber die FIFA bereits im Vorfeld der Verhandlung darauf aufmerksam macht, dass die Tatsachenentscheidung nach wie vor eines der höchsten Güter ist, hat  man auch als DFB-Sportgericht schlechte Karten. Kommt erschwerend hinzu, dass es  in der Spielordnung der Deutschen Fussball Liga unter Paragraf 14 heisst, dass rechtskräftige Entscheidungen zu Spielwiederholungen zur abschliessenden Beurteilung der FIFA vorgelegt werden müssen. Hätten die Hoffenheimer vor dem DFB-Sportgericht ein Wiederholungsspiel erwirkt, hätte dies nicht zwingend stattfinden müssen. Deshalb verzichten die Verantwortlichen der TSG 1899 Hoffenheim wohl auch darauf, Berufung einzulegen.

Verlierer sind in diesem Fall eigentlich fast alle. Die Hoffenheimer, die betrogen worden sind, Schiedsrichter Felix Brych und  seine Assistenten, die das Phantom-Tor nicht als solches erkannt haben und das Sportgericht des DFB, das in seinem Urteil von der FIFA massgeblich beeinflusst wurde. Leidtragender ist auch Kiessling, der das Kunststück vollbrachte, das Leder durch eine einzelne gerissene Masche zu bugsieren und nun die neue Unsportlichkeit in der Bundesliga verkörpert. Der 29-jährige, der trotz seiner vielen – regulären – Tore von Bundestrainer Löw, nie mehr berücksichtigt wurde,  musste seine Facebook-Seite vom Netz nehmen, nachdem ein Shit-Storm über ihn hereinbrach. Selbst öffentliche Personen wie der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Andreas Biebricher liess sich in einem Forum zu folgendem Kommentar hinreissen: «Ich war immer dafür, dass er eine Chance in der Nationalelf bekommt. Aber jetzt soll sich der charakterlose Typ beide Beine brechen», wie der «Express» weiss.

Diese Loch zu treffen, war ein extremer Zufall: Geflicktes Netz in Hoffenheim. (Keystone/Uwe Anspach)

Dieses Loch zu treffen, war nicht einfach: Geflicktes Netz in Hoffenheim. (Keystone/Uwe Anspach)

Ich mache Stefan Kiessling keinen grossen Vorwurf (es ist für einen Spieler auch kaum fassbar, wie ein vermeintlich daneben geköpfelter Ball plötzlich im Netz zappelt) aber er sowie alle anderen Beteiligten von Leverkusen, die gesehen haben, dass der Ball ausserhalb des Tores eingeschlagen hat, haben es verpasst, ihrem farblosen Pillenclub durch eine grosszügige Fairness-Geste etwas Glanz zu verleihen und die Bundesliga in Fussballromantik zu hüllen.

Zu viele Köche, die den Brei verderben

Simon Zimmerli am Freitag den 25. Oktober 2013
Der Zuercher Trainer Urs Meier geht seinen Gedanken nach, vor dem Fussballspiel der Super League zwischen dem FC Zuerich und dem FC Aarau, am Donnerstag, 26. September 2013, im Letzigrund Stadion in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Hat sich nach der Kanterniederlage gegen Aarau vor das Team gestellt: FCZ-Trainer Urs Meier, 26. September 2013. (Keystone/Steffen Schmidt)

Für einmal teile ich die Meinung von Kollege Türkyilmaz, der in seiner «Blick»-Kolumne mit Urs Meier, Trainer des FC Zürich, Tacheles redet. Ich wäre auch nicht unglücklich gewesen, wenn Meier an der ersten grossen Trainerentlassungswelle in der Super League teilgenommen hätte, und trete heute nicht nur als Blogger, sondern als Fan des FCZ auf.

Der FCZ müsste in der Meisterschaft mit Chikhaoui, Gavranovic, Pedro und Chiumento vorne mitspielen. Was Meier mit grosser Sozialkompetenz, Loyalität und dem Streben nach Erfolg bei seinem Amtsantritt gelungen ist, nämlich aus Individualisten eine Mannschaft zu formen, ist nun sein grosses Manko. Auf dem Rasen spielt eine unorganisierte und vor allem undisziplinierte Elf, der ganz offensichtlich eine ordnende Hand fehlt.

FCZ Trainer Urs Meier, links, und der Technische Direktor Marco Bernet, rechts, stellen sich den Fragen der Journalisten, anlaesslich einer Medienkonferenz im Hinblick auf die neue Fussballsaison, am Montag, 8. Juli 2013, in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Der Technische Direktor des FCZ sah offensichtlich ein anderes Spiel gegen Aarau als der Trainer: Coach Urs Meier (l.) und der Technische Direktor Marco Bernet, 8. Juli 2013. (Keystone/Steffen Schmidt)

Wer das Spiel in Aarau nicht gesehen hat, hätte nach Meiers Interview kurz nach Spielschluss beinahe das Gefühl bekommen können, dass auch eine Punkteteilung gerecht gewesen wäre. Ich habe mir die Rückkehr ins Brügglifeld anders vorgestellt und habe ein anderes Spiel gesehen als Meier. Während dieser 90 Minuten habe ich keinen Spieler ausmachen können, der sich gegen die Niederlage gestemmt hat, vielleicht abgesehen von Pedro. Es ist positiv zu werten, wenn sich ein Trainer vor die Mannschaft stellt und sich mit Kritik an einzelnen Spielern zurückhält. Wenn der FCZ aber 1:5 in Aarau verliert, selbst Sportchef Bernet von Zerfall spricht und Meier der Mannschaft keinen Vorwurf machen kann, da sie nie aufgegeben hätte, dann ist das der blanke Hohn.

Dass Philippe Koch die Mannschaft als Captain auf den Platz führt, ist Sinnbild für dieses Team. Der FCZ hat keine Leader-Figuren. Stattdessen hat er Spieler, die sich für ihre Nationalmannschaft zerreissen und in der Super League nur durch Undiszipliniertheit und Lustlosigkeit auffallen. Chikhaoui konnte früher Spiele entscheiden, heute ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er kann es noch, wie er jüngst in der tunesischen Nationalmannschaft gegen Kamerun bewiesen hat. In der Super League wirkt er meist lustlos. Ausser Benito ist die Zürcher Verteidigung stets überfordert, und vorne konnte Josip Drmic nicht ersetzt werden. Djimsiti, einziger Lichtblick im dunklen FCZ-Keller, spielt diese Saison bei Meier kaum eine Rolle, obwohl er in der zurückliegenden Spielzeit der konstanteste Mann in der Hintermannschaft war.

FCZ Trainer Urs Meier, rechts, und Assistent Massimo Rizzo, links, stellen sich den Fragen der Journalisten, anlaesslich einer Medienkonferenz im Hinblick auf die neue Fussballsaison, am Montag, 8. Juli 2013, in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Teammanager Massimo Rizzo (l.) und Trainer Urs Meier, 8. Juli 2013. (Keystone/Steffen Schmidt)

Präsident Canepa wird langsam, aber sicher zur Kenntnis nehmen müssen, dass seine Billiglösung – Chefcoach Urs Meier, Teammanager Massimo Rizzo und Marco Bernet als Technischer Direktor – keinen sportlichen Erfolg garantiert. Auch wenn dies sein Portemonnaie weniger strapaziert. Nach einem kurzen Zwischenhoch im letzten Frühling müssen diese eher unbekannten Vertreter des Schweizer Fussballs erst noch den Beweis antreten, dass die Super League nicht doch eine Schuhnummer zu gross ist. Dazu zähle ich auch Thomas Bickel, der im 50-Prozent-Pensum als neuer Chef-Scout und Talentmanager vorgestellt wurde.

Eine weitere Kanterniederlage dürften sich Meier und Co. kaum mehr leisten können. Dass mit dem kurzerhand begnadigten Gavranovic die Wende kommt, ist eine schwache Hoffnung, zumal die beiden nächsten Gegner FC Basel und GC heissen.

Es sind schon einige andere Trainer gescheitert, die es aus der Junioren-Abteilung in die höchste Spielklasse gespült hat.

Ich habe fertig.

Deutschlands Angst vor dem Abwehrpudding

Simon Zimmerli am Freitag den 18. Oktober 2013
Warum so sorgenvoll? Deutschlands Trainer Joachim Löw während des Schweden-Spiels.

Warum so sorgenvoll? Deutschlands Trainer Joachim Löw während des Schweden-Spiels. Foto: Keystone.

Es gab Zeiten, da taten einem die Schienbeine schon weh, wenn man nur die Namen der deutschen Abwehrspieler hörte. Es war die Epoche der Terrier und Treter, die eine Verwarnung noch als Auszeichnung sahen. Berti Vogts, Ditmar Jakobs, die Gebrüder Förster und Manni Kaltz. Inzwischen hat sich die Lage aber drastisch verändert. Deutschland steht für attraktiven Angriffsfussball mit vielen Toren – und eben auch vielen Gegentreffern. Alleine in den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Schweden (4:4, 5:3) klingelte es siebenmal im deutschen Tor.

«Wie sollen wir mit so einer Abwehr Weltmeister werden?», fragte die «Rheinische Post» bereits beunruhigt, nachdem die DFB-Elf am Dienstag in Stockholm einem 0:2-Rückstand nachjagen musste. Ein Votum, das durchaus repräsentativ ist für die Stimmungslage im Land von Franz Beckenbauer, der sich in den Reihen der DFB-Elf mehr «harte Hunde» wünscht und einen Mangel an Männlichkeit ortet. Die deutsche Fussballgemeinde befürchtet etwas mehr als 200 Tage vor der WM-Endrunde, dass sich Joachim Löws Mannschaft bei der Titeljagd in Brasilien am Abwehrpudding verschluckt, der aus Fehlern von Mats Hummels oder Jérôme Boateng zubereitet ist.

Natürlich, Boateng ist bisweilen etwas gar sorglos, und Hummels scheint seine Priorität vor allem darauf zu legen, als deutscher Verteidiger mit den wenigsten gelben Karten in die Geschichte einzugehen, vielleicht weil er sich einen sportlichen Friedensnobelpreis erhofft. Die Panik der Deutschen ist dennoch Unsinn. Sie sind vorne und in der Mitte so gut, dass sie auch mit einer Wackelpuddingabwehr noch sehr schwierig zu bezwingen sind.

Deutschlands Problem ist nicht die Abwehr, sondern die Angst vor dem Versagen. Denn diese ist das Gegenteil von Siegermentalität und ein Garant dafür, bei der nächsten Gelegenheit ähnlich jämmerlich auszuscheiden wie im EM-Halbfinal 2012 gegen Italien und im WM-Halbfinal 2010 gegen Spanien, als der Mut jeweils in der Garderobe geblieben war.

Wer etwas gewinnen will, darf das Risiko nicht scheuen, und er darf sich schon gar nicht durch böse Überraschungen aus dem Konzept bringen lassen. Die Schweizer sind – endlich einmal – ein gutes Vorbild für den grossen Nachbarn. Sie haben nach dem kuriosen 4:4 gegen Island in den entschiedenden WM-Qualifikationsspielen in Norwegen (2:0) und Albanien (2:1) mit Offensivgeist die Zweifel vertrieben. Und mit einer Portion Goodwill betrachtet, war dann auch das Island-Spiel gar nicht mehr so schlimm. Immerhin hatten sich die Schweizer nach dem 4:1 nicht als Verwalter versucht, sondern auf den fünften Treffer gedrängt.

Ich freue mich, wenn ich höre, dass der leider scheidende Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld im deutschen Fernsehen selbstbewusst verkündet, dass er mit der Schweizer Mannschaft an der WM-Endrunde im kommenden Sommer für Furore sorgen will und die Viertelfinalqualifikation als durchaus realistisches Etappenziel ansieht. Und ich finde es grossartig, dass Granit Xhaka ausspricht, was unverkennbar ist: Wir gehören längst nicht mehr zu den kleinen Nationen. Platz 7 im ansonsten wenig aussagekräftigen Ranking von Sepp Blatters Fussballförderanstalt (Fifa), die WM-Qualifikation ohne Niederlage und der Testspielsieg über Brasilien kommen nicht von ungefähr. Hoffentlich merken die Deutschen nicht, dass sie mit dem neuen Schweizer Selbstbewusstsein Weltmeister würden.