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Sind Japaner die besseren Brasilianer?

Annette Fetscherin am Freitag den 9. August 2013

Spektakelmacher, Publikumsliebling, Leistungsträger. Wer früher einen Brasilianer verpflichtete, tat dies in der Absicht, seinen Fans etwas zu bieten. Der Trend zeigt aber, dass sich Fussballeuropa nicht mehr unbedingt nach Westen orientiert, sondern ungefähr in gleicher Distanz nach Osten. In der Super League ist nicht etwa ein Südamerikaner der Überraschungsmann der Stunde, sondern mit Yuya Kubo ein Japaner. Sind die Japaner die neuen Popstars des Fussballbusiness?

In der Bundesliga spielten in der letzten Saison elf Japaner, also einer auf jeden zweiten Verein. Noch vor sechs Jahren war Naohiro Takahara der Einzige. Der Fussball boomt im Baseball-Land, immer wieder bringt Japan Ausnahmetalente hervor. Die Nationalmannschaft sichert sich als erste Nation einen Platz an der WM 2014. Und Japaner können die Massen begeistern. Dies beweist Shinsji Kagawa wie kein Zweiter. Als er 2010 aus Osaka nach Dortmund wechselte, kannte niemand den 1,72 Meter kleinen Mittelfeldspieler. Doch Kagawa eroberte die Herzen mit japanischen Eigenschaften. Er ist flink, wendig, technisch stark und zeigt einen unbändigen Einsatz und Leidenschaft.

In ähnlicher Manier präsentiert sich auch Yuya Kubo in Bern. Auf dem Platz schnell, spielintelligent und eiskalt vor dem Tor. Drei Treffer in vier Spielen – und das ohne auch nur einmal in der Startformation zu stehen. Er, der eigentlich gar nicht so richtig gewollt wurde, lässt seine Leistung für sich sprechen. Und ist in Bern bereits absoluter Publikumsliebling.

Japaner sind keine Strandfussballer – um noch einmal auf den Vergleich mit den Brasilianern zurückzukommen. Japaner bestechen durch Bescheidenheit und Mannschaftsdienlichkeit. Und irgendwie sind sie einfach sympathisch. Man kann etwa Atsuto Uchida, dem Mittelfeldspieler von Schalke, nicht böse sein, wenn er bei der Saisoneröffnung vor 100’000 verkündet: «Leck mich am Arsch, danke. Leck mich am Arsch.» Verlegen lächelt und sich hinter den Kollegen versteckt.

Japaner sind zumeist fröhliche Menschen, doch auf dem Platz längst nicht so unbekümmert wie Brasilianer. Kagawa beispielsweise wechselte für 22 Millionen Euro zu Manchester United und setzte sich da zu sehr unter Druck. Die Saison war schwierig, von Verletzungen und Formtief geprägt.

Trotzdem gerät in Dortmund eine ganze Stadt in Wallung, wenn Kagawa davon spricht, zurückzukommen. Weil er sich offensichtlich in England noch nicht so richtig zu Hause fühlt. Und weil die Gruppe wichtig ist für die Spieler seiner Kultur, die sich eigentlich sehr ungern in den Mittelpunkt stellen. Die aber durch ihre Leistung – so wie auch Yuya Kubo – automatisch ins Zentrum des Interesses geraten.

Japaner sind keine Brasilianer, aber sie haben das Zeug dazu, ähnlich grosse Glanzpunkte zu setzten wie das Fussballvolk auf der anderen Seite der Erdkugel. Nur mit anderen Argumenten. Vielleicht etwas schüchtern und unaufdringlich. Aber aufgestellt, neugierig und lernfreudig.

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