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Das tunesische Fragezeichen

Simon Zimmerli am Donnerstag den 4. April 2013

Der Steilpass begrüsst heute einen weiteren neuen Blogger: Simon Zimmerli. Willkommen!

Yassine Chikhaoui (l.) kämpft mit dem St. Galler Stephane Besle um den Ball, 30. März 2013. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Wird Chikhaoui überzeugen können? Im Bild: FCZ-Spieler Yassine Chikhaoui (l.) kämpft mit dem St. Galler Stephane Besle um den Ball, 30. März 2013. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Ostersamstag 2013: Regen, Kälte, Wind von vorne, hinten, links und rechts. Letzigrund-Tristesse halt. Nebst dem Bier, der Elektrowurst und der freien Sicht auf die Tartanbahn gibt es aber zwei weitere gute Gründe, weshalb ich mich immer wieder hinreissen lasse, sechzig Franken für den Eintritt in das Leichtathletikstadion neben dem Schlachthof zu bezahlen; der drohende Modefanstempel und Yassine Chikhaoui. Ich will auf jeden Fall dabei sein, wenn der talentierteste Spieler, der in den letzten 80 Jahren in der Schweiz gespielt hat, endlich wieder explodiert. Wenn er – wie 2007 gegen GC – den Ball in Maradona-Manier von der Mittellinie nach vorne trägt, die Abwehrspieler wie Slalomstangen umdribbelt und seinen Auftritt 35 Sekunden nach dem Anpfiff mit dem erfolgreichen Torschuss krönt. Ich will dabei sein, wenn er erst scheinbar teilnahmslos über das Feld schlendert, um dann innerhalb von Sekundenbruchteilen ein fussballerisches Feuerwerk zu zünden. Ich will dabei sein, wenn er auf den Storchenbeinen, die seiner Geschmeidigkeit und Eleganz keinen Abbruch tun, eine Ehrenrunde dreht, wenn er den Baslern und den Grasshoppers Knöpfe in die Beine dribbelt, als sei er eine zu Fleisch gewordene Playstation-Figur.

Doch zurück in die Realität, die triste, regnerische, kalte mit Wind von vorne, hinten, links und rechts. Chikhaoui war zwar einer der besseren auf dem Platz, ist jedoch immer noch ein Schatten seiner selbst. Er hat die Bälle zwar grazil aus der Luft gepflückt und bisweilen auch schön an die Mitspieler weitergeleitet, dafür fehlte es ihm aber an Bissigkeit und an Mut, in die Zweikämpfe zu steigen. Vollkommen körperlos kann auch ein Ausnahmetechniker wie der Tunesier international nicht mehr bestehen. Chikhaoui fehlt es nach seiner epischen Krankengeschichte mit Patellasehnenproblemen, Adduktorenverletzungen, Schienbeinbruch und Muskelfaserriss an Mut und Selbstvertrauen. Die psychischen Folgen des Pechs, das ihm an den Stollen klebte, sind noch schwieriger loszuwerden als die physischen.

Yassine Chikhaoui (l.) kämpft mit dem um den Ball, 13. März 2013. (Foto: Keystone/Martial Trezzini)

Yassine Chikhaoui (l.) im Spiel gegen Servette. Rechts: Christian Schlauri, 13. März 2013. (Foto: Keystone/Martial Trezzini)

Yassine Chikhaoui ist sechs Jahre älter geworden beim FC Zürich und konnte durch seine vielen Verletzungen lediglich jedes vierte Pflichtspiel bestreiten. Mit Blick auf die Lohnliste des FC Zürichs muss Yassine Chikhaoui bis zum heutigen Zeitpunkt als Fehltransfer taxiert werden. Fehltransfers gab es so einige in jüngster Zeit beim FCZ. Ludovic Magnin war so einer. Die beiden Schweden, Andrés Vásquez und Emra Tahirovic waren zwei, die es sich mit dem stolzen Salär für die 1. Mannschaft eine lange Zeit im FCZ Nachwuchs gemütlich machten. Und wenn wir weiter zurückblicken, dann haben wir da auch noch Leihgabe Tomas Brolin, die lethargische schwedische Kugel mit glorioser Italien-Vergangenheit und den argentinischen U-20-Weltmeister Francisco Guerrero, den Ex-Präsident Sven Hotz für 3,5 Millionen verpflichtete und unter tosendem Applaus an der Hand zum Mittelkreis im alten Letzigrund führte, bevor die Ernüchterung in Form von Verletzungen und übervorsichtigen Auftritten ohne Zug zum Tor kam.

Die nächsten Spiele Chikhaouis – oder die nächsten Verletzungen – werden zeigen, wo er sich auf der Liste der grössten Transfer-Flops einreiht. Ich wäre nicht FCZ-Fan, wenn ich nicht doch noch hoffen würde. Xavier Margairaz hat schliesslich nicht umsonst gesagt, dass Chikhaoui heute bei Real Madrid spielen würde, wenn er von den verheerenden Verletzungen verschont geblieben wäre. Die Ballfertigkeit, der Antritt und die Eleganz des tunesischen Ausnahmekönners faszinieren die Super-League-Profis gleichermassen wie die Zuschauer auf den Rängen. Unvergessen, wie der Nigerianer Tico – nicht eben bekannt geworden für seine Torgefährlichkeit – den FCZ im April 2009 in der Anfangsphase gegen YB in Führung brachte, sein Trikot auszog und darunter ein Shirt mit der Aufschrift «Yassine is back» präsentierte. In jenem Spiel gab Chikhaoui nach über einem Jahr Verletzungspause ein kurzes Comeback, wo jede seiner Ballberührung vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

Und welcher Anlass wäre besser geeignet für Chikhaouis neuerliche Auferstehung als ein Derby gegen GC? Deshalb gehe ich am Samstag voller Vorfreude zum Derby im Rahmen der Super League und am 17. April zum Cup-Halbfinal gegen die Hoppers. Wenn Chikhaoui erst die Meister- und dann die Cup-Träume des Lokalrivalen platzen liesse, wäre dies doch fast so schön wie ein Titel. Ich warte und hoffe – wie einst bei Guerrero.

Lesen Sie morgen im Steilpass mehr über das Derby FCZ-GC.

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33 Kommentare zu “Das tunesische Fragezeichen”

  1. Michel sagt:

    Bester Steilpass-Beitrag seit Ewigkeiten!

  2. Wishaw Thomas sagt:

    Guten Tag Herr Zimmerli
    natürlich ist er noch nicht in dieser grossartigen Form wie vorher. Da braucht er, meiner Meinung nach, ca. ein 1/2 Jahr Spielpraxis.
    Noch folgendes: Wieviele Assists (Zuckerpässe) seit der Winterpause hat er schon? Von der Angriffsauslösung spreche ich gar nicht.
    Weiss das jemand?
    ps. Welcher Verein hat keine sog. Fehltransfers?
    Gruss

  3. Luditius sagt:

    Als YB-Fan kann man zu einem Fehltransfer wie Yassine Chikhaoui nur gratulieren… 😉

  4. Villiger Roland sagt:

    Es gibt zwei Betrachtungsweisen, die Sportliche und die Moralische. Moralisch gesehen hat der FCZ absolut richtig ja sogar vorbildlich gehandelt, welcher Arbeitgeber bringt seinen Mitarbeitern noch soviel Loyalität und Verständnis entgegen, gerade in der heutigen Zeit? Sportlich betrachtet wäre aber Chikhaoui klar als Fehltransfer einzuordnen! Als eher kritischer Zeitgenosse ggü der heutigen FCZ-Führung muss ich aber klar festhalten, der FCZ hat in diesem Fall seine soziale und moralische Verantwortung in beispielhafter Art und Weise wahrgenommen, Chapeau!

  5. Redl sagt:

    Guter Start Zimmerli!
    Es wird schwierig sein den Sachverstand von Mämä zu toppen. Aber zu zeigst Farbe (die richtigen) und Humor.
    Wiiter so.

  6. Tsürisee sagt:

    spricht mir direkt aus der Seele…hoffentlich spielt er bald wieder wie früher…ist ein richtiger Genuss ihm zuzuschauen…

  7. Ich bin ebenfalls sehr überzeugt von Chikhaouis Fähigkeiten – ob der Verfasser des Artikels die letzten 80 Jahre Schweizer Fussball zu überblicken vermag darf aber hinterfragt werden. Bitte denken Sie an die Kuhns, Botterons, Jerkovics, Katics, Risis, Jeandupeux etc. die im Letzigrund auch schon für Begeisterungsstürme sorgten – allerdings mit Meistertiteln. 🙂

  8. Bruno sagt:

    Schad, dass der Tagi sich einen FCZ-Blogger leistet, aber keinen GC-Blogger. Das ist in etwa gleich wie der SRF, der bei FCB Spielen den Huggel als Co-Moderator einsetzt. Einseitig, unfair, vorausschaubar, langweilig. Dennoch der beste Blog seit einer gefühlten Ewigkeit. Das sagt ja alles über Qualität dieses Blogs.

  9. michael sagt:

    Guter Artikel! Auch für mich ist Yassine der Hauptgrund mich in den Letzigrund zu bewegen. Seine Leidensgeschichte fast schon einmalig. Dazu: Niemand hat mehr auf ihn gesetzt und siehe da: er spielt seit kurzem wieder in der Anfangsformation, und ist dabei nicht nur der entscheidenene Passgeber sondern auch massgeblich am Erfolg des FCZ in der Rückrunde beteiligt. Ich wünsche Yassine nur das beste und dem Schweizer Fussball, dass dieser begnadete Techniker noch so lange wie möglich in unserem Land zu bestaunen ist.

  10. Auguste sagt:

    hmm…, gestern spielte auch roque santa cruz am ende noch kurz mit in malaga. auch so einer, dessen verletzungen eine mögliche grosse spieler-karriere scheibchenweise abtrugen, bis am ende nur noch ein zipfel davon übrigblieb. am tag davor spielte arjen robben wieder einmal gesund, fit und in form. aber die vielen verletzungen haben ihn mittlerweile nur noch zum einwechselspieler werden lassen.

    verglichen mit solch unglücklichen beispielen, sind doch die jungs, die wie eren derdiyok daheim auf scherben treten und sich ein paar spieltage aus dem spiel und team nehmen, oder robbie keane, der einst einen bänderriss erlitt, als er die tv-fernbedienung mit dem fuss drücken wollte, mario gomez, der sich aus wut über eine knieverletzung auch noch die hand brach, als er wütend auf den metallkoffer des teamarztes schlug, kevin keagan, der verletzt ausfiel, weil er mit dem grossen zeh im abfluss der dusche stecken geblieben war, oder der legendäre charlie george (arsenal, derby county), der sich beim rasenmähen gleich den ganzen zeh abhackte, fast schon wieder wahre glückspilze.

    die obenaufgeführten beispiele stammen übrigens aus der sammlung des deutschen sportjournalisten christian eichler, der auch gerne mal einen blick auf die skurrilen seiten des spiels wirft.

  11. roberts sagt:

    Yassine ist defintiv kein Fehleinkauf. Der beste Fussballer der jeh in der Schweiz gespielt hat. Herr Zimmerli. Ich verstehe nicht, wieso nicht mehr über diesen Ausnahmekönner und seiner unerwarteten Rückkehr berichtet wird.

    PS: auch der mit den meisten “likes” auf facebook:) Bonne Chance Yassine!!!

    • Ruedi von Steiger sagt:

      Ja klar. Im Vergleich zum Jahrhundertspieler Chickaoui waren Leute wie Karl-Heinz Rummenigge, Giovane Elber, Sonny Anderson, Mauro Galvao oder Ivan Zamorano absolute Durchschnittskicker.

      • Fabien sagt:

        @Ruedi, du musst verstehen, beim FCZ ist der Anteil Event- und Modefans beträchtlich.

      • TG sagt:

        Nicht zu vergessen Richard Nunez mit schlappen 156 Scorerpunkten in 127 Spiele. Ein DRECK gegen Chickaoui… Nein Chikhaoui hätten den FCZ in den letzten 5 Jahren zu 5 Meistertitel geschossen, im Alleingang, so gut ist er.
        Vielleicht kommt er ja auch nicht so au touren weil er sich mehr aufregt und beim Schiri beklagt anstatt Fussball zu spielen…

        • kurt abächerli sagt:

          yassine ist auch moralisch ein fehleinkauf. wie war das mit den aussagen zum karrikaturen-streit.

  12. michael sagt:

    yassine ist unglaublich. seine lange leidensgeschichte, seinen wie ich meine lobenden charakter, den unerreichten spielwitz. er ist an der guten rückrunde des fcz massgeblich beteiligt. die meisten haben ihn schon lange abgeschrieben, dass er nun und nach nur vier spielen in der anfangsformation jeweils der entscheidende spieler des fcz ist, spricht für ihn. ich leide und hoffe mit ihm. bravo ysssine.

  13. René Obi sagt:

    Sein Spiel letzten Samstag kam doch langsam seinen grossen Auftritten vor ein paar Jahren ein wenig näher. Auch wenn er nicht voll in die Zweikämpfe ging hat er neben dem sporadischen zaubern auch defensiv gut gekämpft. Ich habe gute Hoffnung, dass er es nochmals packt, uns nochmals ein, zwei Jahre viel Freude macht und dann in einem guten Ligue 1 Club ein paar Jahre lang für Furore sorgt.
    Was ist überhaupt ein Fehltransfer? Wenn jemand ohne äussere Umstände die Erwartungen nicht erfüllt? Bei Yassine Chikhaoui war es hingegen ausschliesslich viel Pech mit den zahlreichen Verletzungen. Darum kann man ihn meiner Meinung nicht als Fehleinkauf bezeichnen.

  14. Pirmin sagt:

    Wir werden es sehen, als langjähriger GC Fan erhoffe ich mir den gegenteiligen Ausgang der beiden Derbypartien. First club in town ftw!

  15. Fabien sagt:

    Ja, liebe FCZ-Fans, lobt ihn in den Himmel. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es ihm (wieder) in den Kopf steigt. Er wird sich genau dann von euch verabschieden, wenn ihr ihn am meisten braucht.

  16. alex frei sagt:

    haha, “Regen, Kälte, Wind von vorne, hinten, links und rechts. Letzigrund-Tristesse halt.” gut gebrüllt! aber es gibt eine lösung: fc basel fan werden.

    • Daniel Elber sagt:

      ne, fcz fans werden wohl eher (wieder) gc fans, läuft momentan nicht schlecht und in das böse letzigrund müssen sie auch nicht mehr: nöd oises stadion!!

  17. Jack Muller sagt:

    Herr Zimmerli, sie sprechen mir aus der Seele. Was waren das noch für Zeiten, als er gross aufzuspielen wusste. Auch ich hoffe mit jeder seiner Ballberührung… Toller Einstieg. Weiter so…

  18. Daniel Gut sagt:

    Mit Folgendem Satz habe ich ein wenig Mühe:

    Ich will auf jeden Fall dabei sein, wenn der talentierteste Spieler, der in den letzten 80 (!) Jahren in der Schweiz gespielt hat, endlich wieder explodiert.

    Fensterplatz gehabt in Fussball-Geschichte??? Oder halt “ich bi imfall scho immer fcz fan gsi”???

  19. Peter Essig sagt:

    Sehr guter Einstand Herr Zimmerli,

    Aber wie weiter oben schon erwähnt ist seine Rückkehr mit einer der wichtigsten Gründe für die bisher gute Rückrunde.
    Und somit kann er spielerisch nicht ein Fehleinkauf sein. Die von Ihnen genannten Beispiele haben alle nie einen Einfluss auf irgendwas gehabt. (Ausser auf die Finanzen)
    Einzig seine Verletzungen könnten ihn dazu degradieren. Und diese kann man ihm beim besten Willen nicht vorwerfen.

    Herr Müdespacher: Chikhaoui hat sehr wohl einen Titel. Obwohl nur kurz gespielt, hat er zum 2009er Titel beigetragen. Unvergessen die letzten Minuten beim letztendlich entscheidenden Spiel in Bellinzona, als kurz vor Schluss er, Margairaz und Abdi den Ball auf gefühlten drei Bierdeckeln mit sensationellem Kurzpassspiel hielten!

    • Jawohl Herr Essig, daran erinnere ich mich selbstverständlich 🙂
      Ich habe gar nicht behauptet, dass Chikhaoui an keinem Meistertitel Anteil hat – im Gegenteil, ich halte sehr viel von diesem wohl zur Zeit begabtesten und attraktivsten Spieler der obersten Schweizer Liga. Persönlich fände ich es wirklich schade, wenn er “meinen” Verein verlassen würde.
      Freundliche Grüsse aus dem Oberland

  20. Jani Tihinen sagt:

    Herr Zimmerli,

    Ich schliesse mich gerne meinen Vorschreibern an. Ein sauberer Abstoss zum Einstand, für einen Mann mit ihren technischen Fertigkeiten eigentlich ja auch selbstverständlich.

    Würde gerne mal einen Artikel über das finnische Ausrufezeichen lesen.. 😉

    Zu Herrn Frei: in der Tristesse in Zürich lässt es sich ganz gut aushalten, ab und an ne 93. Minute und wir sind wieder zufrieden für die nächsten paar Jahre.

  21. Matthias Steiner sagt:

    Schade, dass Fussball eine Mannschaftssportart ist. Es braucht nicht einen einzelnen Könner, sondern eine stilsichere Mannschaft, einen erfahrenen Trainer, ein weitsichtiges Präsidium, und viel, viel Batzeli.

    Da dies alles beim FCZ fehlt, wird er in ZH die zweite Geige, und national etwa die 5. Geige spielen, trotz der Wüstenballerina, jeweils frisch vom Orthopäden.

    Und bester Fussballer der letzten 80 Jahre ist wohl als Witz gemeint. Soo gross sind seine Fussabdrücke noch lange nicht.

  22. Simon Zimmerli sagt:

    Herr Tihinen, Sie reden wohl von Veli Lampi? Es tut mir leid, den habe ich vergessen 😉

  23. Martin Heinrich sagt:

    Super Chikhaoui, 0:1 und 0:2 gehen auf deine Kappe.

    Der Penalty war ja sowas von Amateurhaft… bester Fussballer 😀