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Grazie Cavaliere!

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 7. März 2013

Ein Gastblog von Vincenzo Capodici*

Silvio Berlusconi ist ein übler Zeitgenosse. Sein Aufstieg zum reichsten Unternehmer und lange Zeit mächtigsten Politiker Italiens gründet nicht zuletzt auf Tricks und Täuschungen, Betrug und Bestechung. Der Cavaliere müsste eigentlich längst hinter Gittern sitzen.

Trotzdem: Berlusconi verdient auch Lob und Anerkennung, weil er als Präsident der AC Milan viele Jahre ein bedeutender Förderer des spektakulären Fussballs war. Die Befreiung des Calcio aus seiner Langeweile ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Der kürzliche 2:0-Sieg im Hinspiel des CL-Achtelfinals gegen den scheinbar übermächtigen FC Barcelona erinnert an die Glanzzeiten von Milan. Dem Berlusconi-Club hat der Fan des attraktiven Fussballs denkwürdige Spiele und unvergessliche Momente zu verdanken.

Vor 27 Jahren hatte der damals aufstrebende Medienunternehmer die AC Milan gekauft. Böse Zungen behaupten, dass Berlusconi in seiner Jugend Inter-Fan gewesen war. Inter und Milan – das verträgt sich gar nicht. Von einem zum anderen Mailänder Grossklub überzulaufen, ist Hochverrat. Opportunisten wie Berlusconi ist dies allerdings ziemlich egal.

Wie dem auch sei: Berlusconi und Milan sollten bestens zusammenpassen. Der einst stolze Traditionsclub war beim Einstieg von Berlusconi sportlich nur noch Mittelmass und finanziell am Ende. Berlusconi sanierte Milan rasch und holte zwei der spannendsten Spieler der Achtzigerjahre, Ruud Gullit und Marco van Basten; Franco Baresi und den jungen Paolo Maldini hatte er bereits im Team. Vor allem traf der Milan-Präsident die visionäre Entscheidung, Arrigo Sacchi, einen unbekannten Trainer der Serie B, zu verpflichten.

Die Liaison von Sacchi und Berlusconi veränderte den italienischen Fussball zum Guten. Plötzlich gab es Offensivspektakel in der Serie A. Und ganz Europa schaute verblüfft und begeistert nach Italien. Mit taktischen Innovationen wie Pressing oder Zonendeckung entwickelte Sacchi seine Version des holländischen «Total Voetbal» – damit legte er die Grundlagen des zeitgenössischen Fussballspiels. Die Milan-Mannschaft von Sacchi bot vor allem im Meistercup 1988/89 berauschende Vorstellungen – in Erinnerung bleiben vor allem das 5:0 gegen Real Madrid im zweiten Halbfinalspiel und das 4:0 gegen Steaua Bukarest im Endspiel. Das war brillanter Fussball.

Auch die zweite grosse Milan-Ära der Berlusconi-Regentschaft begann mit einer eigenwilligen Trainerwahl. Der damalige Trainer-Neuling Fabio Capello predigte zwar eine defensivere Spielweise, formte aber um virtuose Spieler wie Dejan Savicevic eine Mannschaft, die für Furore sorgte. Capellos Milan gewann vier Scudetti und die Champions League der Saison 1993/94. Eine Meisterleistung gelang den Mailändern im Final, als sie das furchterregende Barcelona von Trainer Johan Cruyff und Stürmerstar Romario mit 4:0 demütigten.

Nach Sacchi (1986 bis 1991) und Capello (1991 bis 1996) war es Carlo Ancelotti (2001 bis 2009), der eine spielstarke und erfolgreiche Mannschaft formte. Diese Milan-Ära mit zwei Champions-League-Siegen (2002/03 und 2006/07) prägten grossartige Spieler wie Andrej Schewtschenko, Pippo Inzaghi, Kakà, Alessandro Nesta, Paolo Maldini (immer noch er), Clarence Seedorf und Andrea Pirlo.

Seit sechs Jahren sucht Milan Glanz und Grösse früherer Tage. Das neuste Team hat zwar eine sehr bescheidene Hinrunde hinter sich, kommt aber immer besser in Fahrt, wie auch der jüngste CL-Sieg gegen Barcelona zeigt. Und weil es ein flexibles Spielsystem pflegt und hochbegabte Spieler wie El Shaarawy und Mario Balotelli hat, wächst bei Milan wieder eine vielversprechende Mannschaft heran.

Fazit: Für Milan und den italienischen Fussball hat sich Berlusconi als Segen erwiesen – ganz anders als für die Politik. Wie viel der Cavaliere wirklich über Fussball weiss, ist bis heute nicht klar, obwohl er sich gerne in Taktik-Debatten einmischt und Ratschläge erteilt. Immerhin hat es der heutige Ehrenpräsident der AC verstanden, in der Milan-Chefetage fähige Leute um sich zu scharen. Bei der Trainerwahl hatte er oft den richtigen Riecher und für Spielereinkäufe das nötige Geld. Berlusconi ermöglichte Milan-Teams, die Spektakel boten und in die Geschichte des Fussballs eingingen. Berlusconi sei dafür gedankt, obwohl er ein übler Zeitgenosse ist. Grazie Cavaliere!

*Vincenzo Capodici ist Reporter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Obwohl er Fan von Juventus Turin ist, musste er immer wieder anerkennen, dass Milan den besseren Fussball spielte.

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