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Warum mir die Freude am Fussball verging

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 14. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Nina Merli*


Mein Sommer 1982 war legendär: Ich war knapp sieben Jahre alt, durfte bis spät am Abend wach bleiben und erst noch laut schreiend auf dem Sofa rumhüpfen – einen ganzen Monat lang. Denn es war WM und als Tochter eines Italieners hatte ich gar keine andere Wahl als jedes Mal mitzufiebern, wenn die Azzurri den Rasen betraten. Ich sah meinen Vater und seine Freunde weinen vor Freude und Paolo Rossi heilig sprechen.

Und auch nach diesem magischen 1982 – als Italien Deutschland im Finale mit 3:1 besiegte (tut mir leid, aber das muss ich an dieser Stelle einfach mal kurz in diesen Blogbeitrag einfliessen lassen) –, schlug mein Herz noch einige Jahre für die Italiener weiter, obwohl es ganze 24 Jahre dauerte, bis sie endlich wieder die begehrte Coppa nach Hause brachten. So fieberte auch ich 2006 noch mit und freute mich über den Sieg der Squadra Azzurra. Doch meine Freude am Fussball, die sich inzwischen komplett in Luft aufgelöst hat, hatte zu jenem Zeitpunkt schon arg nachgelassen. Aus verschiedenen Gründen. Ich werde versuchen zu erklären, wieso mich die Fussballwelt – leider – mittlerweile nur noch zutiefst deprimiert.

Mein erster Fussball-Dämpfer kam schon früh. 1985. Um genauer zu sein am 29. Mai 1985, als der FC Liverpool in Brüssel auf Juventus Turin traf. Was mehrere Stunden vor dem Spiel mit gegenseitigen Pöbeleien der Fans anfing, endete kurz vor Spielbeginn in der Katastrophe von Heysel – 39 Menschen, darunter auch Kinder, starben, mehrere Hundert wurden verletzt. Knapp zehn Jahre alt, sass ich ungläubig vor dem Fernseher und konnte nicht glauben, was ich da sah. Genau so wenig wie die Gewalt verstand ich, weshalb das Spiel am Ende doch noch angepfiffen wurde. Wieso weigerten sich die Fussballer nicht? Und wieso wollten die Fans dieses Spiel überhaupt noch sehen?

Mir kommt keine andere Sportart in den Sinn, die dermassen gewaltbereite Fans wie der Fussball hat. Sogar wenn sie einen Grund zum Feiern haben, kommen sie nicht darum herum, auf irgendeine Art und Weise andere fertig zu machen – sei es verbal oder körperlich. Warum, liebe Fussballfans, ist das so? Ich denke da zum Beispiel an die Meisterfeier des FC Zürich, als dieser 2009 zum zwölften Mal Schweizermeister wurde und die Fans bis früh in den Morgen im Zürcher Langstrassenquartier «feierten» – so freute sich ein ganz einfallsreicher Fan derart über den Sieg seines Clubs, dass er mein auf der Strasse parkiertes Velo mit Fusstritten traktierte, um am Ende noch genüsslich – entschuldigen Sie die Wortwahl – darüber zu pissen. Wow, it’s party time! Aufgehört hat er übrigens erst, als ich ihm aus meiner Wohnung aus dem 2. Stock aus ein dickes Buch auf seinen Hohlkopf knallte. Gewalt erzeugt nun mal Gewalt.

Doch den randalierenden Fans allein die Schuld an meiner Anti-Fussball-Haltung zu geben, wäre unfair. Denn auch Figuren wie Luciano Moggi haben dazu beigetragen, dass ich den sportlichen Gedanken beim Fussball nicht mehr erkennen kann. Ausgerechnet Moggi, der in Italien als der Fussballkenner und als Ziehvater einiger der grössten Kickertalente Italiens galt, wurde 2006 dank der «Gazzetta dello Sport» als Hauptakteuer des grössten Fussballskandals in der Geschichte Italiens entlarvt. Gekaufte Schieds- und Linienrichter, Mafia-Verstrickungen und Unsummen von Geld. Wo wir schon beim Thema Geld sind: Ist es gerechtfertigt, dass Top-Fussballer über zehn Millionen Euro im Jahr verdienen und dass sie bis zu 100 Millionen Euro Marktwert haben? Und auch die Fifa-Vergabe der WM 2018 und 2022 an Russland und Katar bestätigt, dass die Welt des Fussballs vor allem noch eins ist: käuflich.

Dieser Blog-Beitrag wird sehr vielen Fussballfans mit Sicherheit sauer aufstossen. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren und bitte an dieser Stelle um einen Blog, der mir die Freude an diesem Sport wieder gibt. Der mich überzeugt, dass es sich immer noch lohnt mitzuleiden, über grandiose Pässe zu staunen, magische Tore immer und immer wieder auf Youtube anzuschauen und sich im freudigen Jubel zu umarmen, wenn der Schlusspfiff fällt. Denn darum geht es doch im Fussball.

*Nina Merli ist Reporterin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet und leitet den Mamablog.

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